Marseille-Buch Das Monster am Mittelmeer

Idylle und Elend: Philippe Pujol rechnet in "Die Erschaffung des Monsters" mit seiner Heimatstadt ab. Mitfühlend und wütend zeigt er, was in Marseille schiefläuft. Und was das über Frankreich aussagt.

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Vielleicht überlegen Sie ja gerade, nach Marseille zu reisen. Weil es billige Flüge gibt oder Sie Sehnsucht nach dem Mittelmeer haben. Und weil Marseille, spätestens seit es 2013 europäische Kulturhauptstadt war und ordentlich aufgehübscht wurde, seinen schlechten Ruf als schmuddelige Gangstermetropole zumindest teilweise abstreifen konnte.

Tatsächlich wirkt die Gegend um den Vieux Port, den zentralen Yachthafen, wie mit dem Kärcher bearbeitet - Besucher und Einheimische sitzen in den gepflegten Lokalen, die den Hafenrand säumen und genießen je nach Geschmack und Geldbeutel ein dreigängiges Touristenmenü für 17,50 Euro oder eine Bouillabaisse für 50 Euro aufwärts.

Norman Foster durfte eine gigantisches Spiegeldach an den Hafenrand stellen, in dem Touristen Selfies machen, nebenan lädt ein Riesenrad zum Rundblick über die Stadt ein. Eine sorglos anmutende Idylle - die wenig mit der Realität der zweitgrößten Stadt Frankreichs zu tun hat, wie sie der Journalist Philippe Pujol in "Die Erschaffung des Monsters" schildert. Es mag ein Sachbuch sein, ist aber alles andere als sachlich.

Pujol, der für die Tageszeitung "La Marseillaise" arbeitet, hat eine sehr persönliche Abrechnung mit seiner Heimatstadt geschrieben. Ähnlich wie es der US-Drehbuchautor David Simon mit der TV-Serie "The Wire" für Baltimore getan hat, zieht Pujol einen vertikalen Schnitt durch die Stadt, zeigt das Elend in den nördlichen Siedlungen, die Gewalt und Hoffnungslosigkeit, und analysiert die Verflechtungen von Kriminalität, Wirtschaft und Politik. Sein Duktus ist der eines verzweifelt Liebenden, der wieder und wieder enttäuscht wurde. Mal mitfühlend, mal wütend, mal sardonisch - aber niemals zynisch.

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Philippe Pujol:
Die Erschaffung des Monsters

Elend und Macht in Marseille

Till Bardoux, Oliver Ilan Schulz

Hanser Berlin, 304 Seiten, 24 EUR

Man kann "Die Erschaffung des Monsters" durchaus als Fortsetzung der legendären "Marseille-Trilogie" von Jean-Claude Izzo lesen. Izzo war so etwas wie der Chronist eines sich durch die einsetzende Gentrifizierung verwandelnden Marseille, dessen Vergangenheit er mit seinen Kriminalromanen ein tief melancholisches literarisches Denkmal setzte. 1995, im selben Jahr, als mit "Total Cheops" der erste Band erschien, wurde Jean-Claude Gaudin zum Bürgermeister von Marseille gewählt, was er bis heute geblieben ist.

Gaudin zementierte die Erneuerung der Metropole - und das ist durchaus wörtlich gemeint. Den "Alchimistenbürgermeister" nennen sie ihn in Marseille, weil er, so Pujol, "Beton in Gold verwandeln kann" und an einem Austausch der Bevölkerung arbeite, indem er die Leute durch Preise enteigne.

In der von Netflix produzierten Serie "Marseille" hat Gérard Depardieu grandios den Bürgermeister als koksenden Gourmand gegeben, der von der Liebe zu seiner Stadt ebenso getrieben wird wie von der Liebe zur Macht. Pujol geht einen Schritt weiter, zeigt ihn als Pragmatiker der Macht, dessen Politik "an reich gedeckten Tafeln und auf stillen Kirchenbänken" gemacht wird. Als Mann, dessen Herrschaft darauf basiere, dass fast alle vom "System Gaudin" profitieren: "Viele Leute - von oben angefangen - finden da etwas, um sich zu mästen und zu bereichern, um zu wachsen, zu leben, weiterzuexistieren, zu überleben - eine Armee von Geschäftsleuten, Managern, Experten, Assistenten und Sekretären.… Es gibt viele, die dafür stimmen, ein solches System aufrechtzuerhalten. Und sei es unbewusst."

Doch wo es Gewinner gibt, muss es auch Verlierer geben, das ist die Logik des Kapitalismus. Den Schwachen, Kaputten, Marginalisierten und Resignierten widmet Pujol die stärksten Kapitel seines Buchs. Während er in den lokalpolitischen Abschnitten zuweilen etwas kleinteilig wird und zu viele Informationen aus zweiter Hand kommen, sind seine Geschichten aus den abgeschnittenen Vierteln im Norden der Stadt von enormer emotionaler Wucht.

Es sind die Viertel, in denen sich Gaudin nicht blicken lässt, wo jede Hoffnung auf ein besseres Leben verschwunden ist - und eine Karriere als Verbrecher vielen als einziger Ausweg erscheint. Karrieren, die oft schon im Grundschulalter beginnen und allzu häufig mit dem Tod enden, noch bevor sich die Möchtegern-"Scarfaces" rasieren müssen. "Solange sie sich gegenseitig umbringen, ist es nicht schlimm", soll Gaudin häufig sagen.

Ein unerträglicher Zynismus angesichts der Geschichten, die Pujol, der seit Jahren in den Elendsquartieren der Stadt unterwegs ist, in seinem Buch gesammelt hat. Er trifft Frauen, deren Söhne und Männer Opfer des Gangsterkriegs wurden; er sieht Kleinkinder, die mit Ratten spielen oder Kakerlaken sammeln und für 5 Cent das Stück verkaufen; er spricht mit Einwandererfamilien, die ihre Viertel verrotten lassen, weil ein Slumlord ihnen versprochen hat, dass sie einen neuen Wohnort finden, "wenn ihr Ghetto erst mal richtig kaputt und richtig gefährlich ist".

Marseille "ist schlicht und ergreifend die sichtbare Illustration für all das, was in der französischen Republik schief läuft", beendet Pujol seine hoch emotionale, aber auch präzise analysierende Stadttour de Force, die von den Elendsquartieren bis ins Rathaus führt. Man könnte Frankreich auch durch Europa ersetzen. Und das macht "Die Erschaffung des Monsters" zu einer der wichtigsten Neuerscheinungen.

Sie überlegen immer noch, nach Marseille zu reisen? Machen Sie das ruhig, essen sie eine ausgezeichnete Bouillabaisse im "Chez Fonfon", Jean-Claude Izzos altem Stammlokal, das er nicht wiedererkennen würde, trinken Sie ein Glas Rosé am Vieux Port, machen Sie eine Graffiti-Tour durch das fein gemachte frühere Elendsquartier Le Panier. Genießen Sie die Illusion.

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insgesamt 3 Beiträge
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Cochrane 01.09.2017
1. Netter Artikel
Herr Müntefering/Herr Pujol haben das Château d’If vergessen. Vor ca. 32 Jahren hatte ich Marseille als junger Mann besucht, und fand es spannend. Allerdings war ich damals mit mit meinen damaligen Reisefreunden quasi der einzige Weiße auf dem Basar im orientalischen Viertel und die Szenerie war bedrohlich. Gleiches existiert in Venedig nicht. Und diese beiden Städte sind aufgrund der geographischen Lage im Norden des Mittelmeers, bzw. Adria/Golfe du Lion als ehemalige Handelsmetropolen historisch zu vergleichen. Obwohl heute beide Modelle gescheitert sind, siegt Venezia durch KO. Und ich selbst lebe auch hier lieber in einem post-deutschen Venedig als in einem post-deutschen Marseille.
Stäffelesrutscher 01.09.2017
2.
Ich bin beeindruckt. Auf SPON erscheint das Wort »Kapitalismus«, und es wird sogar erläutert, dass er die Wurzel allen Übels ist. Und das vor der Wahl! Übrigens: nach Marseille gibt es nicht nur billige Flüge, sondern auch billige Bahnfahrkarten. Ab Hamburg für unter 60 Euro, ab Frankfurt für unter 40 Euro pro Strecke. So, und jetzt lege ich zur Feier des Artikels die DVD von »Gomez et Tavarès« ein (als »Payoff« ins Deutsche übersetzt), und wer einen Teaser gucken will, google nach »Gomez & Dubois - Hotel commissariat«.
C. V. Neuves 01.09.2017
3.
Das Ganze beschreibt ziemlich präzise die Zukunft Westeuropas. Für die Reichen wird es weiterhin Nischen geben und Hauspersonal wird günstiger.
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