US-Amerikaner in der Sowjetunion Das gelobte Land ist immer anderswo

Stalin statt Coca-Cola: Eine Welle US-Staatsbürger floh in den Dreißigern in die Sowjetunion. Sana Krasikov erzählt in ihrem Familienroman "Die Heimkehrer" von drei Generationen im Ideologiekampf.

Sowjetisches Propaganda-Plakat
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Mitten auf einem Bahnhof in der tiefsten Sowjetunion, in einer Stadt an der Wolga, sieben Jahre nachdem er sie zuletzt gesehen hat, geht Juliks Mutter Flora, grau geworden im Arbeitslager, in die Hocke und spricht mit dem 13-Jährigen - auf Englisch. Seltsam fremd. Nur früher, zum Einschlafen, sang sie ihm Gospels vor, die sie noch von ihrem Kindermädchen in New York kannte.

Wie verräterisch Sprache sein kann: In jenem Moment, 1956, lässt Flora Solomonowna ihre abgelegte jüdisch-amerikanische Identität durchscheinen. Ihr Leben als Florence Fein, geboren in Brooklyn, Tochter von Solomon, die nach ihrem Mathestudium nach Russland aufbrach, weil ihr Sergej, ein Ingenieur im Auslandsdienst, Kopf und Herz verdreht hatte. Und die dann erst fast 50 Jahre später als alte Frau zurückkehrt, als Witwe eines anderen US-Emigranten, quasi aus dem Land geschleift von ihrem Sohn. Der Ausreißer ins Englische auf jenem Bahnhof, er zeigt: Etwas in ihr ist gebrochen.

Vom "Land of the Free" in Stalins Kommunismus?

Das Mäandern von Identitäten steht im Zentrum dieser ungewöhnlichen Geschichte: Das Gelobte Land, es ist hier stets woanders. In "Die Heimkehrer" erzählt Sana Krasikov, 1979 in der Ukraine geboren und längst New Yorkerin, die Geschichte von Florence, die wie eine ganze Welle US-Amerikaner in den Dreißigerjahren vor der Großen Depression, dem Kapitalismus oder beidem nach Russland floh.

Auch heute, da das überwunden geglaubte Gut-Böse des Kalten Krieges wieder zementiert wird zwischen Amerika und Russland, erscheint diese Idee ungeheuerlich. Flucht aus den USA nach Kanada, ja klar. Aber vom cocacolatrunkenen "Land of the Free" in Stalins Kommunismus?

Autorin Krasikov
Alexis Calice

Autorin Krasikov

Deshalb sind die Überlegungen, die Sana Krasikov in diesem drei Generationen und 75 Jahre umspannenden Familienroman aufreißt, so verblüffend aktuell. Der Originaltitel "The Patriots" trifft den Kern daher präziser, es geht um mehr als die Definition von Heimat oder Migration - Themen, die Krasikovs Schreiben durchziehen, etwa in Geschichten wie "The Repatriates".

Hier wird nun ausgehandelt: Was macht nationale Zugehörigkeit aus? Wie stark ist Patriotismus ideologisch geprägt - und somit austauschbar? Was, wenn dieses Land, dem man sich in selbst definierter Vaterlandsliebe an die Brust geworfen hat, einen hintergeht, knechtet, verrät, verhaftet, foltert, auf ganzer Linie enttäuscht? Ist es am Ende nur die "nationaltypische Form des Stockholm-Syndroms", das "man Patriotismus nennt", wie Florences Sohn nüchtern die Identität von Russen kommentiert?

Und weiter gefragt: Was für ein Nationalgefühl stricken sich jene US-Amerikaner nun zurecht, denen es lieber wäre, der aufs Nationale versessene Donald Trump wäre nicht ihr Präsident?

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Sana Krasikov:
Die Heimkehrer

Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz

Luchterhand; 800 Seiten, 26,00 Euro

Aus "Amerika hatte ihr nichts zu bieten", wie Florence anfangs abwinkt, wird "In der Theorie sei der Sozialismus eine wunderbare Idee", zwischendurch wird sie "überwältigt von einer fast körperlichen Zuneigung zu dem Lampenschirm mit den Quasten" auf einem Foto, das ihr Bruder aus Brooklyn schickt.

Sprachlich solide wie ein Topf Borschtsch

Sie ist eine Frau, die an ihrer Entscheidung und Einstellung zweifelt, stets versucht, das Beste zu machen, auch als sie hinterrücks zur Sowjetbürgerin gemacht wird, von den USA geflissentlich vergessen (Tim Tzouliadis' "The Forsaken" von 2008 ist das Sachbuch-Gegenstück dazu), sich erst als Spitzel anheuern lässt, um ihre Familie zu schützen - und sich dann abschottet vor dem Davor auf der anderen Seite des Ozeans.

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Dass die Spielregeln in Russland für Krasikov auch 2008 kaum anders sind, ohne Schmiergeld, Drohungen, Kontakte nach ganz oben nichts läuft, bringt den Roman fast zum Kippen. Dieses Schwarz-Weiß-Bild ist gerade für eine solche Story zu schlicht. Es zog nämlich auch Floras Enkel Lenny von den USA nach Moskau. Bis sein Vater Julik ihm nachreist: um ihn zurückzuholen. Und endlich zu klären, wieso Flora sieben Jahre im russischen Arbeitslager saß. Derweil überall der vertraut kafkaeske Wahn.

Der Roman fasziniert dennoch. Weil er zwischen Familiensaga, Historienroman und Spionagestory die politisch aktuelle Frage nach ideologischer Verortung neu aufrollt. Sprachlich ist "Die Heimkehrer" zwar eher solide wie ein Topf Borschtsch, aber die Feinheit bekommt er, weil die Story nur unterschwellig chronologisch erzählt ist, kapitelweise springt, zwischen Floras Russlandzeit und immer wieder Juliks Versuch 2008, ihrer Geschichte und seinem Sohn nachzuspüren.

Durchdringend auf jeder Seite jedoch: die Wucht von Floras ideeller Verlassenheit. Die nie mehr "Amerika" sagte. Sondern nur: "dort".

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