"Die Korrespondenz" von J.D. Daniels  Die Vergangenheit brennt wie eine Hämorride

J.D. Daniels' Debüt "Die Korrespondenz" soll angeblich Männlichkeit zum Thema haben. Zum Glück ist das nur halb wahr, sonst wäre die Sammlung Essays sicher nicht so witzig, wie sie ist.

Männlichkeit ist auch ein Thema
Getty Images/ Branger/ Roger Viollet

Männlichkeit ist auch ein Thema


Worum es in "Die Korrespondenz", einer Sammlung von Essays und Kurzgeschichten des amerikanischen Schriftstellers J.D. Daniels geht, beschreibt der Autor am Ende seines Buches selbst am besten: "Man könnte Analytiker und Autoren für natürliche Verbündete halten, die sich derselben Sache verschrieben haben. Inzwischen weiß ich, dass Autoren und Analytiker natürliche Feinde sind, gerade weil sie sich derselben Sache verschrieben haben".

"Die Korrespondenz" ist eine Selbstbetrachtung, eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Seelenleben, der eigenen Vergangenheit und Schwäche. Allerdings nicht mit dem therapeutischen Ziel der Selbstheilung. Eher mit dem schriftstellerischen Anspruch der Selbstdarstellung. "Der Fall ist wahr, nur Namen von Personen sind geändert, um Unschuldige zu schützen", schreibt Daniels an einer Stelle. "Meiner allerdings nicht. Ich bin nicht unschuldig."

Das Buch besteht aus sechs als "Briefe" titulierten Geschichten, zwei Kurzgeschichten und vier Texten, die sich zwischen Reportage und Essay bewegen. Einzeln sind sie in der "Paris Review" erscheinen. Nach zwei Autorenpreisen für Daniels wurden sie nun zu einem kleinen Buch zusammengefasst.

Vermarktet wird das Buch über das Thema Männlichkeit. Im etwas lustlosen Klappentext (in Deutschland erscheint das Buch bei Suhrkamp) steht wörtlich: "Man spürt sich nicht, man grübelt viel, man hätte gern mehr Abenteuer - 'toxische Männlichkeit'". So ein Spiegelstrich sorgt natürlich für Dramatik, macht den Begriff und seine Bedeutung aber dennoch nicht klarer. Das Wort Männlichkeit kommt im ganzen Buch übrigens kein einziges Mal vor. Aber dazu später mehr.

Klingt düster, ist aber unterhaltsam

Toxizität spielt allerdings eine Rolle in dem Buch, vor allem, weil Daniels, wie mit jeder Geschichte klarer wird, seinen fair share an Alkohol, Drogen und Medikamenten zu sich genommen hat. Klingt düster, verarbeitet der Autor aber, wie vieles in dem Buch, auf sehr unterhaltsame Weise.

Zu Beginn der ersten Geschichte, "Briefe aus Cambridge", ist Daniels trocken. Er besucht einen Kurs für brasilianisches Jiu-Jitsu, einer Form des Bodenkampfes. Dort hängt er mit Männern rum, die stärker und härter sind als er. Es wird wie eine Sucht. Seine Freundin fragt: "Wo ist der verträumte Bücherwurm hin, in den ich mich verliebt habe?" Daniels findet, dass Kämpfen ein adäquater Ersatz fürs Schreiben ist. "In der ersten Stunde bringen sie einem bei, sich die Scheiße aus dem Leib prügeln zu lassen. Weitere Lektionen gibt es nicht. Je nach persönlichem Scheißegehalt kann die erste achtzig bis hundert Jahre dauern." Daniels' persönlicher Scheißegehalt ist relativ hoch.

"Briefe aus Mallorca" deutet das nur an. Der Autor gibt seinen Job als Lehrer auf, weil er merkt, dass er eigentlich nicht gut darin ist. Er heuert auf dem Schiff eines israelischen Kapitäns aus Tel Aviv an und beginnt eine Reise über das Mittelmeer. Die meiste Zeit an Bord kotzt er sich die Seele aus dem Leib. Auch das wirkt befreiend, und so denkt er über sich selber nach. "Meine Vergangenheit liegt hinter mir, brennend wie eine Hämorride. Meine Eltern werden nicht sterben, bloß weil ich es mir wünsche."

Als sein Vater einmal weinte

Dieser Vergangenheit kommt man in "Briefen aus Kentucky" näher, dem stärksten Text der Sammlung. Daniels besucht seinen Heimatort, Louisville, Kentucky, für einen Reportage-Auftrag, der dann doch nichts wird. Stattdessen schreibt er den vorliegenden Text, erzählt von der Gewalt, dem Alkohol und den religiösen Predigten im Radio. Er berichtet von einer Zeit, in der er mit einer Prostituierten Pillen auf dem Klo einwarf (es war ihm nicht klar, dass sie eine war, bemerkt er), und von dem Freund, der über die vielen Drogen den Verstand verloren hat.

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J.D. Daniels:
Die Korrespondenz

Aus dem Englische: Frank Jakubzik

Suhrkamp Verlag; 121 Seiten; 14 Euro.

Im Zentrum der Geschichte steht sein Vater, ein hart arbeitender, fürsorglicher Mensch, der bei einer Pflegefamilie aufgewachsen ist und den Vietnamkrieg wohl nicht ganz ohne posttraumatische Belastungsstörung hinter sich gebracht hat. Daniels erinnert sich: "Ich traute meinem Vater zu, mir den Kopf zu scheren. Doch er packte mich bei der Kehle und drückte mich gegen die Wand, schleuderte mich dann durch die offene Tür in mein Zimmer und sprang auf mich drauf, und dann legte er beide Hände um meinen Hals und drückte und schüttelte mich und fluchte und brüllte auf mich ein, bevor er wieder zu Sinnen kam und zu weinen anfing."

Und hier darf man nun doch auf den Begriff der "toxischen Männlichkeit" zurückkommen, also Männlichkeit, die schadet. Es stimmt schon, alles, was den Begriff definiert, kommt auch in "Die Korrespondenz" vor. Die unterdrückten Schmerzen, die Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken, die Beziehung zum Vater, dieser untauglichen Gott-Figur. Die Angewohnheit, Dinge zu tun, mit denen man sich selbst im Weg steht, einfach nur, weil man gelernt hat, dass man sich eben so verhält.

Allen Irrwegen mit Hingabe nachgehen

Das alles kann man aus dem Buch herauslesen. Aber Daniels hat nicht den Anspruch, diese Verhaltensmuster zu diskutieren oder zu reflektieren. Sie sind der Grund, warum er überhaupt ein Autor ist. Er beschreibt sich selbst als Schriftsteller, der "es gewohnt war, jedem seiner Irrwege mit Hingabe nachzugehen. Wo immer sie ihn auch hinführen möchten".

Der Satz stammt aus dem letzten Text des Buches, der nach den zwei mittelmäßigen Kurzgeschichten noch einmal einen Höhepunkt darstellt. Eine Reportage aus einer Group-Relations-Konferenz, wo Fach- und Führungskräfte lernen sollen, mit Gruppendynamik umzugehen. Sie zeigt nicht nur Daniels' Ohr und Auge für Dialog und die Absurdität des Echten, sondern auch noch mal eine der großen Stärken des gesamten Buches: "Die Korrespondenz" ist vor allem ein witziges Buch, getrieben durch Rhythmus, Timing und die Sprache des Autors.

Es ist kein Buch über einen Mann, der rausfinden will, was es heißt, ein Mann zu sein. Es geht um einen Autor, der alles ausprobiert, um ein Autor zu sein - ob als Seemann, Hausmeister, Lehrer, Kämpfer oder Teilnehmer einer Gruppentherapie.

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