Familienfarce "Die Auferstehung" Sie ritt den Alten, er atmete schwer

Hätte man mal besser nicht versucht, ihn zu entmündigen: Karl-Heinz Ott erzählt in "Die Auferstehung" von vier Geschwistern, die nach dem Tod des Vaters sehnsüchtig auf ihr Erbe warten. Verfilmung dringend empfohlen.

Schriftsteller Ott: "Hier liegt ein Toter"
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Schriftsteller Ott: "Hier liegt ein Toter"

Von Stephan Lohr


"Hier liegt ein Toter."

"Der hört nichts mehr."

"Wer weiß?"

Als dieser knappe Dialog stattfindet, sitzen die vier längst erwachsenen Kinder des pensionierten Chefarztes der Ulmer Unfallklinik, Jan Nido, schon seit Stunden im Haus ihrer Kindheit beieinander. Der Vater sei tot, hatte Linda ihren Brüdern Joschi, Uli und Jakob telefonisch mitgeteilt und sie nachdrücklich aufgefordert, sich sofort auf den Weg zu machen.

Über dem Haus lag lange der Schatten eines Zerwürfnisses. Vor geraumer Zeit schon hatte der seit zwölf Jahren verwitwete Vater seine Tochter, als promovierte Kunsthistorikerin und Leiterin des Memminger art house die zielstrebigste der Nido-Nachkommen, des Hauses verwiesen und die Schlösser ausgewechselt. Auch seine Söhne ließ er nicht mehr ins Haus.

Nido, als Ehemann und Vater eher leidenschaftslos, war an Parkinson erkrankt und hatte erhebliche Schrullen entwickelt: Die Wände des Hauses waren mit drallen Porno-Plakaten drapiert. Als Jakob seinen alten Vater einmal überraschend besuchen wollte, hörte er den Alten schon von der Terrasse her laut stöhnen: Im Schlafzimmer erblickte er den nackten Hintern einer Frau, die den schwer atmenden Alten heftig ritt.

Ein Porträt der zwischen 1946 und 1959 Geborenen

Zum Beispiel wegen solcher Erfahrungen redeten die Geschwister lange nur noch von der "ungarischen Hure" und fürchteten, der sexbesessene Vater könne einer von ihm wechselweise als Putzhilfe, Krankenpflegerin oder Haushaltshilfe bezeichneten Person hörig sein und ihr gar schon das Haus im Tessin vermacht haben. Von Lindas Versuchen, ihn entmündigen zu lassen, bekam der Vater allerdings Wind, seither gab es zwischen ihm und den Kindern nur noch sporadischen telefonischen Kontakt.

Karl-Heinz Ott, 58, ist ein versierter, mehrfach ausgezeichneter Romancier und Dramatiker. Der neue Roman "Die Auferstehung", sein erster seit dem Wechsel von Hoffmann und Campe zu Hanser, ist ambitioniert: Er liefert anhand der Familiengeschichte der Nidos ein Porträt jener etwa von 1946 bis 1959 Geborenen, die sich von den Eltern und der schwäbischen Provinz entfernen und freier leben wollen. Folgt man Otts sprachmächtiger Erzählung der Biografien der Nido-Kinder, fällt die Bilanz dieses Aufbruchs insgesamt kaum optimistisch aus.

Im Wohnzimmer der Nidos lässt der gemächlich erzählende Ott die vier angereisten Kinder plus Anhang die Lage umständlich erörtern und auf den Rechtsanwalt warten. Dieser Max Schmeler war mit Linda eine Weile verlobt, ehe er von einem Mallorca-Urlaub mit einer Laufstegschönheit zurück kam und zur bestgehassten Person im Hause Nido wurde. Ausgerechnet dem, der nun als medienbekannter Staranwalt mit Kanzlei in München Karriere gemacht hatte, hat sich Vater Nido anvertraut, um sein Erbe zu regeln. Wird es Bares geben, was ist mit dem Haus?

Erbe oder prekäre Existenz

Die Schilderung der langen Stunden bis in die Nacht, als Max Schmeler eintrifft, bildet den Erzählrahmen des Romans, in dessen Verlauf die Leser über Dialoge und Rückblenden so spannend wie genau über die Entwicklung dieser Schicksalsgemeinschaft informiert werden: über Joschis Vergangenheit als linksradikaler Student in Heidelberg zu Beginn der Siebzigerjahre, die brüsk endet, als er - inzwischen Geschäftsführer des Studentenwerks - eine halbe Million Mark veruntreut und sich der Haftstrafe durch Flucht nach Ungarn entzieht, wo er sich zehn Jahre lang durchschlägt, bis sein Fall verjährt ist. Über Jakobs Karriere als freier Fernsehkulturjournalist, der es mit Adorno, Baudelaire und Pascal hält, aber mittlerweile, inzwischen selbst um 60 Jahre alt, keine Redakteure mehr findet, die sich für seine Angebote interessieren. Über Ulis Werdegang nach den Hippie-Jahren als Werklehrer an der Waldorfschule, es reicht, wenn auch knapp, für ihn, seine Frau Franziska und ihre drei Kinder. Besonders Joschi und Jakob könnten ihre prekäre Existenz durch das Erbe aufbessern.

Stundenlange Gespräche, die zwischen familiärer Vertrautheit und Eifersüchteleien schwanken, und eine erotische Verwicklung zwischen einem der Brüder und seiner Schwägerin später trifft Schmeler ein - und dann entwickelt sich das familiäre Palaver zu einer tragikomischen Farce. Schmeler verweigert die ersehnte Auskunft über den Inhalt des Testaments und verweist auf den Notar, der, und nur der dürfe es eröffnen.

Sosehr die Qualität dieses Romans gerade von der auch um Kleinigkeiten bemühten Genauigkeit lebt, es gibt ein paar Momente, die ein Lektorat zur Streichung hätte empfehlen müssen. Etwa, wenn wir auch noch mit den maßlosen Essgewohnheiten der Eltern Schmeler vertraut gemacht werden.

Mit einer weiteren bitter-komischen Pointe endet der Roman. Seine Lektüre bereitet Vergnügen, weil es Ott in seiner Detailgenauigkeit faszinierend gelingt, Personen, Situationen, Räume, Stimmungen und Erinnerungen zu vergegenwärtigen und das Geschehen choreografisch durch Dialoge und Rückblenden immer wieder spannend zu verzögern und zugleich überraschende Wendungen selbstverständlich erscheinen zu lassen. Gewissermaßen großes Kino, Verfilmung dieses Romans dringend empfohlen.

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Seite 1
e_c 24.08.2015
1. Ott ist eine Verfilmung wert
Ich bin da ganz bei Ihnen. Seit der Lektüre von "Endlich Stille" wünsche ich mir eine Ott-Verfilmung. Genau wie (mindestens) eine von Arno Geiger und John von Düffel.
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