"Die Markus-Version" von Péter Esterházy Eine literarische Delikatesse

Ein vermeintlich taubstummer Sohn, die Brüste der Nachbarin und jede Menge Bibelzitate: Heiter erzählt Péter Esterházy in seinem neuen Buch eine Familiengeschichte - und hält eine raffinierte Überraschung bereit.

Von Stephan Lohr

Schriftsteller Péter Esterházy
Sinissey/ Hanser Berlin

Schriftsteller Péter Esterházy


Zuletzt erschrak Esterházy, 65, vor einem halben Jahr seine Freunde und Leser mit der Mitteilung, er "könnte auch über den Bauchspeicheldrüsenkrebs beschwingt und inspiriert sprechen". Trotz der schweren Erkrankung hat er zugesagt, die Übersetzung seines jüngsten Buches am 7. April in Berlin vorzustellen.

Bekannt ist der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels (2004) für die grandios ausschweifende Prosa seines Romans "Harmonia Caelestis", der 2001 auf Deutsch erschien, oder die des im vergangenen Jahr herausgekommenen Buches "Die Mantel- und Degenversion".

"Diese einfache Geschichte Komma hundert Seiten" - so der Untertitel von "Die Markus-Version" - hat es auf vertrackt-heitere Weise in sich. So sehr, dass man auf den ersten 100 Seiten nicht aus dem Staunen herauskommt, um dann lächelnd lesend Zeuge einer fein-humorigen Dechiffrierung des Haupttextes zu werden. Die ersten Seiten sind durchnummeriert, die Texte bestehen mal nur aus zwei Zeilen, maximal aber sind sie seitenfüllend.

Die Geschichten des vermeintlich taubstummen Erzählers beginnen mit seiner Geburt, "als ich blutglitschig zwischen ihren dünnen, bebenden Schenkeln hindurch hierher auf die Welt kam", berichten von der Situation der aus Budapest als "Volksfeinde" aufs Land verbrachten Familie.

Sie bewohnen bei einem "Kulak", einem Großbauern, ein einziges großes quadratisches Zimmer. In schlaglichtartigen Szenen tauchen die Großmütter auf, betreut die "phänomenal dumme" junge Nachbarin den "Hosenmatz", so nennt der ältere den schweigenden jüngeren Bruder. Der sieht der Nachbarin Brüste, aber "das war schon später, sie waren rosa".

Ortsbesichtigungen des Hofes und des Dorfes, Milieuschilderungen des schon morgens Schnaps trinkenden Vaters oder der vom Schlag getroffenen, schließlich sterbenden Großmutter, des von der Polizei abgeholten Großbauern.

Ein Füllhorn von Hoffnungen, Zweifeln und Wünschen

Immer wieder durchsetzt von Zitaten aus dem Markusevangelium. So, als schlüpfe der für behindert gehaltene Junge in die Rolle des Evangelisten. Naive Glaubensbetrachtungen des Jungen wechseln mit der Mitteilung über das mitleidlose, ja lustvolle Zertreten frisch geschlüpfter Küken. Esterházy schüttelt ein Füllhorn von Szenen, Momenten, Erlebnissen, Erfahrungen, Begebenheiten, Hoffnungen, Zweifeln und Wünschen aus, sodass man immer wieder innehält.

Gibt es Spinnen im Himmel? Was wäre ein fetter Jesus?

Etwas erschöpft von solcherlei Phantasmagorien gerät man auf Seite 103 zu den Anmerkungen. Was gemeinhin kleingedruckte Erklärungen sind, erweist sich hier als das geöffnete Literaturlaboratorium des Autors und seiner Übersetzerin, die - nicht ohne feine Ironie - Anspielungen, Zitate, Ideen, Quellen des 100-teiligen Haupttextes offenlegen.

Zum Beispiel wird erläutert, dass der "Hosenmatz" bei der Auswahl des später zertretenen Kükens nach der Fibonacci-Folge, also jener Reihe, die jeweils die Summe zweier aufeinanderfolgender Zahlen (0,1,1,2,3,5) beschreibt, vorgegangen ist. Oder: Ist im 71. Kapitel vom Monokel der Großmutter die Rede, steuert die kongeniale Übersetzerin Heike Flemming in den Anmerkungen bei, dass "das wahrscheinlich nur bei Medizinern bekannte Monokelhämatom assoziiert" werden könne.

Dankbar nimmt man solcherlei heitere Kommentare wie die Verweise auf Camus, Nietzsche, Imre Kertész, auf Selbstzitate Esterházys und einiger ungarischer Autorenkollegen oder der französischen Mystikerin Simone Weil zur Kenntnis und begreift, dass uns der Autor zu einem augenzwinkernden Spiel des Textverständnisses und also zur erneuten, nun entspannteren Lektüre seiner "Markus-Version" einlädt. Raffiniert. Eine Delikatesse für literarische Connaisseure.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
erolboran 15.03.2016
1. Erschreckte vs. erschrak
Gerade in einem Artikel über Literaten sollte man seine in/transitiven Verben überprüfen.
jot-we 15.03.2016
2. Hmmm
... also, wenn eine Rezension mit "er erschrak seine Freunde" beginnt, muss man doch nicht unbedingt weiterlesen, nöch?
2idane 15.03.2016
3. Schröcklich
Da hat der Autor mich aber sowas von erschrocken! Kannte man bislang nur aus der Abteilung Auto+Motor...
GerhardFeder 15.03.2016
4. Ruhig nochmal ...
Lernen durch Wiederholung: "Er erschrak" meint er selbst bekam einen Schreck "Er erschreckte" meint die Anderen bekamen einen Schreck Eigentlich doch ganz einfach - oder?
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