Neues von Nobelpreisträger Orhan Pamuk Ödipus in Istanbul

Ganz schnörkellos erzählt der türkische Autor Orhan Pamuk in seinem neuen, märchenhaften Roman: "Die rothaarige Frau" handelt von einem Vater-Sohn-Zwist und den Legenden, die sich darum ranken.

Fischer in Istanbul
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Fischer in Istanbul

Von Franziska Wolffheim


Söhne morden ihre Väter, Väter töten ihre Söhne. Manche ermorden ihre Angehörigen unbeabsichtigt, weil sie nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben. In diese Untiefen der menschlichen Psyche und des Schicksals führt uns Orhan Pamuk in seinem neuen Roman.

Dabei greift der türkische Autor verschiedene Legenden auf: Da ist die Sage von Ödipus, der seinen Vater, den König von Theben, erschlägt und seine Mutter heiratet; da ist das persische Nationalepos Schahname, das in einer Sage erzählt, wie Rostam seinen Sohn Sohrab ersticht. Dass diese mythischen Geschichten wahr werden können, in die Realität quasi hinüberspringen, spielt Pamuk fantasievoll durch. Der neue Roman des Literaturnobelpreisträgers ist ein Geflecht aus Legenden und realen Begebenheiten, die ganze Seiten in der Rubrik "Vermischtes" füllen könnten. So wirkt der Plot oft fast märchenhaft, unwahrscheinlich, aber das ist durchaus gewollt.

Ein Mann sitzt tief unten in einem Brunnen. Er hat den Brunnen mit seinen eigenen Händen gebaut. Cem, sein junger Lehrling, steht oben, aber plötzlich rutscht ihm der schwere, mit Erde gefüllte Eimer ab und saust nach unten. Der Meister in der Tiefe stößt einen Schmerzensschrei aus, dann ist es still. Der Lehrling rennt los, um im Ort Hilfe zu holen. Aber er ist so schockiert, dass er nicht zu seinem Meister zurückkehrt, sondern kurzerhand den öden Vorort Öngören verlässt. Er steigt in einen Zug, der ihn ins nahe Istanbul bringt. Das Schuldgefühl, das er mit sich im Gepäck trägt, wird ihn Jahrzehnte begleiten.

Ein stellvertretender Vatermord

Natürlich ist der Meister Mahmut, dem Cem seine Hilfe versagt, eine Vaterfigur. Cems eigener Vater, ein Apotheker, war für den Sohn keine stabile Größe. Ein Linker, der nach dem Militärputsch 1980 eine Zeitlang im Gefängnis saß, der aber auch eine Geliebte hatte und sich deshalb zu Hause rar machte. Ein abwesender Vater.

Meister Mahmut dagegen zeigt ehrliches Interesse an seinem Lehrling aus gutem Hause, fordert jedoch von ihm Unterwerfung und grenzenloses Vertrauen. Der Zwang zum Gehorsam nagt beständig an Cems Stolz. Bis zu jenem fatalen Tag, an dem er den Meister im Brunnen dem wahrscheinlichen Tod überlässt. Ein Akt der Befreiung und letztlich ein stellvertretender Vatermord.

Autor Pamuk
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Autor Pamuk

Zum Ausgleich für die dramatische Vater-Sohn-Rivalität hat Pamuk die rothaarige Frau eingeführt. Sie ist schön, gehört einer Theatertruppe an, die in dem Vorort von Istanbul gastiert, wo Cem als junger Lehrling den Brunnen baut. Cem verliebt sich in die deutlich ältere Frau, die seine Mutter sein könnte, wird quasi zu Ödipus, und ein einziges Mal schlafen die beiden miteinander.

Jahrzehnte später trifft er die Rothaarige wieder und erfährt, dass aus der damaligen Affäre ein Sohn hervorgegangen ist. So wird er, mittlerweile erfolgreicher Bauunternehmer, verheiratet und kinderlos, doch noch zum Vater. Und zugleich Teil einer komplexen Vater-Sohn-Dynamik, dieses Mal in der Rolle des Älteren. Eine Dynamik, die, man ahnt es schon, ein böses Ende nimmt.

Bauboom mit Bohrmaschinen

Reizvoll an Pamuks Roman ist, dass er nicht nur mit dem klassischen Ödipus-Motiv spielt, sondern auch durch den Rückgriff auf das persische Epos die Kräfteverhältnisse umdreht: Ein Vater ermordet seinen Sohn. So ergänzen sich die beiden furchterregenden Legenden, griechische Antike und persische Sagenwelt, Okzident und Orient. Allerdings breitet Pamuk den Vater-Sohn-Zwist als Motiv so genüsslich aus, spickt seinen Text mit so vielen Anspielungen und Zitaten, dass man die Zettelkästen des Autors förmlich vor sich sieht. So hat man als Leserin das Gefühl, der Autor verliert sich ein bisschen in dem Motiv, das fast obsessiv den Roman durchzieht.

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Orhan Pamuk:
Die rothaarige Frau

Übersetzung: Gerhard Meier

Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 272 Seiten; 22 Euro

Die Geschichte ist traditionell erzählt, nicht kaleidoskopisch vielstimmig wie in anderen Romanen des Autors. Pamuk schlägt keine stilistischen Pirouetten, macht keine postmodernen Spielchen. Der Stil ist schnörkellos, wirkt manchmal fast etwas hölzern, was an der Übersetzung liegen mag. Pamuk setzt ganz auf seinen zweifellos spannenden Plot mit all seinen abenteuerlichen Verwicklungen und auf die Macht der Legenden. Die Tagespolitik streift der dezidierte Regimekritiker, der 2005 wegen "öffentlicher Herabsetzung des Türkentums" angeklagt war, dabei nur am Rande.

"Die rothaarige Frau" zeigt aber auch das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne. Meister Mahmut, der Brunnenbauer, gräbt sich mit Seilwinde und Eimer in das Erdreich vor, später übernehmen Bohrmaschinen diese Arbeit. Während am Anfang Öngören ein abgelegener Vorort von Istanbul ist, wird er später von dem Großstadt-Moloch einverleibt, schuld daran ist der gigantische Bauboom. So ist auch dieser Roman, wie schon viele andere Bücher Pamuks, ein Porträt seiner Geburtsstadt geworden. Einer Stadt, in der die Presslufthammer den Takt vorgeben, aber die Sagen und Legenden weiterleben.



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