Historischer Krimi Triumph der Egos

Wie zehn Stunden Binge Watching: In seinem Roman "Die Farben des Feuers" schildert der französische Autor Pierre Lemaitre den Verfall einer kranken Gesellschaft.

Paris, 1944
AFP

Paris, 1944

Von Romain Leick


Der Racheengel ist eine Frau. Am Tag der Beerdigung des angesehenen Pariser Bankiers Marcel Péricourt im Februar 1927 wird seine einzige Tochter Madeleine von einem furchtbaren Schicksalsschlag getroffen. Gerade als der Trauerzug sich im Hof des Stadtpalais in Bewegung setzen soll, stürzt ihr kleiner Sohn Paul, ein siebenjähriger Junge, aus dem Fenster im zweiten Stock und prallt vor den Augen der entsetzten Menge auf den Sarg seines Großvaters, auf dem er wie eine Skulptur liegen bleibt, regungslos und aus den Ohren blutend.

Ein tragischer Unfall? Ein verzweifelter Akt des Kummers? Oder hatte ihn jemand geschubst? Das Kind überlebt, aber es bleibt querschnittsgelähmt, sitzt fortan im Rollstuhl und trägt Windeln. Dass es auch vor dem Unglück schon stotterte, macht den Umgang mit ihm nur noch anstrengender.

Opportunismus, Korruption, Habsucht

So spektakulär beginnt die Familiensaga der Péricourts, oder genauer gesagt ihre Weiterführung. Denn der erste Band dieser als Fortsetzungsroman angelegten Reihe des 1951 geborenen Autors Pierre Lemaitre erschien in Frankreich 2014, ein mit dem Prix Goncourt ausgezeichneter und erfolgreich verfilmter Bestseller: "Wir sehen uns dort oben", ein Schurken- und Schelmenstück, das in der Zeit unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs spielte und von der skrupellosen Geldgier der Überlebenden und Heimgekehrten erzählte.

Autor Pierre Lemaitre
Thierry Raji/ Klett-Cotta

Autor Pierre Lemaitre

Opportunismus, Korruption und Habsucht sind auch jetzt wieder die Triebkräfte der Geschichte (der Titel "Die Farben des Feuers" entstammt einem Gedicht von Louis Aragon), die vom Vorabend der großen Wirtschaftskrise Ende der Zwanziger- bis zum Aufstieg des Faschismus in den Dreißigerjahren reicht. Madeleine, geschiedene und allein erziehende, obwohl zunächst standesgemäß mit reichlich Personal ausgestattete Mutter, erweist sich als die nur scheinbar überforderte Heldin in einer Gesellschaft verkommener Männer. Sie wird im ersten Akt Opfer übler Machenschaften in ihrer Familie und Umgebung, die sie um ihr Vermögen bringen, bevor sie ihrerseits die Verräter mit krimineller Energie ins Verderben stürzt.

Wenn Helden fallen, lachen die Götter. Ihre Heiterkeit ist moralfrei. Lemaitre hat seinem Sittengemälde ein Motto des deutschen Schriftstellers Jakob Wassermann aus dessen bekanntestem Werk "Der Fall Maurizius" vorangestellt: "Es gab, genau besehen, nicht Gute und Böse, Ehrliche und Schwindler, Lämmer und Wölfe, es gab nur Bestrafte und Unbestrafte, das war der ganze Unterschied."

Welt im Umbruch

Lemaitre ist ein Meister der funkelnden Ironie, seine Vorbilder sind die großen französischen Romanciers des 19. Jahrhunderts, von Balzacs "Menschlicher Komödie" über Maupassants "Bel-Ami" bis Alexandre Dumas, dessen "Graf von Monte Christo" ihm die dramaturgische Vorlage geliefert haben könnte. Seine Figuren - der raffinierte Börsenspekulant, der käufliche Politiker, der nach Bedeutung lechzende Journalist - sind Repräsentanten einer Welt im Umbruch, deren Erschütterungen wie die Vorboten des kommenden Bebens wirken. Der dahingeschiedene Marcel Péricourt war noch "ein Vertreter des alten Frankreichs, des Frankreichs, das einst wie ein guter Familienvater die Wirtschaft gelenkt hatte. Man wusste nicht genau, was man nun zu Grabe tragen würde, einen bedeutenden französischen Bankier oder die vergangene Epoche, die er verkörperte".

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Pierre Lemaitre
Die Farben des Feuers: Roman

Verlag:
Klett-Cotta
Seiten:
479
Preis:
EUR 25,00
Übersetzt von:
Tobias Scheffel

Denn die Wirtschafts- und Schuldenkrise scheint sich mit der regelmäßigen Wiederkehr des Gleichen als die neue Normalität wie Ebbe und Flut festzusetzen. Die Politik schlägt sich zunehmend mit Themen herum, die mit gewissen Moralvorstellungen zu tun hatten, schlicht und verlockend genug, um von der großen Masse geteilt zu werden. War es normal, dass man, um die Währung zu stabilisieren, die kleinen Sparer ruinierte? War es hinnehmbar, dass die Mieten vervielfacht wurden? Populisten riskierten unter diesen Umständen nichts, Frustration und Resignation nährten den Groll: "Die Nation, dazu aufgefordert abzuwarten, dass wieder Wohnungen gebaut würden, dass die Straßen repariert würden, dass die Versehrten entschädigt würden, dass die Pensionen gezahlt würden, dass Arbeitsplätze geschaffen würden, kurz, dass sie wieder zu dem würde, was sie gewesen war…, die Nation also hatte sich damit abgefunden: Dieses Wunder würde nie stattfinden."

Am Ende ihrer Vergeltung, im Augenblick ihres Triumphs hat die sozial abgestürzte Madeleine keineswegs die alte Ordnung wiederhergestellt. Gerechtigkeit will aufbauen, doch Rache zerstört: "Sie konnte nur noch das Ruinenfeld zur Kenntnis nehmen, auf dem sie jetzt würde leben müssen."

Die Moral überlässt Lemaitre dem Leser

Lemaitre, auch als Verfasser mehrerer Kriminalromane im Erzeugen von Spannung geschult, betreibt sein Spiel mit Analogien, Parallelen und Andeutungen geradezu mustergültig; ja, man könnte sagen schablonenhaft, bliebe die Erzählung nicht so dicht und grotesk, immer auf dem Sprung wie die Episoden einer hechelnden TV-Serie, voller Wendungen und Winkelzüge, fast 500 Seiten Lektüre am Stück wie zehn Stunden Binge Watching. Auch nur ein einzelnes Element der überquellenden und doch stracks voraneilenden Handlung preiszugeben, erfüllte den Tatbestand des Spoilers.

Gewicht erhält der historische Krimi, der sich frei, aber nicht ungenau an reale Fakten und Wahrheiten der skandalgesättigten Dritten Republik anlehnt (man ist versucht, darin das französische Gegenstück zu Volker Kutschers Fortsetzungsromanen über "Babylon"-Berlin zu sehen), durch den Aufbau der politischen und gesellschaftlichen Kulisse, die seine Bühne darstellt und sich fast mühelos in die Gegenwart verschieben lässt: "Die Tugend der Gerissenheit ersetzte die der Arbeit." Wo sind wir, 1929 oder 2019?

Seinen Leser lässt Lemaitre nie im Unklaren, wo er steht und von wo er spricht. Aber er überlässt ihm die Moral daraus. Die "Farben des Feuers", die Aragon, der Dichter der Résistance, der Frankreich in einer Zeit nationaler Depression Mut zum Widerstand machte, im titelgebenden Vers beschwört, sind übrigens die des Flieders und der Rosen. Sie werden bald blühen. Vielleicht sollten die sie zu ihrem Emblem machen.



insgesamt 2 Beiträge
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chrismuc2011 01.03.2019
1.
2019 ist das neue 1919. Ich werde mir das Buch kaufen, um die Analogien zerfallener Gesellschaften herzustellen. Ich bin sehr gespannt.
scoopx 01.03.2019
2. Umbruch und Verfall?
Frankreich galt 1919, vor hundert Jahren, als Hauptsiegermacht. Aber der Roman "Die Farben des Feuers" zeigt, daß es nicht so war. Im Gegenteil, schon 1929 roch es stark nach 1940. Das hat mit Hitler, dem Faschismus und dem deutschen Angriff nichts zu tun. Frankreich und Großbritannien waren mit der Neuordnung der Welt überfordert. Gut hundert Jahre vorher, im Wiener Kongreß, war das geschlagene napoleonische Frankreich gleichberechtigter Partner. Hätte man sich 1919 mit Deutschland zu etwas ähnlichem aufgerafft, dann wäre es zu dem Verfall wohl nicht gekommen. In diesem Jahr gibt es mehrere Jubiläen, die nicht so beachtet werden, aber doch zu denken geben. 100 Jahre Tschechoslowakei? Diesen Staat gibt es nicht mehr, er ist in seine Bestandteile zerfallen. 100 Jahre Jugoslawien? Ebenso, noch dazu nach einem langen blutigen Bürgerkrieg. Das ist den Siegermächten von 1919, vor allem Frankreich, anzulasten. Ein weiteres Jubiläum ist 100 Jahre Bauhaus; unter anderem darin zeigt sich die unverminderte Kraft des vermeintlich besiegten Deutschland. Frankreich mußte als Siegermacht keine Reparationen zahlen, keine Währungsreform verkraften und keine Diskriminierung der Exportwirtschaft, und es wurde auch kein Auslandsvermögen enteignet. Dennoch war seine Währung und Wirtschaft ähnlich zerrüttet wie die der Weimarer Republik. Das gleiche gilt für seine Traditionen und Werte. Das zeigt der Roman auf erschütternde Weise.
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