Arbeiterklasse und Homosexualität Der Mythos der Revolution

Schwul und aus einer Arbeiterfamilie? In seiner autobiografischen Analyse "Rückkehr nach Reims" beschreibt der französische Philosoph Didier Eribon, wie sexuelle und soziale Scham interagieren - und was das Gefährliche daran ist.

Didier Eribon, Philosoph und Soziologe
Patrice Normand

Didier Eribon, Philosoph und Soziologe

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144 Kilometer trennen Reims von Paris. 144 Kilometer, die sexuelle Freiheit bedeuten können. 144 Kilometer, um sich von der sexuellen Scham zu lösen. Reims, Zentrum der Champagne. Paris, Metropole der Welt. Reims, die Arbeiterstadt. Paris, die Stadt der Intellektuellen.

In Reims wächst Didier Eribon in einer typisch französischen Arbeiterfamilie auf: Mutter Putzfrau. Vater Fabrikarbeiter. Geschwister. Die Familie wählt die Kommunistische Partei.

In seiner autobiografischen Analyse "Rückkehr nach Reims" schreibt der französische Philosoph über Reims nicht nur als familiären und sozialen Ort, sondern auch als Stadt der Beleidigung. "Schwuchtel!", "Pédé!", riefen sie ihm hinterher. Für das Arbeiterkind Eribon äußert sich so sexuelle Scham. "Mein Begehren und meine Sexualität allmählich zu entdecken hieß, mich dieser immer schon durch Schmähworte definierten und stigmatisierten Kategorie zuzuordnen."

Eribon, 1953 geboren, ist ein Musterschüler, so beschreibt er es, und auch der Erste in seiner Familie, der auf eine Universität gehen kann. Einer, der sich hochgearbeitet hat und von einem Leben als Intellektueller träumte. Sein Ziel hat er erreicht: Mittlerweile lehrt er Soziologie an der Universität von Amiens, schrieb in Frankreich mehrere Bücher zum "homosexuellen Subjekt", hatte Gastprofessuren in Berkeley und wurde international durch seine Michel-Foucault-Biografie berühmt.

Weg mit der Vergangenheit

Wie genau konnte Eribon dem Kaff entfliehen und einer der wichtigsten Intellektuellen Frankreichs werden? Er musste, so beschreibt er es, dafür zuerst seine Herkunft leugnen. Um sich von der sexuellen Scham zu befreien, verneint er in Paris seine Klassenzugehörigkeit. Er streift gewisse Verhaltensweisen ab, die für die Arbeiterklasse stehen. Ändert seinen Duktus, seinen Habitus. Weit weg von der Vergangenheit, weg von der Familie nimmt in Paris jedoch die soziale Scham zu. Die Vergangenheit holt Eribon immer wieder ein.

Für den Philosophen sind sexuelle und soziale Scham "zwei wechselseitig voneinander abhängende Bahnen, mich selbst neu zu erfinden". Eribon erschafft eine neue Geschichte: "Ein schwules Kind sei ich gewesen, ein schwuler Heranwachsender, kein Arbeiterkind. Und doch!"

Édouard Louis
AFP

Édouard Louis

Die Selbsterschaffung als "Intellektueller" gelingt, dabei erhält er allerdings nicht primär nur durch Fleiß Eintritt in die intellektuelle Szene Frankreichs, sondern vor allem durch Kontakte zu anderen Homosexuellen. Statt "sozialem Kapital" (Habitus, Codes, Bildung und Beziehungen), in Frankreich zwingend für eine Intellektuellenlaufbahn, füllen die homosexuellen Kontakte bei Eribon die Lücken.

In seiner Analyse kreiert er aus dem "Ich" eine größere Erzählung, die sich jeder Psychoanalyse entkleidet und auf die Soziologie Pierre Bourdieus stützt. Bei Bourdieu geht es um "Geschmack", der immer von der Gesellschaft geprägt ist. Entscheidend dafür sei eben auch die soziale Herkunft, die mit einem gewissen Habitus einhergeht und so Zugehörigkeiten schafft.

Diese Zugehörigkeit liefert der Arbeiterklasse laut Eribon traditionell die Kommunistische Partei, wodurch sich die Arbeiter als "politische Subjekte" definieren. Die Partei gibt ihre Identität vor, sie träumen von der Revolution. Eribon selbst fühlt sich dem Linkssein nahe, sieht sich in seiner Teenagerzeit als Marxist. "Das Proletariat war für mich eine Idee aus Büchern, eine abstrakte Vorstellung", schreibt er. Und weiter: "Ich glorifizierte die Arbeiterklasse, um mich leichter von den realen Arbeitern abgrenzen zu können."

Früher Kommunistische Partei, jetzt Front National

In "Rückkehr nach Reims" konstruiert Eribon seine Sätze gekonnt literarisch und schafft eine klare Sprache, die einerseits von Sozialanalyse, andererseits von einer gewissen Boshaftigkeit bestimmt ist. Was Eribon auch schafft: Er transportiert seine Vergangenheit, seine eigene Geschichte, ins Hier und Jetzt. Der Vater ist mittlerweile tot, Mutter und Geschwister entfremdet. Die Kommunistische Partei? Weit weg von der Familie, die Eribons wählen jetzt den rechtspopulistischen Front National. Statt Arbeiter gegen Bourgeoisie stehen sich jetzt "Franzose" und "Ausländer" gegenüber. Für Eribon stellt dieser Wandel, bei aller Widersprüchlichkeit, eine "politische Notwehr der unteren Schichten" dar, die nun versuche, ihre mit Füßen getretene Würde zu verteidigen.

Das größte Problem stellt für den Philosophen die Aufkündigung der alten Allianz zwischen Arbeitern und anderen gesellschaftlichen Gruppen - Lehrern, Beamten - innerhalb der Linken dar. Stattdessen verbündet sich die Arbeiterklasse jetzt mit wohlhabenden Rentnern und traditionalistischen Katholiken, das ebne den Weg für rechte Strömungen.

Den Ausländern die Schuld zu geben, verdrängt die Idee - Eribon sagt: den "politischen Begriff" - des Kampfes gegen die Herrschaft. Dabei ist aber Eribon in seinen Ausführungen nicht naiv: Er weiß um den inhärenten Rassismus der weißen Arbeiterklasse. Doch weil es früher nur die linken Parteien für die Arbeiter gab, wählten sie gegen ihren eigenen "rassistischen Reflex", so die These.

Die Trias der neuen französischen Intellektuellen

Arbeiterfamilien, Homosexualität, soziale Scham - alles Themen, die auch der französische Schriftsteller Édouard Louis in seinem gefeierten Roman "Das Ende von Eddy" verhandelt hat. Louis liefert quasi die literarische Version zu Eribons Thesen. Der 23-Jährige beschreibt in seinem Roman das Leben als schwuler Junge in der französischen Provinz. "Die Schimpfworte wechselten sich mit den Tritten ab, und dazu mein Schweigen. Schwuchtel, Schwuli, Schwuppe, Tunte, Schwanzlutscher, Arschficker", schreibt er. Wie Eribon nutzt auch Louis seine eigene Biografie als Blaupause. Die Verbindung zwischen den beiden ist auch an Louis' Widmung erkennbar: "Für Didier Eribon" steht auf den ersten Seiten seines Romans.

Édouard Louis (Jahrgang 1992) und Didier Eribon (Jahrgang 1953) bilden gemeinsam mit Geoffroy de Lagasnerie (Jahrgang 1981) derzeit eine Trias französischer Intellektueller aus verschiedenen Generationen. Alle drei entwickeln eine neue Leseart von Linkssein und bewegen sich zwischen Philosophie, Soziologie und politischer Theorie. Gemeinsam gehen sie auf die Straße, um sich für Flüchtlinge zu engagieren oder zur "Nuit Debout", den französischen Bürgerprotesten - denen sie zum Teil kritisch gegenüber stehen.

Geoffroy de Lagasnerie
Raphaël Schneider

Geoffroy de Lagasnerie

In seinem Buch "Die Kunst der Revolte" setzt de Lagasneries sich mit Edward Snowden, Julian Assange und Chelsea Manning auseinander sowie den offenen Fragen um Überwachung, Terrorismus und Geheimdienste. Gemeinsam mit Louis hat er in der Zeitung "Le Monde" ein Manifest veröffentlicht, das die beiden als intellektuelle und "politische Kontraoffensive" sehen - pro Migration, gegen alle rechtsextremen Positionen. Erschienen ist es auf Deutsch in der von Matthias Jügler herausgegebenen Anthologie "Wie wir leben wollen". Das letzte Prinzip ihres Manifests lautet: "Sich einmischen, so oft es geht. Den öffentlichen Raum einnehmen. Kurz, die Linke zum Leben erwecken."

Wie genau solle diese Linke aussehen? Vielleicht eine Linke, die nicht inhärent von Rassismus, Misogynie und Homophobie getrieben ist, sondern stattdessen Intersektionalität mitdenkt. Eine Linke, die also Herrschaftsverhältnisse infrage stellt und in der er es möglich ist, sich von der Scham zu befreien.

Didier Eribon jedenfalls hat es geschafft sich zu befreien. Nun will er die Revolte.

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