Buchpreis-Kandidat Clemens J. Setz Mumpitz!

Hilfe, der Buchpreis dreht durch! Clemens J. Setz' Roman "Indigo", einer der Kandidaten für die populärste deutsche Literaturauszeichnung, ist ein schrilles Vexierkabinett, vollgestopft mit Verweisen auf alles Abseitige und Grausame - oder ist das alles doch nur eine Luftnummer?

Von

Schriftsteller Clemens J. Setz: Es gibt da ein unterirdisches System
Paul Schirnhofer/ Suhrkamp Verlag

Schriftsteller Clemens J. Setz: Es gibt da ein unterirdisches System


Zu den schönen Wörtern der deutschen Sprache, die viel zu selten benutzt werden, gehört Mumpitz. Was heißt da "Mumpitz."? Mumpitz begnügt sich nicht mit einem Punkt, akzeptiert schon gar kein Fragezeichen. Mumpitz will und sollte deshalb allein mit einem Ausrufezeichen verwendet werden: Mumpitz!

Zu den wenigen Generalurteilen über den Deutschen Buchpreis hingegen, die an dieser Stelle noch nicht geäußert worden sind, gehört, dass er der Benutzung des Ausrufs "Mumpitz!" Vorschub leiste. Wie könnte er auch? Stand der Buchpreis doch bislang im Ruf, die staatstragendste aller Literaturauszeichnungen zu sein. Ein Buch, zu dem einem das Wort "Mumpitz!" einfällt, hätte auf einer derartigen Shortlist nichts verloren.

Wäre da nicht Clemens J. Setz. Der Österreicher, der 2011 bereits für seinen Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" mit dem nicht ganz so bedeutsamen, aber auch nicht völlig unwichtigen Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, hat einen Roman geschrieben: "Indigo". Er gehört damit zum - an dieser Stelle müsste eigentlich das Wörtchen "erlesen" folgen (aber auch das wäre Mumpitz!) - er gehört damit also zum aus sechs Kandidaten bestehenden Kreis der Anwärter auf den Deutschen Buchpreis.

Heftiger Kopfschmerz

Was immer sich über "Indigo" sagen lässt, ist derart "Mumpitz!"-trächtig, dass der Verfasser dieser Rezension hiermit anheim stellt, den Begriff wo immer es beliebt, in den Text hineinzudenken. Er verspricht im Gegenzug, auf jede weitere Nennung des Wortes verzichten. Welchen Wortes doch gleich? - Mumpitz! Ach, ja, stimmt, Mumpitz...

"Indigo" erzählt die Geschichte einer Krankheit. Diese Krankheit ist in unserer realen Welt nicht bekannt. In der Welt des Romans hingegen ist sie ein medial begleiteter Skandal, trifft sie doch die jüngsten, die schwächsten Glieder der Gesellschaft. Die Kinder. Name der Krankheit: Indigo. Zeigt ein Neugeborenes die Symptome von Indigo, so ist es seinen Angehörigen fast unmöglich, sich zu nähern, ohne, dass bei ihnen heftiger Kopfschmerz und Übelkeit auftreten. In einem österreichischen Internat werden die Kinder von der Außenwelt isoliert. Dort tritt auch ein junger Mathematiklehrer seinen Dienst an. Sein Name: Setz. Er ist einer der Protagonisten dieses Buches.

Der Autor, der zufällig genauso heißt wie der Mathelehrer, führt seine Leser mit verschiedenen Erzählern, einer Vielzahl in den Text eingestreuten Verweisen und Fotos, mit scheinbar historischem Material, das beweisen soll, die Krankheit Indigo sei bereits uralt, und mit typografischen Spielereien (Fraktur, Schreibmaschinenschrift, Handlettering) in ein buntscheckig ausgekleidetes Vexierkabinett.

Bukkake, Batman, Pynchon

Er zitiert eine Kalendergeschichte von Johann Peter Hebel, stellt die einsamste Telefonzelle der Welt vor, wirft schließlich die Frage auf: Warum eigentlich kehren immer wieder Menschen nicht zurück vom Zigarettenholen? "Indigo" präsentiert eine Erklärung: halb wissenschaftlich, halb phantastisch ist sie, wie so vieles in diesem Buch. Es gibt da ein unterirdisches System... Was auch sonst?

Man könnte diese Erklärung als Meta-Scherz abtun, als Nerd-Verweis auf Phantastik und Filmgeschichte, würde Setz nicht auch an anderer Stelle, als handele es sich bei diesem Roman um eine Art gebundenes Google, an keiner Erwähnung des Abseitigen, Grausamen und popkulturell Aufgeladenen vorbeikommen: Tierversuche spielen eine Rolle, die auf der Zeichenebene besonders machtvolle Porno-Spielart Bukkake, aber auch Glühbirnen. Dazu Psychopharmaka, Star Trek, Batman. Die Schriftsteller Thomas Pynchon und Kobo Abe, anerkannte Pioniere im Nebelland zwischen alltagsnaher Phantastik und Gesellschaftsroman.

Fehlt noch was? Ja, Menschenfleischrezepte, Freimaurerei, aber auch der Einsatz von Marilyn-Manson-Songs in Guantanamo kommen nicht vor - fast schon eine Produktenttäuschung. Dafür schwebt über allem so düster und dräuend wie einst die Aschewolke des Eyjafjallajökull (warum eigentlich findet der keine Erwähnung in "Indigo"?) die alte literarische Idee von Krankheit als Metapher.

Setz begibt sich mit diesem Roman in die Gesellschaft der immer zahlreicher werdenden, am surrealen Kino geschulten Erzähler. Er baut ein Romanuniversum, in dem der Effekt ausschlagebendes Konstruktionsmerkmal ist. Oberflächlich wirkt das Buch radikal, wirklich kühn allerdings ist hier nichts. Die Stimmung der fast 500 Seiten umfassenden Geschichte steuert Setz mit fortschreitender Dauer derart herunter, dass zuletzt das Gefühl vorherrscht, es mit einem Plot in völlig blut- und sauerstoffarmer Atmosphäre zu tun haben.

Auf der letzten Seite präsentiert Setz eine handschriftliche Notiz. Auf niederländisch steht da sinngemäß: "Kein Anschluss unter dieser Nummer" - ein Satz, der "Indigo" gar nicht so übel charakterisiert. Oder ist auch dieser Satz nur eines: Mumpitz? Verzeihung, es heißt ja: Mumpitz!


Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: J. J. Sullivans "Pulphead", Stephan Thomes "Fliehkräfte", Rainald Goetz' "Johann Holtrop", Emmanuel Carrères "Limonow" und Ulf Erdmann Zieglers "Nichts Weißes".

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hochbegabt 26.09.2012
1. optional
ich habe einmal in der 11. klasse für einen aufsatz, welchen ich im stil dieses artikels schrieb, eine 5 bekommen - zurecht.
tentativism.com 26.09.2012
2. Symptomatisch
Kaum hält sich mal ein deutschsprachiger Autor nicht an das Diktat des pseudorealistischen Familienromans, wird er als Mumpitz abgekanzelt. Womit soll man sich denn im Jahre 2012 sonst den Möglichkeitssinn trainieren?
AdamCasher 28.09.2012
3.
Zitat von hochbegabtich habe einmal in der 11. klasse für einen aufsatz, welchen ich im stil dieses artikels schrieb, eine 5 bekommen - zurecht.
Mit einer 5 waren sie da aber noch gut bedient. Der Artikel ist ja sowas von unter aller Sau. Oder soll es etwa ein verstecktes Lob an das Buch sein? Da der Verfasser ja selbst offensichtlich den Leser belügt. Erst Versprechungen machen und diese dann nicht einhalten. Ts, ts, ts..
mr.h 19.10.2012
4.
habe das buch gelesen aber wohl ein oder zwei ausfahrten nicht bekommen, schade
parizifal 11.12.2012
5. Thema verfehlt
Was erfahren wir denn eigentlich über das Buch? Die Rezension liest sich wie ein gehudelter Schulaufsatz, bei dem der Schüler nur die erste und die letzte Seite gelesen hat oder nur den Buchrücken. Weder auf die Figuren noch auf die Örtlichkeiten geht er ein und erst recht nicht auf die interessante Idee. Diese Art von Rezension kann man sich schenken. Auch ein Verriss sollte gut geschrieben sein. Eine Note verdient dieser Artikel gar nicht. Da hat man wohl einem Literaturstudenten die Chance gegeben mal etwas zu verfassen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.