Graphic Novel über spanische Antifaschisten Der Griesgram war ein Held

In seiner neuen Graphic Novel erzählt Paco Roca die Geschichte der vergessenen spanischen Republikaner, die im Zweiten Weltkrieg gegen den Nationalsozialismus kämpften. Ein wahrer Schatz!

Szene aus Paco Rocas Graphic Novel "Die Heimatlosen": Unbekannte Helden
Paco Roca/ Reprodukt

Szene aus Paco Rocas Graphic Novel "Die Heimatlosen": Unbekannte Helden


Um eine Graphic Novel von der Idee bis zum fertigen Buch zu bringen, braucht es unendliche Geduld und aufwendige Recherchen. Manchmal kommt dabei sogar ein wahrer Schatz zutage und es gelingt, Geschichten zu erzählen, die sonst verloren und vergessen wären.

Mit "Die Heimatlosen" hat Paco Roca einen solchen Schatz gehoben. Er erzählt die Geschichte der spanischen Bürgerkriegssoldaten, die im Zweiten Weltkrieg ihren Kampf gegen den Faschismus weiterführten. Dass ihr Anteil am Sieg der Alliierten keine größere Aufmerksamkeit bekam, liegt vor allem daran, dass die spanischen Republikaner schon während des Zweiten Weltkriegs als Kommunisten verschrien waren und ihre Verdienste im Zuge des Kalten Krieges unter den Teppich gekehrt wurden.

In ihrem Heimatland, über dem in den Jahren des Franco-Regimes ein bleiernes Schweigen hing, das noch über seinen Tod hinausreichte, kommt es erst in jüngerer Zeit zur langsamen Aufarbeitung des Bürgerkriegs.

Eine wortkarge Hauptfigur

Roca hatte bereits 2012 mit seiner liebenswerten Alzheimer-Erzählung "Kopf in den Wolken" einen kleinen Welthit. Die animierte Version der lebensnahen Geschichte aus dem Altersheim brachte es gar bis zu einem Goya, dem wichtigsten spanischen Filmpreis.

Auch in "Die Heimatlosen" spielt ein alter Mann die Hauptrolle, es ist der grummelige Miguel Ruiz, der unerkannt in einem französischen Dorf lebt und vom Alter Ego des Zeichners zu Recherchezwecken besucht wird. Zunächst sehr wortkarg, kommt Ruiz allmählich ins Erzählen über seine Vergangenheit bei den spanischen Revolutionären, im Exil in Lagern in Nordafrika und schließlich dem Einsatz in der berühmt-berüchtigten Einheit "La Nueve", der Neunten, die als erstes in das von Nazis besetzte Paris einmarschierte.

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Leider gibt es diesen Miguel Ruiz nicht wirklich, er ist eine Figur, dessen Autobiografie Roca aus mehreren kleinteilig recherchierten realen Lebenserinnerungen zusammengebastelt hat, um alle Facetten dieser vergessenen Helden erfassen zu können. Zu gerne schaut man dem Zeichner dabei zu, wie er den alten Griesgram mit seiner Begeisterung und ehrlichen Bewunderung nach und nach aus der Reserve lockt und wieder zum Leben erweckt.

Respekt den Mutigen!

Mit Ruiz' Erinnerungen nimmt Roca die Leser mit auf kleine Geschichtsexkursionen, die im Buch farblich von den heutigen Szenen abgesetzt sind. Man bangt mit den spanischen Republikanern im Hafen, die auf ein letztes Schiff auf der Flucht vor Francos Truppen hoffen, beobachtet Ruiz und seine Kameraden in der glühenden Hitze der Wüstenlager, wo sie zum Arbeitseinsatz einkaserniert sind und begleitet sie schließlich auf ihrem Husarenritt in die französische Hauptstadt, wo den Ruhm für den Sieg dann andere einheimsen werden.

In der fünfjährigen Entstehungszeit der Graphic Novel ist dem 46-jährigen Roca eine ausgewogene Mischung aus Geschichtsroman und Freundschaftserzählung gelungen. Wie schon in "Kopf in den Wolken" hat der Valencianer ein feines Gespür für ungekünstelte zwischenmenschliche Töne. Wie überzeugt er davon ist, dass diese Menschen und ihre Geschichten es verdient haben, sich ihrer zu erinnern, ist beim Lesen deutlich zu spüren.

Und so taugen die realen Hintergründe dieser Erzählung auch als ein weiterer Beweis gegen die Beschönigungen des Mitläuferphänomens. Durchaus gab es in ganz Europa Widerstand, der zum Teil zu einem enorm hohen Preis geleistet wurde.

Um so bitterer, dass vielerorts, so auch im Nachkriegsdeutschland, diesen Mutigen mit so wenig Respekt begegnet wurde. "Die Heimatlosen" gibt nun zumindest den spanischen Antifaschisten ein kleines Stück später Anerkennung.

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Ossifriese 29.07.2015
1. Gegen das Vergessen
"...Und so taugen die realen Hintergründe dieser Erzählung auch als ein weiterer Beweis gegen die Beschönigungen des Mitläuferphänomens. Durchaus gab es in ganz Europa Widerstand, der unter zum Teil enorm hohem Preis geleistet wurde. Um so bitterer, dass vielerorts, so auch im Nachkriegsdeutschland, diesen Mutigen mit so wenig Respekt begegnet wurde. ..." Das ist sehr richtig. Auch Deutsche, die Anfangs im Reich Widerstand leisteten, dann über die Emigration nach Spanien gingen, von dort nach dem Sieg der Franco-Faschisten in Südfrankreich interniert wurden, weiter schließlich in der Resistance ihren Beitrag zum Kampf gegen die deutschen Nazis leisteten - es gibt sie! Aber sie sind bis heute vielfach totgeschwiegen oder schweigen selbst, wenn sie noch leben, weil die langen Jahre der klammheimlichen Restauration des rechten Gedankengutes in der BRD sie einfach verstummen ließen. Immerhin schön, dass dieser SPON-Artikel - wenn auch aus spanisch/französischer Sicht - diese Taten europäischer (!) Antifaschisten wieder in Erinnerung bringt!
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