Gefühle Liebe braucht keinen Überbau

Es geht um Grundsatzfragen über die Liebe im Roman des Schweizers Peter Stamm - etwa auf dem langen Spaziergang eines älteren Mannes und einer jungen Frau. Konstellation verstaubt, Erkenntnisse reichhaltig.

Spaziergänger
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Ein in die Jahre gekommener Schriftsteller trifft auf eine junge Frau, die ein Gefühlschaos in ihm weckt. Kennen wir das? Natürlich, man muss nur an Max Frischs "Montauk" denken und überhaupt an all die zahllosen Musen und Gefährtinnen großer Autoren.

Wenn nun also Peter Stamm diese bewährte oder - despektierlich gesprochen - verstaubte Konstellation aufgreift, sollte man auf Neues hoffen dürfen. Statt das Bekannte jedoch spannend zu transformieren, arrangiert er schlichtweg andere Motive und verschiedene Anspielungen um das gängige Narrativ herum. Alt bleibt aber alt.

Vor allem das in der Romantik und zu Beginn des 20. Jahrhunderts so prominente Doppelgängermotiv hat es Stamm in seinem neuen Buch "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt" angetan. Nachdem ein Romancier zum ersten Mal einem ihm gänzlich gleichenden Mann begegnet, wird ihm klar: Sein eigenes Leben wiederholt sich.

Schriftsteller Peter Stamm
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Schriftsteller Peter Stamm

Es ist die Geschichte einer intensiven, aber, wie so oft in der Prosa Stamms, letztlich unmöglichen Liebe, zwischen dem schreibenden Ich-Erzähler und einer haltlosen Schauspielerin. Man wanderte, sprach über Theaterstücke, zelebrierte die Seelenverwandtschaft, bis die Entfremdung eintrat und sich die Wege trennten - frei nach Tucholsky: "Einmal müssen zwei auseinandergehn; / einmal will einer den andern nicht mehr verstehn -"

Dass sich diese vergangene Beziehung nun erneut zwischen einem jungen Paar, Lena und Christian, abspielt, bildet den Kern der etwas überkonstruierten Story. Statt dem Schicksal hält diesmal allerdings der Erzähler und Schriftsteller selbst die Fäden in der Hand. Aus einer Zufallsbegegnung resultiert ein langer Spaziergang zwischen Stamms Alter Ego und Lena, in der er seine frühere Geliebte zu erkennen glaubt. Während beide durch die Landschaft ziehen und Erinnerung und Gegenwart gleitend ineinander übergehen, kommen sie der Zukunft immer näher. Allerdings weiß nur der Autor, wie sie enden wird.

Besitz als Liebesutopie

Kein Zweifel, Stamm stellt wichtige Grundsatzfragen über die Liebe: Welcher Anteil an ihr ist dem Zufall geschuldet? Welcher der Lenkung? Wie frei und gleich sind die Partner wirklich? Und selbst wenn dieser Roman dabei klarsichtig von l'amour erzählt, so zeugt er doch von einer dunklen Kraft, welche die Liebenden gern leugnen. Denn häufig wird die traute Zweisamkeit auch von mal subtil, mal offensiv verhandelten Konflikten um Macht überlagert.

In "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt" taucht daher immer wieder die Diskussion um Besitz auf. "Das sei die reinste Liebe, wenn man jemanden besitze. Weil die Liebe dann kein Gegengeschäft sei, weil man dann nicht liebe, um geliebt zu werden", lesen wir an einer Stelle. Den Anspruch auf jemanden zu reklamieren, mutet zunächst einmal befremdlich und vielleicht abstoßend an.

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Peter Stamm:
Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

S. Fischer. 160 Seiten, 20 Euro

Dahinter verbergen sich hingegen zwei Utopien: der Wunsch nach der völligen Beständigkeit sowie der absoluten Zweckfreiheit der Liebe. Schließt letztere kein Tauschverhältnis ein, kann der Verzicht auf sie und den anderen gar zur Tugend werden - auch diese Erkenntnis gehört zu den hellen Momenten dieses Buches, zumal der Ich-Erzähler Lena (und damit seine Vergangenheit) ziehen lässt, ohne ihr das Ende zu verraten.

An der reichhaltigen Philosophie dieses Werks kann man sich erfreuen, an seiner artifiziellen Verpackung hingegen nicht unbedingt. Gedanklich stellt es viele Überlegungen zur Liebe an, ohne sie ausreichend zu diskutieren. Ebenso wenig überzeugt die mühevoll zusammengezurrte und vorhersehbare Handlung.

Die Virtuosität dieses Romans, der dramaturgisch eng an Stamms Erfolgsstück "Agnes" anknüpft, besteht dafür umso stärker in seiner milden Lakonie. Stamm schält die Sprache förmlich, bis nur noch die Wirklichkeit, bar jedweden Dekors, bleibt. Vielleicht wohnt der Reduktion eine tiefere Wahrheit über die Liebe inne, als sie der Text selbst expliziert. In einem Gedicht von Erich Fried heißt es doch so treffend: "Es ist was es ist, sagt die Liebe" - sie braucht keinen geistigen Überbau. Sie wirkt als reinste Essenz.

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