DDR-Roman "Die grüne Grenze" Den Wald im Rücken

Eine Außenansicht, nach innen gewendet: Die Amerikanerin Isabel Fargo Cole berichtet in ihrem ersten Roman eindringlich vom Leben am Rande der DDR.

Blick auf die Grenzanlagen bei Rottenbach in Bayern (Aufnahme von 1986)
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Blick auf die Grenzanlagen bei Rottenbach in Bayern (Aufnahme von 1986)


Nicht nur das Buch trägt den Titel "Die grüne Grenze". Auch der Buchumschlag ist grün, auf dem Autorenfoto trägt Isabel Fargo Cole einen grünen Schal. Und im Inneren geht es grün weiter. Den Wald, der die Heimat der Protagonisten ist und verschiedene Namen trägt (Harz in der Gegenwart, früher einmal Hercynischer Wald), schildert die Autorin als dunkelgrün, es scheint dem Leser fast, als bedecke er den ersten Teil des Buchs.

Später, wenn ein Zeitsprung die Handlung in die frühen Fünfzigerjahre und nach Wünsdorf verlegt, ins ehemalige Hauptquartier der Sowjetarmee vor Berlin, leuchten die Sätze gelbweißgrün wie ein mageres Birkenwäldchen. Ach, selbst Lena, die Frau, die man am Anfang nicht auf dem Zettel hat, weil sie erst nach ein paar Hundert Seiten in die Handlung eindringt und dann nicht nur bleibt, sondern immer größer wird, riecht "herb wie grünes Holz in der Sonne".

Vor diesem Farbpanorama baut Isabel Fargo Cole eine Handlung auf, in deren Mittelpunkt zunächst drei Menschen, Thomas, Editha und Eli stehen. Ein Schriftsteller, eine Bildhauerin und ihr Baby, das im Verlauf der Handlung zum Schulkind wird. Sie leben in einem ehemaligen Ausflugslokal, das von seinem Hang aus über die Ortschaft Sorge blickt. Sorge liegt im Sperrgebiet, ein paar Kilometer entfernt vom anderen Teil des Landes.

Man spürt die Schallwellen der großen Politik mit Verzögerung

Weitab von Berlin bauen sich die drei einen Alltag auf, der zunächst dörflich spannungsarm wirkt, aber tatsächlich unter großer Spannung steht: Thomas schreibt einen historischen Roman; es könnte der große Wurf werden. Darin geht es um die Grenze, um den Wald, der gleich hinter dem Haus beginnt, vor allem aber um den Wald, der früher einmal viel größer war, wild und unbezähmbar, später wirkte "wie ein Bildteppich mit ewig wiederkehrenden Mustern: der springende Hirsch, der wühlende Eber", und es geht um den Versuch der Mönche des Frühmittelalters, diesem Wald einen Nutzen abzuringen, die Grenzen, die er setzt, zu überwinden.

Isabel Fargo Cole
Simona Lexau

Isabel Fargo Cole

Während Thomas neben seiner Arbeit in der Bibliothek also diesen Roman schreibt, die Korrespondenz mit seinem Lektor Uwe pflegt und eine Art Freundschaft mit Sebastian beginnt, einem Antiquar in Wernigerode, stellt Editha ihre Kunst in den Dienst der Werktätigen.

All das geschieht in einer stetigen Balance, aber keinesfalls in einem abgeschlossenen Vakuum. Ein Roman über Menschen ist schließlich immer auch ein Roman über das System, in dem sie sich bewegen. Am Rand der DDR spürt man die Schallwellen der großen Politik mit Verzögerung, aber man spürt sie. Wolf Biermann wird ausgebürgert. Uwe flüchtet in den Westen, der als Raum der Möglichkeiten über fast allen Beteiligten schwebt. Und von wem stammen eigentlich die Zigarettenstummel, die vorm Haus der Kleinfamilie liegen, in der doch niemand raucht?

Feingeist, Weiberheld, Familienvater? Wer ist er?

Mit zahlreichen Rückblenden grundiert Isabel Fargo Cole die Handlung. Rätsel, die sie auf den ersten 200 Seiten des Buchs stellt, lösen sich auf beinah beiläufige Art und Weise auf, Grausamkeiten und Dissonanzen zwischen den einzelnen Charakteren erklären sich. Sie erzählt von Thomas' Kindheit, von seinen Jahren als Student in Berlin, von der einen großen Liebe und der Suche nach der eigenen Identität. Russe, Jude, Deutscher? Feingeist, Weiberheld, Familienvater? Wer ist er? Und was bedeutet das überhaupt?

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Isabel Fargo Cole:
Die grüne Grenze

Edition Nautilus; 496 Seiten; 26,00 Euro

Erst mit der Zeit scheinen sich die Sachverhalte zu sortieren und selbst Antipoden zu arrangieren; etwas rumpelig, wie Schubladen, die man in einen Schrank schiebt, dessen Holz sich verzogen hat, die nach gewisser Gewaltanwendung aber doch passen. Aber es ist noch nicht das Ende - wie soll es das auch sein bei einem Buch, das so nah am Todesstreifen mit seinen Zäunen, Minen und patrouillierenden Soldaten spielt?

Isabel Fargo Cole ist 1995 nach Berlin gezogen, sie hat dort mehr als die Hälfte ihres Lebens verbracht. Dass sie auf Deutsch schreibt, ist also nicht die zentrale Nachricht, sondern wie sie es tut: Ihre Sprache benötigt Konzentration, bleibt aber stets klar. Sie wechselt virtuos die Perspektiven, die Zeitströme, zitiert alte Volkssagen und das Buch ihres eigenen Protagonisten.

"Die grüne Grenze" ist ein Deutschlandbuch, das ohne jedes Klischee auskommt und trotz seiner fast 500 Seiten nie aufgebläht wirkt.

Hinweis: Wir haben die Ortsbezeichnung in der Bildunterschrift korrigiert. Der abgebildete Teil des Grenzstreifens war nicht bei Schauberg, sondern zwischen Rottenbach und Eisfeld.



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