Gesammelte US-Sport-Reportagen Tiefenscharf bis zum Touchdown

Wo sich Sport und Literatur gekonnt verbinden: Der Band "Die stille Saison eines Helden" versammelt die "besten amerikanischen Sportgeschichten" - verfasst von Größen wie George Plimpton, Woody Allen oder Gay Talese.

Football-Duell Harvard gegen Yale
AP

Football-Duell Harvard gegen Yale


Während seiner Live-Reportage des zweiten Spiels der Baseball-World-Series im Oktober 1977 schweifte der berühmte amerikanische Sportreporter Howard Cosell plötzlich kurz vom Spielgeschehen ab, weil er dank der am über dem Yankee-Stadium kreisenden Hubschrauber installierten Kamera sehen konnte, dass unweit des Stadions eine Grundschule in Brand stand - und sagte: "Da haben wir es, meine Damen und Herren, die Bronx brennt!"

Als man Cosell, der es sich ausdrücklich zur Maxime gemacht hatte, "sportliche Ereignisse nie isoliert sondern stets in ihrem gesellschaftlichen Rahmen zu betrachten", hinterher fragte, weshalb er den Schulbrand in seine Reportage eingeflochten hatte, entgegnete er lapidar: "Weil ich es einfach immer so sage, wie es ist!"

Auch die soeben unter dem Titel "Die stille Saison eines Helden" erschienenen "besten amerikanischen Sportgeschichten" vermitteln den Anschein, als seien sämtliche der in dem Band versammelten Autoren in ihrer Schreibe Cosells Credo gefolgt. Es sind Texte, die sich lesen, als hätten deren Verfasser ihre Erzählgegenstände mit Handkameras - und nicht etwa mit Worten eingefangen.

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Dominik Fehrmann (Hg.):
Die stille Saison eines Helden

Übersetzt durch Dominik Fehrmann

Steidl Verlag, 200 Seiten, 18 Euro

Wo bleibt eine Plimpton-Sammlung auf Deutsch?

Erschienen sind die zehn von dem Journalisten Dominik Fehrmann ausgewählten und übersetzten Texte einst in amerikanischen Vorzeigeblättern wie "Esquire", "Sports Illustrated", "True" oder "The New York Sun". Geschrieben wurden sie von Leuten wie dem 1982 verstorbenen Walter Wellesley "Red" Smith etwa, der sechs Jahre zuvor für seine auf das Knappste reduzierten Sportreportagen den Pulitzerpreis erhalten hatte - und im Vorliegenden die Geschichte von der schönen, späten Geste des ehemaligen Präsidenten der Pittsburgh Pirates gegenüber seinem einstigen, sozial abgestiegenen Baseball-Idol erzählt.

George Plimpton (Archivbild)
Getty Images

George Plimpton (Archivbild)

Zu den Autoren zählt auch George Plimpton, Begründer und späterer Chefredakteur der ruhmreichen "Paris Review", der sich zu Recherchezwecken schon mal Boxhandschuhe überzog und zu Sugar Ray Robinson in den Ring stieg, wenn sein Job es verlangte.

In seinem Stück "Medora geht zum Spiel der Spiele" entrollt Plimpton die hinreißende Geschichte seines Besuchs des Footballspieles Harvard gegen Yale. Doch er sitzt nicht alleine auf der Tribüne, sondern wird begleitet von seiner Tochter Medora, die seine plumpen Versuche, sie für sein Herzens-Team, das aus Harvard nämlich, zu begeistern, immer neu mit kindlicher Raffinesse enttarnt oder ketzerisch unterläuft.

"Es sollte eine Art vorzeitiges Weihnachtsgeschenk sein, doch im Grunde war es eine eigennützige Idee" beginnt Plimptons Stück, "ein Vorwand, um meine Alma Mater gegen Yale spielen zu sehen, und wie erwartet hielt sich Medoras Begeisterung in Grenzen." Es folgt eine faszinierende Vater-Tochter-Geschichte mit schöner Schlusspointe, die ganz nebenbei die Frage aufwirft, weshalb die exquisiten Sport-Reportagen dieses Könners nicht längst gesammelt in deutscher Sprache vorliegen?

Tiefenscharfes Close-up

Ein weiteres Highlight des Bandes, zu dessen Autoren auch der New-Journalism-Mitbegründer Gay Talese, Woody Allen oder Gary Smith zählen, liefert Dick Schaaps Reportage "Einsamer Wolf des Tennis". Schaap, der in den Siebzigerjahren als Chefredakteur des Magazins Sport eine ganze Reihe fulminanter Reportagen schrieb, liefert in "Einsamer Wolf des Tennis" ein tiefenscharfes Close-up des zu seiner Zeit besten Tennisspielers der Welt, Richard Alonso "Pancho" Gonzales.

Dick Schaap (Archivbild)
AP

Dick Schaap (Archivbild)

Seine Reportage liefert nämlich nicht etwa die vordergründige Fama eines Ende der Vierzigerjahre von Sieg zu Sieg eilenden Champs, sondern die Nahaufnahme eines von Selbstzweifeln, Argwohn und einem unheilvollen Skeptizismus zerfressenen Sozialaufsteigers, den Schaap eingangs seines Stückes so beschreibt: "Richard 'Pancho' Gonzales hat ein beträchtliches Vermögen und ein hohes Ansehen - und doch hegt er einen Groll. Der Groll hat ihn zum grimmigsten aller Tennisspieler gemacht, zu einem unerbittlichen Champion, zu einer düsteren, unheimlichen Gestalt, die sich schemenhaft abhebt gegen eine Rokoko-Kulisse aus Ruhm, Reichtum und Talent."

Wie ein Operateur, der mit feinen Instrumenten am offenen Herzen seines Patienten herumhantiert, legt Schaap die Seele eines scheinbar zum Siegen verdammten Mannes frei, der sich gegen alle erlittenen Widerstände an die Spitze des damaligen Welttennis kämpfte - und sich darüber irgendwann selber verlor.

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