Die besten Romane des Herbstes Hier wachsen Ihnen Hörner beim Lesen!

21. Teil: Hilary Mantel: "Wölfe"


Machtstudie: Hilary Mantel rehabilitiert den "Sendboten des Teufels": Sie gibt Englands Staatsmann Thomas Cromwell ein menschliches Gesicht

Hilary Mantels "Wölfe" ist ein historischer Wälzer, 768 Seiten dick, und er kommt daher wie viele historische Wälzer: in einem Umschlag, der irgendwie alt aussehen soll, aber billig wirkt, dunkelrot mit schwarzen Schlieren, brüchiges Leder imitierend. Auf ihm prangt ein Emblem, die Tudor-Rose: blutigrot und schmutzigweiß.

Eine Liebesgeschichte am Hof der Tudors könnte sich dahinter verbergen, süffig und süßlich, mit bösen Bösewichtern und schönen Hofdamen. Doch Mantels historischer Wälzer ist anders, besser. 2009 gewann sie mit ihm den Booker Prize, den wichtigsten britischen Literaturpreis. Sprachlich klar wie eine Regieanweisung, kommt "Wölfe" ohne die Versatzstücke der Schema-Literatur aus. Der historische Stoff, den die 58-jährige Britin gewählt hat, ist packend genug: Thomas Cromwell, Sohn eines saufenden Schmieds in Putney, arbeitete sich im 16. Jahrhundert zum mächtigsten Ratgeber von Tudor-König Henry VIII. empor. Seine Aufgabe war es, Henrys Scheidung von dessen erster Ehefrau Katherine durchzusetzen - gegen den Willen des Papstes und gegen die Mächtigen des eigenen Landes.

Penibel bewegt sich Mantel an den historischen Fakten entlang. Sie rückt der Figur Thomas Cromwell nahe, sie kriecht in ihn hinein, bis aus dem "er" ein "du" wird und manchmal ein "ich". Nicht einfühlend, sondern eindenkend zeichnet sie das Porträt eines Mannes, der in der Überlieferung bislang schlecht weggekommen ist: Die Intrige gegen Königin Katherine, die Enteignung der Klöster und die Hinrichtung des ehemaligen Lordkanzlers Thomas More haben Cromwell die Beinamen "Sendbote des Teufels" und "Hammer der Mönche" eingebracht.

Doch Mantel lässt sich von keiner Schwarzweißmalerei beirren: Sie gibt ihrem Protagonisten ein menschliches Gesicht hinter der Maske des kühl-berechnenden Staatsmannes, zeigt seine Zweifel und seine Zwänge, und sie zeigt seine abgebrühten politischen Gegner: allen voran Thomas More, den Autor von "Utopia", den die Nachwelt zum Menschenfreund und Märtyrer stilisierte. Alle sind sie in dieser Welt Schauspieler, die damit beschäftigt sind, ein passendes Gesicht zu machen, und alle sind sie Wölfe, die sich belauern.

SOPHIA EBERT


FUSSNOTE: Rund 100 Lords, Hofdamen, Diener und Bischöfe treten in "Wölfe" auf. Praktisch, dass Mantel ein penibles Personenverzeichnis führt, wie in einem Theaterstück.

Buchtipp

Hilary Mantel:
Wölfe
Aus dem Englischen von Christiane Trabant.

DuMont Buchverlag; 768 Seiten; 22,95 Euro.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
LurchiD 09.10.2010
1. ............
Zitat von sysopKaufen Sie einen Roman wegen seines schönen Anfangs? Oder wegen einer positiven Besprechung? Beides würde uns freuen, denn der KulturSPIEGEL hat die besten Neuerscheinungen des Herbstes für Sie ausgewählt - und liefert die jeweils ersten Sätze gleich mit dazu. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,721656,00.html
Aus dem Artikel: "Ignatius Martin Perrish hatte die ganze Nacht lang gesoffen und fürchterliche Dinge getan. Am nächsten Morgen erwachte er mit Kopfschmerzen und faßte sich an die Schläfen." (Erste Sätze aus "Teufelszeug" von Joe Hill) Ignatius Perrish, 26, von Freunden und Familie der Einfachheit halber Ig genannt, wacht eines Morgens auf und stellt mit Schrecken fest, daß ihm Hörner gewachsen sind; zwei spitze Knochen mit wunder Haut. Gab es so etwas nicht schon mal? Ach ja: Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen. (Franz Kafka) Irgendwie besser.
Ylex 09.10.2010
2. Globalen Grabbeltisch
Zitat: „In der Literatur darf endlich einmal das Unmögliche wahr werden... Ein Pferd beginnt zu kotzen.“ - zu „Die Wahrheit über Marie“ von Jean- Philippe Toussaint. Mich überkommt es auch schon, beim Lesen der Rezensionen. Das sollen die besten Romane des Herbstes sein? Ich dachte immer, die Literaturkritik zeige den Weg aus dem Gewimmel der Neuerscheinungen bei einer Buchmesse – aber angeboten werden mir Familiendramen, meist aus fernen Ländern, eine Migrationsgeschichte von Vietnam nach Kanada mit autistischem Sohn (Kim Thuy), der Ausklang eines sterbenskranken Gegners der argentinischen Miltär-Junta (Tomás Eloy Martínez), ein 500 Seiten dicker Dorf-Chronologie-Schinken in Form eines offenbar schwer verunglückten Romans (Judith Zander) oder ein noch dickerer Schmachtschinken über Thomas Cromwell – wer war das gerade wann noch? (Hilary Mantel). Bei diesem Angebot von welken Kraut und Rüben erlahmt mein Interesse, literarisch auf dem Laufenden zu bleiben, nachhaltig. Immerhin stammt etwa ein Drittel der vorgestellten Werke von deutschen Autoren, was allerdings nichts über deren Qualität aussagt. Die Verleger hängen hilflos in der Verkaufsdruck-Falle und greifen auf dem globalen Grabbeltisch nach dem Buntesten, weniger nach dem Gutem.
serdna 09.10.2010
3. Gähn
Noch ein Anfang "Bücher, lauter Bücher, die irgendwas versprechen. Die Wahrheit ist, es ist Müll. Mäandernde Wortschlangen, die sich in den Abguss leerer Hirne winden, sinnfreies Gestammel, sinnstiftend nur, wenn jemand darüber schreibt." Mal ernsthaft. Es gibt einige Romane, die das Potential haben, die Sichtweise auf die Welt zu verändern, diese aufzuladen. Naheliegenderweise tönen diese nicht so, wie der besoffene Stammtischbruder, der freischwebend und sinnfrei assoziiert. Es handelt sich dann um Gesprächspartner, die einen Gegenentwurf liefern, die unter Einsatz von Arbeit entstanden sind und unter Einsatz von Arbeit gelesen werden. Aber Arbeit bringt einen eben weiter. Es gibt davon so etwas fünfzig, will man bei Romanen bleiben. Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit; Miguel de Cervantes, Don Quijote de la Mancha; James Joyce, Ullyses; Dostojesky, der Idiot; Mario Vargas Llosa, Gespräch in der Kathedrale; Thomas Mann, Doktor Faustus; etc. etc. Den Buchbetrieb kann man erstmal komplett einstellen, man muss nicht jedes Jahr ein paar Hektar Wald für Unsinn flachmachen. Lohnen tut sich das nur, wenn bislang litterarisch unbekannte Länder an den Start gehen, also z.B. Arundhaty Roy, der Gott der kleinen Dinge. Gespannt sein kann man auf Afrika. Diskutieren wir über Goethe, Bloch, Adorno, Popper. Das bringt uns weiter. Mit Hirnblähungen haben wir das gleiche Problem wie mit Kühen. Ein Furz erhöt den CO2 Ausstoß.
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