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Buch-Experiment: Was ist wirklich, wirklich wichtig?

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Stock, Instrument, Organ: "Die 100 wichtigsten Dinge" in einem Buch zu versammeln, ist eine ebenso größenwahnsinnige wie grandiose Idee.

Bildband: Ding-ding-ding-ding! Fotos
Institut für Zeitgenossenschaft IFZ/ Hantje Cantz

Wie viel von dem, was ich besitze, brauche ich wirklich?

Eine interessante Frage. Zwar nicht ganz neu, aber derzeit ziemlich en vogue: Im letzten Jahr kamen etliche Lebenshilfebücher heraus, die uns erklären wollen, wie wir unser Leben entrümpeln, um endlich glücklich zu werden.

Und nun gibt es auch noch dieses Buch mit dem Titel "Die 100 wichtigsten Dinge", das kürzlich im Verlag Hatje Cantz erschienen ist.

"Die 100 wichtigsten Dinge". Neben einem Titel wie diesem kommen die ganzen "Minimalistischer leben"-Veröffentlichungen erst mal daher wie "Beten für Dummies"-Ratgeber neben der Erstausgabe der Luther-Bibel.

Denn hier geht es nicht um die 100 wichtigsten Dinge für die Küche, für den Backpacker-Urlaub in Thailand oder einen ruhigen Lebensabend. Sondern um die 100 wichtigsten Dinge überhaupt.

Was für eine wunderbare Frage!

Was sind die 100 wichtigsten Dinge? Was für eine wunderbare Frage! Was für ein größenwahnsinniges Projekt! Was für eine unlösbare Aufgabe! Ein Buch, das einen guten Ansatz findet, sich diesem Thema anzunehmen, könnte den Blick auf die Welt schulen, schärfen oder sogar verändern.

Leider ist "Die 100 wichtigsten Dinge" nur ein Witz.

Zugegeben, ein geschmackvoll gelayouteter. Und, ja, sicher auch ein beeindruckend großspurig erzählter. Und vielleicht sogar ein geschickter. Denn man merkt es nicht gleich.

Da sind das Vorwort und die Einführung, die gekonnt mit Manifest- und Kunstkatalog- und Geisteswissenschaftlerprosa jonglieren. Da sind laut hallende Zitate in großen Lettern. Über den Monolithen aus "2001: Odyssee im Weltraum" oder über das Prinzip Zeitgenossenschaft zum Beispiel.

Eine Menge Lärm

Kurz: Zum Auftakt des Bandes wird eine Menge Lärm gemacht und eine Menge Fallhöhe herbeigeplappert. Da werden Worthülsen gezwirbelt und argumentative Nebelkerzen gezündet, bis der Leser vollends verwirrt ist: Bin ich jetzt grad zu blöd, das Buch zu verstehen? Oder bin ich zu blöd, den Witz zu verstehen? Oder grad nicht bereit dafür? Denn am Anfang ist da noch diese leise Hoffnung da, dass "Die 100 wichtigsten Dinge" nur wie ein Witz daherkommt, weil wir in einer Zeit leben, in der vieles, was sehr, sehr ernst gemeint ist, wie ein Witz wirkt.

Dann kommt das erste der 100 wichtigsten Dinge: ein Zeiger. Ein poetisches Bild, das im Zusammenhang mit der Ansage "wichtigstes Ding" eine ungeheure Schlagkraft entfaltet. Zeiger verraten uns die Zeit, die Richtung, weisen auf Wege hin oder machen auf komplizierten Geräten alles Mögliche messbar. Zeiger machen das Abstrakte scheinbar handhabbar und erzählen doch lediglich von unserem Blick auf die Welt, denn sie führen uns nur zu Größen, die der Mensch selbst ersonnen. Ein Buch über die 100 wichtigsten Dinge mit einem Zeiger zu beginnen, ist also erst mal eine großartige Idee.

Und dann kommt der Text zum Ding. Ein merkwürdiges Geplapper über Lebenszeit. Zehn Zeilen, mit denen Schönheit, Sinnhaftigkeit und Verweiskraft des Objekts einlaufen wie ein Wollpulli im Trockner.

Fesseln für die Poesie

So sind leider die meisten Texte. Neben der eigentlich spannenden Auswahl von Dingen - Würfel, Vertrag, Tür, Organ, Feuer, Boden, Antenne - findet sich stets eine, mal mehr oder weniger schlaue, mehr oder weniger gelungene, mehr oder weniger lustige Textwurst. Und immer sind diese Zeilen brutale Fesseln für die Poesie, die vielen Angebote für den Verstand, den der bloße Gegenstand liefern würde.

Für manche der Einträge wurden namhafte Autoren gefunden. Darunter Sasa Stanisic, Claudius Seidl, Tom Kummer oder Ulf Poschardt. Daniel Kehlmann steuerte sogar eine kurze, sehr schöne Gedankenreise zum hartnäckigen Nicht-Verschwinden des hässlichen Stiefelausziehers im Haus seiner Mutter bei. Alle schreibenden Gäste sind sicher interessante Menschen mit interessanten Gedanken. Dennoch wäre das Buch ganz ohne Texte ein besseres gewesen.

Als Herausgeber und Mitautor tritt eine Gruppe auf, die sich "Institut für Zeitgenossenschaft" (IFZ) nennt. Wie der Band entpuppt sich auch diese Organisation bald als aufwendiger Witz. In der Selbstvorstellung auf der Website werden hochtrabendste Akademikerfloskeln zu einem Brei aus Gedanken und Unfug zerstampft. Das IFZ sei "ein Semiotischer Sturm der Windstärke Sieben" heißt es da. Oder: "Vorwärts zum Licht, rückwärts nach Frankfurt!" Unter "Aktuelles" findet sich unter anderem der pseudokünstlerische, pseudobedeutsame Kurzfilm "Der Andaluse von Köpenick" - und die hirnrissige Analyse gleich dazu. Hinter dem Reiter "Personen" verbergen sich wohlgekleidete junge Menschen, ironisch die Insignien von Macht und Wohlstand (gefaltete Hände, Hundebüste, Armbanduhr) zitierend. Wie in einem Baumhaus geben sie sich Titel wie Direktor, Beirat oder Fellow. Letztlich ist das IfZ eine Art Briefkasteninstitut, ein Kaufmannsladen für Ironie begabte Bürgerskinder mit Sendungsbewusstsein.

Zuckerguss aus Ironie und Unverbindlichkeit

Der "Geschäftsführer" des IfZ ist Timon-Karl Kaleyta. Der Anfang-Dreißiger ist neben seiner Beschäftigung beim Institut Sänger des Elektro-Projekts Susanne Blech. In einem Interview zum letzten Album ist alles herrlich quatschig: Turbo B. von Snap als Gastrapper: "im Grunde bloß eine Schnapsidee". Die Texte: "schon irgendwie auch Dada-mäßig". Und natürlich der Bandnamen: der "größte Witz des Jahrhunderts", findet Kaleyta.

Bei all dem ist er ein schlagfertiger Unterhalter, der leichter Hand Pointen auf alle möglichen Themen reimen kann. Für ihn ist das alles "unendlich egal". Und das sei ja das Schöne.

Und eben diese Haltung einer schlauen, unpolitischen, letztlich sorglosen Großstadt-Bohème findet sich auch in diesem Buch. Das kann man lässig finden. Man kann es auch cool finden, wie viele tolle Namen für dieses Projekt herbeigenetzwerkt wurden, wie wunderbar glatt und unangreifbar das ganze Ding daherkommt. Man kann sich aber auch über den Zuckerguss aus Ironie und Unverbindlichkeit ärgern, den das ganze Projekt überzieht - und um die vertane Chance trauern, mit dem Band zu diesem spannenden Thema etwas von Interesse zu sagen.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. schade
rl_germany 28.03.2016
Wirklich schade, dass es nur als Witz gedacht und ironisch gemeint ist. Die Idee selbst ist Weltklasse und es wäre m. E. gleichermaßen größenwahnsinnig und spannend, so ein Buch ernsthaft zu schreiben. Vielleicht versuche ich es mal ;-)
2. Na dann fangen wir mal an.
nadja_romanowa 28.03.2016
Zitat von rl_germanyWirklich schade, dass es nur als Witz gedacht und ironisch gemeint ist. Die Idee selbst ist Weltklasse und es wäre m. E. gleichermaßen größenwahnsinnig und spannend, so ein Buch ernsthaft zu schreiben. Vielleicht versuche ich es mal ;-)
1. Werkzeug wie Hammer, Zange, Säge, Messer, Bohrer also ein Leatherman 2. Mechanische Uhr 3. Kompass 4. Streichhölzer 5. Papier 6. Bleistift 7. Thermometer 8. Lineal und Dreieck 9. Töpfe 10. Klamotten
3. bei so etwas
30-06 28.03.2016
" ein geschmackvoll gelayouteter." kommt bei mir leicht die kotze hoch.
4. Filosofie
Ossifriese 28.03.2016
Zitat von nadja_romanowa1. Werkzeug wie Hammer, Zange, Säge, Messer, Bohrer also ein Leatherman 2. Mechanische Uhr 3. Kompass 4. Streichhölzer 5. Papier 6. Bleistift 7. Thermometer 8. Lineal und Dreieck 9. Töpfe 10. Klamotten
Wie wär's mit Atemluft an erster Stelle? Oder ist das zu profan? Na gut: Man stelle sich einen Zeiger vor, der die Sekunden ausweist, wie lange die Luft noch reicht. Ist nun der Zeiger, ein Hammer mit Zange und Säge, um sich zu befreien, oder die Luft selbst das Allerwichtigste? Da wird's doch glatt philosophisch... herrliches Buch, auf was man alles so kommt.
5.
Jointorino 28.03.2016
Zitat von 30-06" ein geschmackvoll gelayouteter." kommt bei mir leicht die kotze hoch.
Das scheint auch noch ansteckend zu sein, wenn ich Ihren Kommentar lese wird mir plötzlich auch ganz schön übel. Zum Thema: So spannend fände ich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser Thematik gar nicht, ich erzähle doch jetzt nichts neues wenn ich sage das unsere Welt mittlerweile zu komplex geworden ist um unseren Alltagsbedarf auf wenige wesentliche Dinge beschränken zu können. Fakt ist nur, die meisten Ratgeber-Bücher gehören sicherlich auf keine wichtige must-have Liste.
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