"Die Argonauten" von Maggie Nelson Das Intellektuelle ist intim

In ihrer essayistischen Autobiografie "Die Argonauten" greift Maggie Nelson das Denken in starren Kategorien an und findet dabei zu einer ekstatischen Art des Schreibens über die Liebe.

Maggie Nelson
Harry Dodge

Maggie Nelson

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Ein für alle Mal zu benennen, was für eine Art Buch "Die Argonauten" von Maggie Nelson ist, hieße, gegen den Geist des Buchs anzuschreiben. Denn "Die Argonauten" ist der Versuch, Worte in Bewegung zu halten; eine Geschichte nicht beginnen und enden, sondern sich immer weiter entwickeln zu lassen; einen Lebensabschnitt in Buchform festzuhalten und ihn doch gleichzeitig wieder loszulassen.

Einige banale Dinge lassen sich zu "Die Argonauten" natürlich doch schreiben: dass es das neunte Buch der amerikanischen Uni-Dozentin, Dichterin und Sachbuchautorin Nelson ist; dass es das erste in deutscher Übersetzung ist und ein "New York Times"-Bestseller geworden ist, der zudem mit dem National Book Critics Circle Award in den USA ausgezeichnet wurde.

Zu Beginn von "Die Argonauten" ist Nelson bereits in einer langjährigen Beziehung mit dem/der Künstler*in Harry Dodge. Harry wurde im Körper einer Frau geboren, lebt aber seit langem jenseits der Geschlechterbinaritäten, als "Butch auf Testosteron", dann mit dem zunehmend drängenden Wunsch, sich die Brüste operativ entfernen zu lassen.

Alles anders, nur der Name nicht

Nelson begleitet Harry in seinem/ihrem Werden mit der größtmöglichen Empathie und Offenheit. Als sie in der "Los Angeles Times" einen Artikel von einer Mutter liest, die über die Schmerzen und die Trauer berichtet, die die Transition ihrer Tochter zum Mann für sie bedeutet, ist Nelson empört über die Selbstbezogenheit der Mutter.

Harry erinnert sie jedoch daran, dass sie einige Jahre zuvor sehr ähnliche Bedenken gehabt habe, wie erst die Hormone, dann die OP Harry und ihre Beziehung verändern würden. In "Die Argonauten" hält Nelson nicht zuletzt auch fest, wie sie zu der Person wurde, die dieses Buch schreiben konnte. Der Titel des Buchs ist denn auch der griechischen Sage entnommen, nach der das Schiff von Jason, die Argo, während ihrer Reise so lange repariert und umgebaut wurde, bis keines ihrer Originalteile mehr übrig war - bis auf den Namen.

Befeuert ist Nelsons Schreiben von einer Art doppelten Selbstvertrauen, das in sich sehr amerikanisch offensiv wirkt: Nelson stellt ihre akademische Brillanz aus und macht durch Lob und Kritik an Kolleg*innen immer wieder klar, auf wessen Augenhöhe sie sich sieht. Gleichzeitig schönt sie ihre Lebensgeschichte nicht, schildert Peinlichkeiten und Fehler, legt Wünsche und Begierden offen, die erklärungsbedürftig erscheinen können.

Überrumpelnd intim und sexuell explizit

So gehört zu Nelsons eigenem Werden ebenfalls ein körperlicher Wandel: Sie möchte schwanger werden. Nach diversen finanziell wie emotional aufreibenden Versuchen mit In-Vitro-Befruchtung klappt es schließlich, doch damit ist kein Ziel erreicht. Vielmehr legt sich eine neue Schicht auf Nelsons komplexes Nachdenken über Geschlechterkonstellationen. Denn nähert sie sich durch Schwangerschaft und Mutterschaft nicht gerade den Geschlechterbildern an, die sie in ihrer Beziehung und ihrer Arbeit von sich weist?

Fragen wie diese verhandelt Nelson in einem vielstimmigen Dialog mit sich und Harry, mit Freundinnen, Freunden und einem unerschöpflichen Quell aus philosophisch-gesellschaftstheoretischen Texten, unter den Autorinnen und Autoren, natürlich, Eileen Myles, Judith Butler, Jacques Lacan, aber auch Ludwig Wittgenstein, D.W. Winnicott sowie Gilles Deleuze und Claire Parnet.

In Passagen, die selten mehr als eine halbe Seite umfassen, erläutert Nelson Konzepte wie das der "sodomitischen Mütterlichkeit", zeigt auf, welche Haltung sie dazu entwickelt hat und montiert das Ganze mit autobiografischen Miniaturen, viele davon überrumpelnd intim und sexuell explizit. "Ich war immer davon ausgegangen, dass die Erfahrung der Geburt eines Kindes mir ein Gefühl von Unbesiegbarkeit und Stattlichkeit geben würde, wie das Fisten."

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Maggie Nelson:
Die Argonauten

übersetzt von Jan Wilm

Hanser Verlag; 192 Seiten; 20 Euro

Manchmal greifen die Passagen direkt ineinander und ergeben komplexe Gedankengänge, die Konzentration beim Nachvollziehen erfordern. Manchmal bricht der Erzählfluss unvermutet ab. Weil eine Idee sich noch beweisen muss oder eine Episode aus ihrem Leben nur für sich steht.

Die Schnur, auf die Nelson diese Passagen wie Perlen einer Kette auffädelt, ist ihr unermüdlicher Wille, Theorie und Praxis in Beziehung zu setzen, weder das eine, noch das andere - und damit letztlich auch sich selbst - zu leicht davon kommen zu lassen. Alles andere als eine angenehme Aufgabe, wie Nelson eingesteht. So gab ihr eine ihrer wichtigsten Mentorinnen an der Uni vor Jahren zu verstehen, dass sie einigermaßen abgestoßen sei von Nelsons Interesse, das Private politisch zu machen. "Es war mir peinlich", schreibt Nelson dazu, "gleichzeitig hat es mich nicht abgeschreckt. (Der Spruch auf meinem Grabstein?)"

Viele der Denkerinnen und Denker, auf die sich Nelson bezieht, lässt sie direkt zu Wort kommen. In kursiv gesetzten Sätzen, mit Namen der oder des Zitierten in der Randspalte, holt sie deren Worte in ihr Buch. Sie vereinnahmt sie dabei aber nicht, sondern öffnet ihr Buch, macht es als Produkt eines intellektuellen Werdens kenntlich, lässt uns ihn ihrem geistigen Tagebuch stöbern.

An Bord eines fahrenden Autos

Am bemerkenswertesten sind jedoch die Abschnitte, die niemand aus dem akademischen Umfeld beisteuert, sondern die, die von Harry kommen. Harry beschreibt darin, wie er/sie seine/ihre Adoptivmutter in deren letzten Lebensstunden im Krankenhaus begleitet.

Die Sätze sind im Vergleich zu Nelsons kompakter Prosa einfach, klar und genau deshalb unglaublich berührend: Harry scheint alle Kraft und Liebe zusammengenommen zu haben, um der Mutter der beste, weil unbeirrte Beistand beim Sterben zu sein. Wer nicht schon vorher von Nelsons ekstatischen Worten über Harry, seine/ihre Geradlinigkeit, Nachsicht und Zärtlichkeit mitgerissen war, dürfte spätestens jetzt ihre Gefühle sehr gut nachvollziehen können.

Im Moment größter Nähe zu diesem Paar und seiner Patchwork-Familie bricht "Die Argonauten" ab. Als Schluss kann man das schwerlich bezeichnen, denn dass Nelson, Harry und ihre Kinder weiter werden, ist klar. Trotzdem ist man erschüttert: Der Beginn der Lektüre fühlte sich so an, als würde man in ein fahrendes Auto steigen und sich erst an Bord Orientierung verschaffen können, mit wem man eigentlich wohin unterwegs ist.

Nun hat man das Gefühl, unversehens aus dem fahrenden Auto geworfen zu werden. Überrumpelt sammelt man sich am Straßenrand und schaut doch dem Gefährt, in dem Nelson und Harry sitzen, mit den besten Wünschen hinterher. Auf dass sie Kurs halten auf ihr einzigartiges Glück.



insgesamt 3 Beiträge
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Newspeak 02.10.2017
1. ...
"Ich war immer davon ausgegangen, dass die Erfahrung der Geburt eines Kindes mir ein Gefühl von Unbesiegbarkeit und Stattlichkeit geben würde, wie das Fisten." Feuchtgebiete auf intellektuell? Wer braucht sowas?
Keksefüralle 03.10.2017
2.
Hört sich wie die exzellente Grundlage für stundenlange Balzgespräche mit neurotischen Intellektuellen bei Rotwein in Schwarz-Weiß an. Natürlich nach 22 Uhr. Wegen Fisten und so.
windexx 03.10.2017
3. Ich glaub' ich les' lieber...
...die echten Argonauten.
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