Terézia Moras Erzählband "Die Liebe unter Aliens" Zusammen einsam

Laufen, Verdrängen, Weitermachen: In "Die Liebe unter Aliens" erzählt Terézia Mora von rastlosen Menschen, die glauben, mit ihren Sorgen allein zu sein. Ein mitreißender Erzählband über Einsamkeit und Allzumenschliches.

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Rennen, das Ziel nicht aus dem Blick verlieren, immer weiter - so lautet die Devise vom "Marathonmann, der nichts Besonderes ist, nur eben ausdauernd". In Terézia Moras erster Geschichte ihres Erzählbands "Die Liebe unter Aliens" wirkt ein rasanter Bewusstseinsstrom, der uns direkt in die Gedanken eines alten Mannes führt.

Auf der Jagd eines Taschendiebs ziehen schöne Häuser, Blumenläden, pöbelnde Jugendliche an ihm vorbei, eine Autobahn der Beobachtungen, wo man schnell sein Ziel verliert. So wird die Verfolgung zum Kampf mit dem eigenen Selbst, zum Kampf um Durchhaltevermögen und Willensstärke.

Dass einem in diesem starken Einstiegstext immer wieder unklar ist, wer hier überhaupt spricht, und dass der Monolog unversehens durch Dialoge unterbrochen wird, um dann wieder in erlebte Rede überzugehen, hat seinen Grund. Denn wie schon in ihrem meisterlichen Roman "Der einzige Mann auf dem Kontinent" (2009), der ein amüsantes Epochengemälde des spätmodernen Globalkapitalismus zeichnet, bringt die häufig schwer auszumachende Erzählerposition nicht nur den Leser aus der Spur. Sie steht vielmehr auch für die Identitätskrise der Figuren selbst.

Die Protagonisten fühlen sich einsam

Allesamt nagen sie an Verlusten und Trennungen. Wir treffen auf einen Vater, der die wenige Zeit mit seinem Sohn verbringt, die ihm das Besuchsrecht einräumt, zudem auf eine gestresste Fotografin, welche ihr Kind nur an den Wochenenden sieht. Und nicht zuletzt eine Wissenschaftlerin, die seit ihrer gescheiterten Beziehung mithilfe von Stipendien von einer Stadt in die nächste reist.

Jenseits ihrer Verlorenheit und Entwurzelung - Themen, die seit Moras Debüt "Seltsame Materie" (1999) ihr ŒOeuvre bestimmen - eint die Protagonisten untergründig noch Weiteres: Immer wieder laufen die Einzelgänger, fahren Rad und haben Angst vor Verkehrspolizisten. Auch Motive wie das Blumenklauen oder Mirabellen kommen mosaiksteinartig in den unterschiedlichen Erzählungen vor und weben ein Netz um die Protagonisten.

Zwar glauben sie oftmals, mit ihren Problemen und Nöten ganz allein auf der Welt zu sein, aber die raffinierte Erzählarchitektur schafft subtile Verbindungen. Nur manches gestehen sich Moras Nomaden ein, anderes wird verdrängt oder nicht ausgesprochen - so etwa die geheime Anziehung eines Rezeptionisten zu seiner Halbschwester, der nach einem nächtlichen Unfall die Flucht ergreift.

Autorin Mora
Peter von Felbert/ Luchterhand

Autorin Mora

Dass alles in diesen Erzählungen im Flow gehalten wird, verdankt sich den manchenteils umgangssprachlich eingefärbten, kurzen, rasanten Sätze, dem leichten Ton, der Alltag zur Literatur erhebt. Es ist eine Sprache, die nah an den Figuren ist und uns in deren Konflikte und Zerrissenheiten führt. "Mir liegt nicht mehr so viel daran, Künstlerin zu sein, aber außer malen und putzen kann ich nichts," so das Bekenntnis einer Tellerbemalerin. Während ihr Freund zu Hause herumlungert, bringt sie das Geld herein. Der Ausbruch mit einem geschenkten Fahrrad gelingt nur für wenige Stunden. Am Ende bleibt sie bei ihm. Ob auf ewig, ist ungewiss. Unentwegt spürt man den Hauch der Melancholie und zugleich eine Hoffnung. Denn niemand resigniert wirklich. Krisen sind da, um, so das Credo dieser Prosaminiaturen, bewältigt zu werden. Wie genau, lassen die Geschichten schließlich offen.

Alles andere würde dem Leben ohnehin nicht Rechnung tragen. Denn davon möchte die 1971 in Ungarn geborene Trägerin des Deutschen Buchpreises erzählen, als Psychologin und Ästhetin des Allzumenschlichen, als geheime Strickerin, die Geschichten der Einsamkeit zu einem Ganzen verwebt. Ohne ins Pauschale zu münden, entsteht so das Bild einer Gesellschaft der Individuen. Wäre es nicht wünschenswert, all die Verzweifelten mit ihren ähnlichen Schwierigkeiten zusammenzubringen? So naiv das klingen mag, so denkbar wird in es in diesen mitreißenden Erzählungen. Ein durchweg kluges Buch.

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