Buchpreis-Gewinnerin Terézia Mora Unterm Strich lauert das Ungeheuer

Der Roman ist ein bewegender Roadtrip und ein Blick in den Abgrund der Seele. Der Deutsche Buchpreis für Terézia Moras "Das Ungeheuer" ist eine Auszeichnung für ein Kunststück: ein mitreißendes Buch über Schwermut, Trauer und Tod.

Von und Hans-Jost Weyandt

DPA

Terézia Mora hatte nichts vorbereitet: "Jetzt stehe ich da ohne eine Rede!", entfuhr es der Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2013, als sie bei der Verleihungszeremonie im Frankfurter Römer auf die Bühne trat. Der Pressemann ihres Verlages habe ihr noch einen Zettel zugesteckt, so Mora. Sie solle sich Notizen machen, für den Fall, dass sie gewinne - und sei es nur: "Thank you, Mom!" Aber, sie sei nun mal "kleingläubig" und habe nicht zu hoffen gewagt, dass der Preis tatsächlich an sie gehen würde.

Eine völlige Überraschung allerdings ist Moras Sieg keineswegs: Auf der sechs Titel umfassenden Shortlist für die populärste deutschsprachige Literaturauszeichnung lag der Schwerpunkt im Jahr 2013 auf Büchern über psychische Krise und Depression: Neben Moras Roman "Das Ungeheuer" waren das auch Marion Poschmanns "Die Sonnenposition" und Mirko Bonnés "Nie mehr Nacht".

Moras dritter, fast 700 Seiten dicker Roman ist unter diesen Titeln der, dessen Autorin am meisten gewagt hat. Im Mittelpunkt des Buchs steht ein Selbstmord. Flora, die Frau von Darius Kopp, einer Art Jedermann des IT-Zeitalters, hat sich das Leben genommen. "Das Ungeheuer" kreist um Schwermut, Trauer und Tod, Themen, die nicht zum zügigen epischen Fluss, sondern zum Stillstand tendieren. Doch ist das Buch Seelen- und Roadtrip gleichermaßen. Mora gelingt das Kunststück, den Leser mitzureißen.

"Das Ungeheuer" bietet gegenwartssatte Literatur von einer Autorin, die ganz unterschiedliche Stil- und Tonlagen beherrscht: Pulsierend hart und schnell, aber auch zermürbend, retardierend. Burschikose, laute Abschnitte kontrastieren mit suchend verdunkelten Passagen, die Tragik der Geschichte eines um die Liebe seines Lebens trauernden Mannes wird gekonnt von einer Komik abgefedert, die dreckig und zart sein kann, lakonisch und lyrisch, und die Erzählerperspektiven wechseln häufig von einem Satz zum anderen.

Grenzen des Verstehens

Ihren erzählerischen Balanceakt führt Mora vor Augen, indem sie eine horizontale Linie durch das komplette Buch laufen lässt, der jede Seite in zwei Hälften aufteilt und den Roman in zwei Teile: eine symbolische Trennlinie zwischen Mann und Frau, Gegenwart und Vergangenheit, Leben und Tod.

Während oberhalb der Linie erzählt wird, wie der trauernde Darius seiner Krise nach Floras Tod zu entkommen versucht, lauert unterm Strich das titelgebende Ungeheuer in den Tagebuchfragmenten Floras, die Darius liest, um die Flucht seiner Frau aus der Depression und dem Leben zu verstehen. Während Mora oberhalb der dünnen Linie einen Bilderreichtum bietet, der alle vergleichbaren Walacheitrips der neueren deutschen Jungsliteratur in der "Tschick"-Nachfolge schlägt, finden sich darunter die Fragmente einer Reise ins Verstummen, in den Tod.

Von den Grenzen des Verstehens und zugleich von den Versuchen, sie zu überwinden, erzählt dieser Roman: dem Verstehen eines Partners, eines Zustands, einer tödlichen Krankheit. Und von den Grenzen, die eine Sprache setzt. Flora stammt (wie Mora) aus Ungarn, arbeitet (wie die Autorin) als Übersetzerin, übersetzt dem Partner aber nicht die Sprache ihrer Gefühle. Die bleiben ihm fremd wie das Ungarische.

Das Tragische dabei dürfte sein, dass Flora ihre Gefühle vielleicht gar nicht ausdrücken kann. Wie die 1971 im ungarischen Sopron geborene, zweisprachig aufgewachsene und 1990 nach Berlin gekommene Mora diesen Zustand gestaltet, ist eine der überzeugendsten Versuche in der deutschen Literatur, Identität vor dem Hintergrund der Migration zu reflektieren.

Durch den Preis bestätigt sehen darf sich auch der Luchterhand Verlag, der, immer in Not, mit dem literarischen Kaufhausangebot von Random House gleichgesetzt zu werden, in den vergangenen Jahren ein eigenständiges Profil entwickelt hat durch einen Schwerpunkt auf die mitteleuropäischen Literaturen und die Betreuung junger deutschsprachiger Talente wie Saša Stanišic, Marica Bodrožic oder eben Mora.

"Das Ungeheuer" erinnert daran, wie befruchtend die viel beschworene Vielsprachigkeit Mitteleuropas noch heute sein kann, und muss verstanden werden als Danksagung der Autorin an die ungarische Literatur, eine der wichtigsten Europas, die nicht zuletzt dank des Austauschs zwischen den beiden Zentren Budapest und Berlin in den vergangenen Jahrzehnten eine selten große Zahl von Meisterwerken, mit Imre Kertész einen Nobelpreisträger, mit Péter Nádas einen Nobelpreiskandidaten, mit György Konrád und Péter Esterházy (den Mora übersetzt hat) zwei Friedenspreisträger hervorgebracht hat.

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insgesamt 2 Beiträge
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ijf 08.10.2013
1. Ungarn und seine Dichter
Meine Eltern hatten ungarische Freunde. Sie brachten mir deutsche Ausgaben der Werke von Mor Jokai und Sandor Petõfi mit - meine absoluten Lieblingsbuecher als Kind (Jokai) und Teeanger (Petõfi). Die Buecher haben bis heute einen prominenten Platz in meinem Buecherregal und gehoeren sichtbar zu den "zerfleddertsten" und meistgeliebten Exemplaren... Natuerlich waren das "historische" Romane und 1848er Revolutions-Lyrik, dennoch praegen diese Werke mein Bild der Ungarn bis heute. Umso gruseliger und trauriger ist es fuer mich, wenn ich sehe, wie sich das offizielle, politische Ungarn heute praesentiert.
knutka 08.10.2013
2. Depri Lieder, Depri Bücher
Die Verarbeitung schwerer Themen in der Literatur ist sicherlich nichts Ungewöhnliches. Liebe, Melancholie und auch gerne die psychische Krise können Bestandteil guter Romane sein. Auch der Tod darf eine Rolle spielen, gehört er doch zum Leben genauso dazu, wie das Glück der Kindheit und auch der späteren Jahre. Aber warum muss die deutschsprachige Literatur hier wieder so maßlos übertreiben und die Juroren dabei auch noch gnadenlos mitspielen. Das, was mich im Radio durch die neuen deutschsprachigen Lieder mittlerweile ständig begleitet, hat jetzt auch in der deutschen Literatur Einzug gehalten. Friedrich Glauser konnte übrigens Lebensbejahung und Krise miteinander vereinen und trotzdem eindringlich und nachwirkend schreiben (darunter auch ein sehr guter Anstaltsroman und dazu noch glaubhaft). Zum Glück gibt es auch zeitgenössische Autoren, die sich darauf verstehen, z. B. Silvio Huonder, Kai Weyand und Fabian Holting.
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