RAF-Erinnerungen von Bettina Röhl Meine Mutter, Ulrike Meinhof

Lesen in der Mao-Kinderfibel, Puppen-Verbot, Terroristen zu Besuch: In "Die RAF hat euch lieb" schreibt die Journalistin Bettina Röhl über ihre Kindheit und die prominenteste Terroristin - ihre Mutter.

AP

Von Barbara Schulz


Mai 1970. Bettina Röhl und ihre Zwillingsschwester Regine denken, sie seien auf einem Ausflug. Doch die Siebenjährigen werden nach Sizilien in ein Barackenlager verschleppt, später sollen sie in ein palästinensisches Waisenlager in Jordanien. Der Grund: Der Vater Klaus Rainer Röhl hat gerade das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kinder erhalten - und die Mutter, die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof - will nicht, dass die Töchter "zu bürgerlich" aufwachsen.

Nur einer der traurigen Höhepunkte beim Streit zwischen Meinhof und Klaus Röhl um die Kinder, die man en detail im Buch "Die RAF hat euch lieb" von Bettina Röhl lesen kann (lesen Sie hier ein Interview mit der Autorin). Darin erzählt die Publizstin ihre Familiengeschichte der Jahre 1968 bis 1974, die bei ihr natürlich eng verwoben ist mit dem politischen Zeitgeschehen. Das Buch schließt so nahtlos an Röhls "So macht Kommunismus Spaß" aus 2006 an, in dem sie sich ihrer Familie, der Gründung der Studentenzeitung "konkret" und der deutschen Linken bis Anfang 1968 widmete.

Fotostrecke

4  Bilder
Die '68er und die RAF: "Sie waren Stars"

Wie hält Röhl es nun im neuen Buch mit der Mutter? Leicht ist das nicht zu beantworten. Röhl, heute selbst Mitte 50, wechselt in "Die RAF hat euch lieb" zwischen Distanz, Spurensuche und dem Protokoll einer Kindheit zwischen Abenteuer und Vernachlässigung. Als wäre etwas in ihr selbst noch nicht beendet - und vielleicht wird es das auch nie sein:

Sie führte für ihr 600-Seiten-Werk Interviews mit Zeitzeugen, wälzte Tonnen von Akten, im Buch druckt sie auch mal über lange Strecken nur knapp kommentiert Briefe ab, die die inhaftierte Meinhof ihren Anwälten schrieb, die Tonalität kalt, grausam und stetig irrer. Beim Gespräch in einem Café in Timmendorfer Strand spricht sie - dunkles Haar, offenes Lachen - über ihre Mutter aus der Perspektive einer sachlichen Aufarbeiterin.

"Man muss sich vergegenwärtigen, welchen Status die RAF-Köpfe damals hatten: Sie waren Stars - und unter den Stars war Meinhof immer noch der größte Stern, der schwierigste, der persönliche." Die direkt-persönliche Auseinandersetzung ahnt man als Außenstehende vor allem in den Kindheitserinnerungen im Buch:

Obwohl Bettina Röhl schreibt, dass sie und ihre Schwester nach 1970 "eine privilegierte Kindheit" gehabt hätten (sie wuchsen in Hamburg-Blankenese bei Klaus Röhl auf, nachdem Stefan Aust und Peter Homann, Ex-Freund von Ulrike Meinhof und frühes RAF-Mitglied, sie aus Sizilien geholt hatten), treiben sie die Jahre davor um. Die Jahre, die sie und ihre Schwester in Kinderläden und mit wechselnden Aufsichtspersonen verbrachten, während Meinhof vor allem unterwegs war.

Fotostrecke

23  Bilder
Meinhof-Selbstmord: "Gib auf, Ulrike!"

Sie erinnert die linken Umerziehungsideen der Mutter, die etwa vorschrieben, dass die Mädchen nicht als Mädchen herumlaufen durften, weil "das alles reaktionär sei und Mädchen gewissermaßen seelisch verkrüppele". Mit Puppen spielen fiel flach: Die Kinder sollten Polizei und APO spielen und eine Kinderfibel über Mao Zedong lesen.

"Unregelmäßiges Essen, totale Übermüdung, ständige Rotznase, immer ungemütlich und kalt, und meine Mutter war zu einer wahren Diskutiermaschine geworden, ohne die realen Bedürfnisse der Menschen um sie herum auch nur wahrzunehmen", schreibt Röhl. Zudem begann Meinhof, frisch geschieden, Klaus Röhl zu brandmarken und zu erzählen, dass Bettina die Scheidung nicht verkraftet habe. "Heute denke ich, da gab es schwere Fehlschaltungen in ihrem Kopf", schreibt Röhl.

Als Meinhof im Oktober 1969 das Besuchsrecht von Röhl ganz kappen will und ihrem Anwalt mitteilt, dass Röhl sie und die Kinder geschlagen und den Töchtern sein erigiertes Glied gezeigt hätte, tobt sie im Buch: "Unsere Mutter geht in ihrem Rufmord ganz schön weit. Klaus Röhl war niemand, der Frauen oder Kinder schlug. Er hat auch meiner Schwester und mir nie sein erigiertes Glied vorgestellt, geschweige denn uns zu einer Berührung aufgefordert."

Vollends ineinander greifen Familienabgründe und nervöses Polit-Klima, als Andreas Baader ("Er benahm sich, wie man sich vielleicht den Zuhälterkönig einer kleineren deutschen Großstadt vorstellt") und Gudrun Ensslin einziehen; was Röhl hier aufrollt, entfaltet eine Gruselfaszination, wie sie der frühere Freitagabend-TV-Straßenfeger "Aktenzeichen XY... ungelöst" auslöste:

"Im Februar 1970 zogen Andreas Baader und Gudrun Ensslin bei uns ein. Unsere Mutter instruierte uns, dass wir die beiden 'Hans' und 'Grete' nennen sollten, damit wir uns nicht verplappern." Als Bettina Röhl Freunden im Kinderladen doch von den Gästen erzählt und sie mit nach Hause bringt, ist daheim die Hölle los: "Baader und Ensslin führten einen Affentanz auf, Baader flüchtete ins Badezimmer."

ANZEIGE
Bettina Röhl:
"Die RAF hat Euch lieb"

Heyne Verlag, 640 Seiten, 24 Euro

Die erwachsene Bettina hat derweil die Sonnenbrille aufgesetzt - wir sind auf die Sonnenterrasse gewechselt - und sieht für einen Augenblick ihrer Mutter sehr ähnlich. Sie sagt: "Es gibt schon Spielfilmanfragen. Ich würde mich freuen, wenn es eines Tages eine gute Verfilmung meiner Bücher geben würde. Es muss allerdings die richtige Geschichte erzählt werden. Natürlich kein billiges Herz-Schmerz-Mutter-Kitsch-Drama."

Sie fügt hinzu: "Die Leute müssen sich einfach davon verabschieden." So wie sie sich von falschen Hoffnungen verabschieden musste. "Ich hätte mich gefreut, wenn ich in den Akten eine andere Meinhof gefunden hätte, eine freundlichere und einsichtigere. Doch Meinhof ist am Ende diejenige, die konsequent einen anderen Weg gegangen ist. Das ist hart, aber ich kann es auch nicht ändern."

Im Buch heißt es: "Mein Kontakt mit Ulrike Meinhof endet Anfang 1974. Erneut hat sich unsere Mutter von uns getrennt. Unser Leben geht weiter, es beginnt erst." Auch das Buch endet 1974. Es wird jedoch noch einen dritten Teil geben.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.