Meg Wolitzers "Die Interessanten" Die Zähmung der Besessenen

Sechs Teenager treffen sich zufällig im Sommercamp - sie fühlen sich zu großen Taten berufen. 40 Jahre später sind die Jugendlichen erwachsen und ihre Pläne zertrümmert. Doch dafür sind sie frei. Die Hölle dazwischen schildert Meg Wolitzer.

Die amerikanische Schriftstellerin Meg Wolitzer, 55, legt einen epischen Roman übers Erwachsenwerden vor.
Meg Wolitzer

Die amerikanische Schriftstellerin Meg Wolitzer, 55, legt einen epischen Roman übers Erwachsenwerden vor.


Sie ist unbeholfen, diese 15-jährige Julie Jacobson aus dem öden New Yorker Vorort. Dazu auch nicht besonders hübsch, mit dem dauergewellten Pudelkopf. Doch sie hat das große Glück, dabei sein zu dürfen. In dieser einen warmen Julinacht des Jahres 1974, in der alles seinen Anfang nimmt. Fünf Jugendliche sitzen mit ihr im Tipi inmitten eines Sommercamps für künstlerisch interessierte Kinder, dem "Spirit-in-the-Woods". Sie alle wirken so viel lässiger, reifer als Julie, wie sie sich über europäische Literatur unterhalten und jede Bemerkung mit Ironie würzen. Doch dann wirft die Außenseiterin selbst einen Kommentar in die Runde, mit staubtrockenem Humor. Ihre Eintrittskarte in eine andere Welt. Aus Julie wird "Jules", die Metamorphose beginnt.

"Die Interessanten" heißt der neue, wahrlich epische Roman der amerikanischen Schriftstellerin Meg Wolitzer. "The Interestings" nennt sich die Gruppe der sechs jungen Menschen an ihrem ersten gemeinsamen Abend. Berauscht von Joints, Wodka und der Überzeugung, zu Besonderem berufen zu sein. Da sind Ethan Figman mit seinem Talent fürs Zeichnen und das Geschwisterpaar Ash und Goodman Wolf. Sie eine zarte Schönheit, er übertrieben maskulin. Da ist Jonah Bay, gut aussehender Sohn einer Folk-Sängerin, und Cathy Kiplinger, schon jetzt zu fraulich für ihren Traum vom professionellen Tanzen. Und schließlich Julie/Jules, die kurz zuvor den Vater verloren hat.

Sechs wache Köpfe, durch manches frühe Trauma geprägt, aber mit dem Glauben an die Möglichkeiten der Kunst und des eigenen Könnens. Individuell und kreativ fühlen sie sich, diesen Werten verschreiben sie sich im Camp.

Buddenbrooksches Ausmaß

Auf 600 Seiten entwirft Meg Wolitzer fortan nicht weniger als ein Porträt ihrer eigenen Generation über 40 Jahre hinweg. Im Lauf der Zeit kreuzen sich die Lebenswege ihrer Helden teils durch Zufälle wieder, teilweise trennen sie sich auch nie. Vom Rücktritt Nixons bis zu den Anschlägen des 11. September bildet das Zeitgeschehen dabei eine dezente Folie, vor der die Träume der Protagonisten gedeihen oder welken. Der Joint heißt irgendwann "Spliff", noch später halten Facebook und Sojamilch Einzug ins Sommercamp. Die Erinnerungen an die Momente im Tipi bleiben.

Mit "Boyhood" zeichnete einer der faszinierendsten Filme dieses Jahres schon eine ganz ähnliche Langzeitstudie. Allein: Sie beschränkte sich auf zwölf Jahre und eine einzige Familie. Ihr Charme lag im Echtzeit-Altern der Helden. Die Fiktion erlaubt der Autorin Wolitzer nun eine Zeitspanne von buddenbrookschem Ausmaß. Wie in "Boyhood" begegnen einem auch hier kultivierte, liberale Großstadtamerikaner von ausgesprochener Warmherzigkeit. Es sind nicht die ganz großen Abgründe, die Wolitzer im Seitentakt aufreißen muss, um die Spannung hochzuhalten. Nie wirkt der Roman dramaturgisch überfrachtet. Zugegeben, eine vermeintliche Vergewaltigung wird zum Thema, Aids, klinische Depressionen, ein autistisches Kind, der Tod. Aber es sind eben auch vier Jahrzehnte, die ins Land gehen, da geschieht zwangsläufig so einiges.

Worum es wirklich geht, sind jedoch andere Dramen. Leisere. Es ist die Beziehung zweier Paare zueinander und untereinander. Es ist der Umgang mit den eigenen Idealen, mit Rückschlägen, Enttäuschungen. Ethan Figman wird mit Mitte zwanzig reich durch eine Fernsehserie namens "Figland", seine Frau, die zarte Ash Wolf, reüssiert als feministische Theaterregisseurin. Jules begräbt derweil ihre Schauspielpläne, wird Therapeutin und schlägt sich mehr schlecht als recht mit ihrem bodenständigen Ehemann durchs Leben. Kinder folgen, hüben wie drüben.

Alltag am Existenzminimum

Materieller Erfolg auf der einen Seite, ein Alltag am Existenzminimum auf der anderen: Die Bindung zwischen den alten Freunden scheint noch immer stark, doch sie wird von schleichendem Neid unterhöhlt. Jules kann sich dem kaum entziehen, in all ihrer Frustration angesichts des eigenen, doch so glanzlos gewordenen Lebens. Stets bleibt sie Fixpunkt des Romans, die einstige Außenseiterin, die noch immer am härtesten kämpfen muss.

Meg Wolitzer lässt immer wieder etliche Jahre aus, taucht dann wieder ein in präzise Szenen. Manche davon sind offensichtlich bedeutungsvoll, andere vermitteln anhand scheinbarer Beiläufigkeiten den Umgang ihrer Figuren. Wolitzers Stärke liegt dabei nicht so sehr im Hintersinn, das wird schnell deutlich. 40 Jahre wollen erst mal erzählt sein, für sprachliche Originalität, für Indifferenzen ist wenig Platz. Die Erzählstimme bleibt sachlich, klar, damit aber auch blass. Es sind die glaubwürdigen Dialoge, durch die Wolitzers Figuren sich preisgeben. Und es sind kleine Szenen, die vermitteln, wie viel Tragik und Schönheit zu gleichen Teilen in langen, mit Erwartungen aufgepumpten Freundschaften liegt. Wie sehr gesteht man dem anderen Veränderungen zu? Wie sehr sich selbst? Inwieweit muss man abrücken von vertrauten Bildern? Oder den eigenen Lebenszielen?

Es sind gewaltige Fragen, die Meg Wolitzers Roman aufwirft und die von den Figuren auf die eine oder andere Art beantwortet werden. Es sind existenzielle Krisen aus allen ihr bekannten Lebensphasen, durch die die Autorin die sechs "Interessanten" schickt. Eine wichtige, wenn auch späte Erkenntnis sei schon hier verraten: "Man konnte von seiner Besessenheit ablassen, interessant sein zu wollen."

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insgesamt 2 Beiträge
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sebastian.teichert 20.08.2014
1.
Nun kann ich nur hoffen, dass die Schriftstellerin irgendwie magisch schreibt. Denn die Story hört sich so unendlich langweilig an, dass ich lieber sterben würde, bevor ich den Schinken lese!
marienkäfer, 20.08.2014
2.
Zitat von sebastian.teichertNun kann ich nur hoffen, dass die Schriftstellerin irgendwie magisch schreibt. Denn die Story hört sich so unendlich langweilig an, dass ich lieber sterben würde, bevor ich den Schinken lese!
Komisch, ich habe gerade genau das Gegenteil gedacht. Ich habe nie was erreichen wollen im Leben und fühle mich trotzdem nicht als Loser. Wie kommt das bloß? Weil mir Neid und das Streben nach materiellen Werten unbekannt sind und ich trotzdem ein erfülltes Leben habe? Das Buch muss interessant sein.
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