Comics zur Zeitgeschichte Moskau und Washington von ihrer scheußlichsten Seite

Zweimal Zeitgeschichte, zweimal gut: Die US-Nahostpolitik entpuppt sich im Comic "Die besten Feinde" als Dauerchaos, der Tod des Sowjet-Diktators wird in "The Death of Stalin" zum mörderischen Polit-Thriller.

Fabien Nury/ Splitter

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Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Können Comics Geschichte nachvollziehbarer erklären als andere Medien? Klar: Asterix illustriert sehr schön die römische Legion, aber Zusammenhänge versteht man dadurch noch nicht. An den Zusammenhängen versuchen sich jetzt zwei Neuerscheinungen: Das Duo David B./Jean-Pierre Filiu mit Teil drei ihrer Serie "Die besten Feinde", das Duo Fabien Nury/Thierry Robin mit dem Band "The Death Of Stalin", dessen umstrittene Verfilmung Ende März ins Kino kommt. Gut sind beide Bände, aber einer ist sagenhaft.

Das liegt auch am Thema: B./Filiu wollen in "Die besten Feinde" das Dauerfiasko der US-Nahostpolitik verständlich machen. Erfahrung hat B. (eigentlich Pierre-Francois Beauchard) reichlich: Beim Festival in Angouleme ausgezeichnet, hat er schon öfter als Comic-Historiker gearbeitet. Diese Routine spürt man: Es funktioniert erstaunlich gut, obwohl die Comicform wenig dazu beiträgt.

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Jean-Pierre Filiu, Zeichnung: David B.:
Die besten Feinde

Dritter Teil 1984/2013 - Die Geschichte der Beziehungen der Vereignigten Staaten mit dem Nahen Osten

Avant-Verlag, 96 Seiten, 19,95 Euro

B.s Bilder sind expressiv, er porträtiert seine Protagonisten holzschnittartig, fast immer von vorn oder im Profil. Sachverhalte illustriert er grell und plakativ. Den Ausbruch des Aufstands im Irak 1991 gegen Saddam Hussein bebildert er mit einem schreienden Revolutionär, aus dessen Mund ein weiterer kriecht, aus dessen Mund wieder ein weiterer herauskommt.

Der US-General und der Ayatollah

Den Verrat an diesem Aufstand (den die USA erst förderten, dann aber aus Angst vor einer Mullah-Herrschaft im Stich ließen) symbolisiert ein Rebell, an dem der US-General Schwarzkopf und Ayatollah Rafsandschani zerren. Häufig ergibt das einen skurrilen Beigeschmack, aber diese 1:1-Illustrationen stützen vor allem die Aufmerksamkeit und kommen erst durch den Text zur Geltung, der das Thema sehr gut aufarbeitet. Knapp, zuspitzend, erfreulich wenig wertend.

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Comic-Serie "Die besten Feinde": Beziehungskrise? Krisenbeziehung?

"Die besten Feinde" zeigt ungeschönt, aber auch ohne Polemik eine imperialistische Supermacht, die ihre Attraktivität durch eben die Prinzipien gewinnt, die sie zur Verteidigung ihrer Interessen und jener Prinzipien immer wieder verrät. Oft zwangsläufig, oft aus Ignoranz. Wie die USA glauben konnten, im Irak oder in Afghanistan bekäme man nach dem Krieg einfach eine stabile Demokratie, ist heute noch unbegreiflicher als damals - und leuchtet durch wiederkehrende Elemente ein, die David B. schön herausarbeitet: Tiefes Desinteresse und eine Naivität, die schon vor Trump nahe an der Doofheit liegt.

Nur so versteht man, wie die USA - allen alles versprechend - die Öl-Partnerschaft mit Saudi-Arabien praktisch gleichzeitig mit dem Staat Israel realisieren konnten. Band drei endet im Jahr 2013, mit Obamas Versuch eines Rückzugs aus dem Nahen Osten. Man darf getrost davon ausgehen, dass Washington längst Material für eine weitere Fortsetzung erarbeitet.

Der Tod Josef Stalins

"The Death Of Stalin" hat es da leichter: Der Band pickt geschickt eine prächtige Rosine aus dem Kuchen der Geschichte - die Vorgänge rund um den Tod Josef Stalins 1953. Die Vermarktung als Satire ist dabei wohl dem Film geschuldet, der Comic ist vor allem ein exzellenter, beklemmender Polit-Thriller. Die Story: Der 75-jährige Stalin schwebt nach einem Schlaganfall zwischen Leben und Tod - die Spitzen der Partei kommen zusammen und beratschlagen, was zu tun ist. Sofort ist klar: Hier geht es nicht um die Zukunft des Kommunismus, sondern um Opportunismus, Misstrauen und vor allem um nackte Angst.

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Thierry Robin (Illustrator),‎ Fabien Nury (Idee):
The Death of Stalin

Eine wahre Geschichte... auf sowjetische Art

Splitter Verlag; 144 Seiten; 29,80 Euro

Es hilft, wenn man weiß, was vorher passiert ist: Stalin hat seine Partei und sein Volk erbarmungslos gesäubert. Damit ist nicht Degradierung oder Verbannung gemeint - er ließ die Konkurrenten umbringen, mit oder ohne Schauprozess, dann wurde von oben nach unten hunderttausendfach, millionenfach gemordet.

Entscheidend war dabei nicht mehr die (ohnehin fragwürdige) Schuld, sondern der Terror. Die verschlagenen Gestalten, die sich nun beim siechen Stalin sammeln, sind Produkte dieser mörderischen Gewaltherrschaft - Komplizen, Kriecher, Karrieristen. Leute wie Beria, Molotow oder Chruschtschow haben gelernt, dass nur Stalins Wohlwollen Sicherheit garantiert. Sie alle wissen, dass sich ohne Stalin nur derjenige schützen kann, der selbst die Macht erobert.

Beim Kampf um Posten geht es nicht um die Karriere, sondern ums Überleben. Das erste Opfer wird Stalin selbst: Aus Angst vor Fehlern und seinem möglichen Zorn verzögern die Politschranzen die medizinische Hilfe.

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Comic "The Death of Stalin": Komplizen, Kriecher, Karrieristen

Genau das ist es, was "The Death Of Stalin" besser funktionieren lässt: David B. muss vieles erklären, Nury/Robin können vieles einfach zeigen. Auch wer nichts über Stalin weiß, erkennt an der Furcht in den düsteren Panels, wie groß die Gefahr sein muss. Und so werden acht Seiten in einem Sitzungssaal spannend wie die Schießerei am OK-Corral - obwohl statt Kugeln nur verlogene Argumente fliegen. Nicht minder hilfreich: Nury/Robin lockern das bittere Szenario geschickt auf - die Vorbereitung der Leiche auf den Sarg, das Staatsbegräbnis sind überzeugend inszenierte Hingucker.

Da hätte es die kleineren Schummeleien (die sie nicht leugnen), gar nicht gebraucht: Sie beschleunigen manches, erfinden kleinere Szenen dazu. David B. würde das nie tun, aber da ist ja auch das Ziel ein anderes: Wo er knapp zusammenfasst, machen Nury/Robin Lust aufs Vertiefen und Weiterlesen.



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