Deutscher Buchpreis für Frank Witzel Die alte Bundesrepublik als Irrenanstalt

Der Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" ist ein komplexes und sprachmächtiges Werk, das an die Beengtheit einer ganzen Epoche erinnert. Hat es den Deutschen Buchpreis verdient?

Von Thomas Andre

DPA

Die Jury hätte es sich einfach machen und Jenny Erpenbecks Flüchtlingsroman prämieren können, der thematisch das Buch der Stunde ist. Hat sie aber nicht. Sie hat das komplette Gegenteil getan und "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet - und damit den außergewöhnlichsten und anspruchsvollsten Sieger-Roman in der Geschichte dieses renommierten Preises gekürt.

Ernsthaft hatte vorher niemand auf den Erzähler Frank Witzel gesetzt, der vorher ein paar Bücher im linken Hamburger Nautilus-Verlag veröffentlicht hatte und danach jahrelang an diesem Riesenwerk arbeitete, in dem die literarisch oft sehr fruchtbare Charaktereigenschaft des künstlerischen Größenwahns zu einem wilden Textkonvolut geronnen ist. Mit einem verschreckten Jungen als Helden, der der Enge seiner Herkunft kurioserweise mithilfe der bedrohlichen bipolaren Aufteilung der Welt zu entkommen sucht: hier der Westen, autoritäre Strukturen und Nazi-infizierte Funktionsträger; dort die DDR, Kaufhaus-Brandstifter und die Terror-Guerilla.

Eine Mentalitätsgeschichte Westdeutschlands

In dem mit gewaltigem erzählerischem Aufwand, dem kaum einmal ein linear zu nennender Handlungsfluss entspringt, hergestellten Geschichtspanorama wird eine Mentalitätsgeschichte Westdeutschlands erzählt, die in Erinnerung ruft, dass hier die ersten Jahrzehnte eines jungen Landes auf die bösestmögliche Epoche folgten. Der Moder ist noch da, und als kollektives Unbewusstes nistet er sich auch in der Psyche eines Heranwachsenden ein, weil es keine Diskontinuität der Erfahrung gibt. Keine Sache ist einfach so erledigt.

Witzel beschreibt in "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" die alte BRD als Irrenanstalt und spiegelt in ihr die Adoleszenzprobleme seines Helden, der unter dem Vater leidet, unglücklich liebt, der zugedröhnt im Sängerheim in Wiesbaden-Biebrich aufschlägt und danach ins Sanatorium muss - aber der Tristesse vor allem durch imaginierte Gewaltakte und die Beatles entfliehen kann.

Ein Rebel Yell, der auf seine Weise die unheilvollen Konflikte zwischen den Generationen und den Weltanschauungen ausagiert. In mäandernden Dialogen, die sein späteres Erwachsenen-Ich mit einem nicht näher eingeführten Ermittler führt, äußerst sich das Selbst-Tribunal vieler Linker, die sich die eigenen Verblasenheiten eingestehen mussten und unter Verlustschmerzen litten. Witzels "Erfindung" ist ein übler Trip, sein Held ein entfernter Verwandter Bernward Vespers, dessen Romanessay "Die Reise" als Schlüsseltext der roten Siebzigerjahre gilt.

Ein wichtiges Zeitzeugnis

Erzählt uns Witzels Buch etwas Neues über den RAF-Terror? Sicherlich nicht. Aber als Zeitzeugnis ist es genauso wertvoll wie Lutz Seilers Aussteigerroman "Kruso", der die letzten Jahre der DDR beleuchtete. In Witzels Roman hätte es nicht all die philosophischen Traktate gebraucht; die hier und da ins Irgendwo tendierenden Abschweifungen werden jedoch durch die funkelnde Metaphorik aufgewogen.

Das Urteil der Jury ist eine deutliche Ansage. Sie surft nicht auf der Welle des Zeitgeists und widerstand der Versuchung, die Relevanz von Literatur vor allem nach inhaltlichen Maßstäben zu bemessen. Sie entschied sich für einen kunstvoll arrangierten, wahrhaft literarischen Roman, der die Literatur als Sphäre der Herausforderung, des Sprachkomplexen und ja, auch der Mühsal re-installiert.

Ein anderer Siegertitel wäre sicher massentauglicher gewesen. Auf diese Kategorie hat sich die Jury gar nicht erst eingelassen. Man darf und man sollte sie dafür loben.

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