Deutscher Weltbestseller: Noch ein Schnaps, bevor die Gestapo kommt

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Säufer, Zocker und Widerstandskämpfer im Nazi-Berlin: Im Morphiumrausch verfasste Hans Fallada 1946 in Rekordzeit "Jeder stirbt für sich allein". Mit 65 Jahren Verspätung wird sein Roman jetzt zum Welterfolg - und erscheint erstmals ohne entstellende Kürzungen.

Fallada-Revival: Säufer, Zocker, Widerstandskämpfer Fotos
Aufbau Verlag

Das Haus in Neustrelitz ausgeplündert, die Wohnung in Berlin ausgeräumt und von Fremden bewohnt, hausten Hans Fallada und seine zweite Frau Uschi Ende 1945 in einem einzigen Zimmer. Der Schriftsteller hatte 30.000 Mark Steuerschulden, dazu kam eine ausstehende Geldstrafe von 10.000 Mark und mehrere tausend Mark Zechschulden.

Die ersten drei Monate des darauf folgenden Jahres verbrachte Fallada im Krankenhaus. "Sehen Sie, bis zehn Uhr haben wir bereits eine Flasche Schnaps und zwanzig amerikanische Zigaretten hinter uns", hatte er zuvor einem Bekannten berichtet; das entscheidende Rauschmittel allerdings nicht erwähnt: Morphium. Fallada (geboren 1893, bürgerlicher Name: Rudolf Ditzen) hatte seine erste Entziehungskur bereits 1917 absolviert. Er war seit Jahrzehnten Morphinist. Zuletzt machte er seine Frau, süchtig wie er selbst, dafür verantwortlich, nicht von der Droge loszukommen: "Dass sie mir immer wieder dieses Mistzeugs ins Haus bringt."

Es scheint unvorstellbar, dass Fallada unter diesen Umständen einen letzten, großen Roman verfasst hat: "Jeder stirbt für sich allein." Das Buch mit dem so ernüchtert klingenden wie sentimentalen Titel zählte, wie Falladas andere Erfolgsromane "Kleiner Mann, was nun", "Der eiserne Gustav" oder "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst", jahrzehntelang zum Präsenzbestand deutschsprachiger Literatur. Falladas Bücher wurden fürs Kino und fürs Fernsehen verfilmt, fürs Theater dramatisiert. Peter Zadek machte aus "Jeder stirbt für sich allein" gar eine Revue. So richtig ernst genommen allerdings wurde der Schriftsteller Fallada nicht. Wer einen Roman von Thomas Mann aufschlägt, betritt ein großzügiges Haus. Wer einem Roman von Hans Fallada aufschlägt, eine schlecht gelüftete Stube. Dem wollten sich zuletzt immer weniger Leser aussetzen. Allzu sehr verband man den Namen des Autors mit jenen, fast bis zur Unlesbarkeit vergilbten rororo-Taschenbüchern, die man auf jedem Flohmarkt bekommt. Umso überraschender die plötzliche Wiederentdeckung Falladas - nicht in Deutschland, sondern weltweit.

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Unter dem Titel "Alone In Berlin" wurde "Jeder stirbt für sich allein" in Großbritannien zum Bestseller, 300.000 Exemplare sind verkauft. In den USA, dort heißt das Buch "Every Man Dies Alone", sind es 200.000 Stück - bemerkenswert in einem Land, dessen Leser sich für europäische Literatur kaum interessieren. Insgesamt sind 18 Neuübersetzungen in Arbeit oder bereits veröffentlicht. Dennis Johnson, bei Melville House Falladas amerikanischer Verleger, hat den späten Welterfolg von "Jeder stirbt für sich allein" ausgelöst, als er den Roman ins Englische übersetzen ließ. Er war ihm von einer Freundin empfohlen worden, der Modeschöpferin Diane von Furstenberg. "Mir standen schon nach ein paar Seiten die Nackenhaare hoch", sagt Johnson. "Ich habe die Rechte dann gleich gekauft." Er könne nicht verstehen, dass die englischsprachige Welt den Autor 60 Jahre lang kaum wahrgenommen habe: "Er verdient seinen Platz in der Weltliteratur." Das Buch wurde von der US-Presse gefeiert, die "New York Times" bezeichnete es als "literarisches Großereignis" und doch glaubt Johnson, dass die Übersetzung ihren Erfolg der Mundpropaganda verdanke: "Es ist eines der seltenen Bücher, das von Leser zu Leser weiter empfohlen wird."

Das wäre nun auch in Deutschland möglich. Erstmals ist "Jeder stirbt für sich allein" in der ungekürzten Originalfassung erhältlich. Von der bisherigen Buchversion unterscheidet sie sich in entscheidenden Punkten. Wortstreichungen, mit denen das Lektorat den Roman bei seinem ersten Erscheinen politisch zu entschärfen und ästhetisch zu glätten versuchte, sind rückgängig gemacht, fast ein ganzes Kapitel kam hinzu. Haupt- und Nebenfiguren erscheinen in einem ambivalenteren, widersprüchlicheren Licht.

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1. Anti-Stauffenberg
Parisien, 11.03.2011
Mir war gar nicht bewusst, dass in dem Werk "Jeder stirbt für sich allein" des von mir sehr gschätzten Fallada ein Lektor herumgepfuscht hatte. Scheiss-Manipulation. Erwähnenswert ist das Buch auch deshalb, weil es, wie im Artikel erwähnt, einmal den kleinen Mitläufern und späteren Widerständlern ein Denkmal setzt - wo in D. doch stets nur von Stauffenberg gesprochen wird, der , zusammen mit seinen adligen Militärkameraden den Nationalismus und das Nazitum ursprünglich ausdrücklich unterstützt hat, bevor er , allerdings, als schon alles verloren war, zum Helden mutierte.
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