Buchpreis-Kandidat Lappert Die rätselhafte Sehnsucht nach der Mietskaserne

Ein gestrandeter Kinderleichnam am Mittelmeerstrand spielt eine Rolle in Rolf Lapperts "Über den Winter" - doch der für den Deutschen Buchpreis nominierte Künstlerroman ist zu eigensinnig, um sich auf Gegenwartsbezüge reduzieren zu lassen.

Buchpreis-Kandidat Rolf Lappert: Nominiert für Künstlerroman
DPA

Buchpreis-Kandidat Rolf Lappert: Nominiert für Künstlerroman

Von Hans-Jost Weyandt


Lennard Salm ist einer jener Künstler, die sich als Sammler verstehen. Er arbeitet mit Alltagsgegenständen, Fundstücken, die er in seinen Installationen zu recht plakativen Botschaften neu arrangiert, und das ertrunkene Baby, dessen Anblick seine Konzepte sprengt, findet er an einem Mittelmeerstrand im Schwemmgut, das er aufliest für ein geplantes Arrangement zum Elend der Migration.

Der winzige Leichnam, sorgsam in Tücher gewickelt, festgebunden an der Ruderbank eines gekenterten Flüchtlingsboots, das kieloben im seichten Wasser dümpelt, ist das einzige gestrandete Opfer eines Wintersturms, und Salm, umgeben von einer Stille, "größer als das Universum", fotografiert es.

Es ist der Höhepunkt im Prolog von Rolf Lapperts Roman, der Endpunkt eines gut 30 Seiten langen Irrens durch eine touristisch verwüstete Winterlandschaft an der südeuropäischen Peripherie, das seinen Protagonisten Salm derart zielgenau über Bilder und Zeichen der zentralen Gegenwartskonflikte stolpern lässt, von den Verteilungskämpfen zwischen Nord- und Südeuropa bis eben zur Flüchtlingskrise, als habe der Schweizer Schriftsteller mit "Über den Winter" den politischen Roman zur historischen Stunde schreiben wollen, einen Künstlerroman, der moralisch-ästhetische Fragen im Umgang mit dem realen Leid reflektiert, wie sie das Zentrum für Politische Schönheit provoziert hat.

Ein Hamburg wie aus einem Wenders-Film

Das wäre kühn, doch die Erwartung täuscht, auch deshalb, weil Salm, ein desillusionierter Mann um die 50, des Reflektierens müde ist. Doch nicht weniger kühn ist der Bruch, der wenige Seiten später folgt, wenn ihn die Nachricht vom Tod einer Schwester erreicht. Seine namhafte Künstlerexistenz lässt Salm an der namenlosen Küste mit dem namenlosen Baby gleichsam liegen und schlüpft in die Rolle des verlorenen Sohns, der sich gleich einem namenlosen Fremden seiner Familie in Hamburg annähert.

Statt Vater oder Schwester aufzusuchen, checkt Salm in einem billigen Hotel hinter dem Hauptbahnhof ein - vielleicht aus einer den Melancholiker adelnden Scheu, vielleicht, weil einsame Männer im Film noir das halt so machen.

Vielleicht steht er aber auch komplett neben der Spur, denn seltsam kenntnislos bewegt er sich auch durch die Stadt, in der er ja aufgewachsen sein soll: ungefähr so, mag man zuweilen spötteln, wie ein Schweizer Schriftsteller auf Recherchereise, dessen winterliches Hamburgbild vom unterkühlten Erzählen der späten Siebzigerjahre geprägt ist, von Wenders' Film "Der amerikanische Freund" und dem Norddeutschland in Nicolas Borns Dichtung. Der Roman hat einen starken nostalgischen Dreh.

Die Tristesse einer erschöpften Stadtlandschaft, die Lappert im proletarisch geprägten Wilhelmsburg findet, erzählt weniger, wie vom Erzähler intendiert, von gegenwärtigen Konflikten, als dass sie die leicht patinierte Kulisse für eine erzählerische Meditation bildet: über die globale Kälte und die regressive Sehnsucht nach dem wärmenden Herd der Kindheit - und sei es in der bedrückenden Enge einer Mietskaserne.

Aus dieser Ambivalenz bezieht der Roman seine Spannung: Mit jeder neu entdeckten städtischen Brache, die er allerdings nie zum Idyll verklärt, scheint er sich der Gegenwart weiter zu entwinden, die er doch so genau zu beschreiben behauptet.

Versumpfen zu Leonard Cohen

Denn der melancholische Einzelgänger Salm, als literarische Figur selbst ein Auslaufmodell, das allenfalls noch in Schwedenkrimis sein freudloses Dasein wallandert, hat in dem Erzähler des Romans einen treuen Begleiter, der mit erstaunlicher Ausdauer festhält, was der stets fröstelnde Protagonist auf seinen Trips zu den versprengt lebenden Familienmitgliedern so macht und sieht.

Während Salm seine Trostlosigkeit im Alkohol betäubt, in der ärmlichen Küche des Vaters die Suppe der polnischen Haushaltshilfe auslöffelt und mit der jüngeren Schwester in geschwisterlicher Vertrautheit versumpft, bis der letzte Leonard-Cohen-Song verklungen ist, bleibt der Erzähler hellwach und übernimmt den Job des Ex-Künstlers.

Er sammelt, und er ordnet seine Funde zu Serien, die er in stetem Wechsel in die Erzählstrecke integriert: Er sammelt auf Hauswände gesprayte Sprüche, die wie Wegweiser für den Heimsucher Salm funktionieren; die Interieurs verlebter Wohnungen, die an Installationen von Ed Kienholz und Ilja Kabakov erinnern; die Lebensgeschichten gescheiterter Männer, denen sich Salm nahe fühlt. Ein Bauer, der die letzte Kuh verkauft, und ein Friseur, dessen altmodische Kunst der Servilität nicht mehr gefragt ist, gehören ebenso wie ein ausgesetztes Pferd in ein erzählerisches Tableau, das von der "Liebe zur Einfalt" (Genazino) erzählt, manchmal anrührend bieder, nie aber rührselig.

Die Grenzen der spröden Beschreibungskunst

Und manchmal, wenn Lappert die kümmerlichen Beerdigungen der älteren Schwester und des Flüchtlingsbabys ineinanderspiegelt oder das am Strand verstreute Gepäck der Migranten in eine Reihe setzt mit den ärmlichen Inhalten von Koffern, die auf den Dachböden von Mietskasernen verstaubt sind, dann gewinnt sein Erzählen eine Weite, die Disparates unversöhnt nebeneinander stehen lässt - und genauso schwer verständlich ist wie die Sehnsucht Salms nach der familiären Enge, vor der er ein Erwachsenenleben lang geflohen ist.

Wenn der Sohn Lennard sich an den väterlichen Küchentisch sehnt, um gleich dem Vater mit den Kästchen von Kreuzworträtseln die Zeit bis zum Tod zu füllen, gelingt Lappert ein großartig widersprüchliches Bild, das Trost aus der Trostlosigkeit gewinnt. Wenn der Autor Lappert jedoch versucht, der emotionalen Erstarrung, die er in seiner Wilhelmsburger Galerie der Verlorenheit variiert, eine Bewegung abzutrotzen, stößt seine spröde Beschreibungskunst an ihre Grenzen.

Dass in dem wortkargen Salm ein traumatisierter Bengel steckt, den ein innerfamiliäres Schweigegelübde emotional verkarsten ließ, ist eine läppische Motivierung, die allenfalls einem psychologischen Familienroman erzählerische Dynamik verleihen könnte. Doch Dynamik verweigert sich dieser Roman.

Und wenn Jenny Erpenbecks Buch "Gehen, ging, gegangen", das mit "Über den Winter" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht, gefeiert wird als der Roman zur politischen Situation, die nicht zuletzt durch das Foto eines ertrunkenen Flüchtlingskinds ausgelöst wurde, so behauptet dieser Roman einen irritierenden Eigensinn, der sich jeder Bewegung widersetzt.

Anzeige

LITERATUR SPIEGEL auf Facebook

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.