Glasgow-Krimi "Die tote Stunde" Schlechte Nachrichten aus der Nachtschicht

Was die Journalistin Paddy in einer Glasgower Nacht entdeckt, müsste die Polizei interessieren. Weil dem nicht so ist, hofft Paddy auf einen Scoop. Ein Roman, der von seiner dickköpfigen Heldin lebt.

Autorin Denise Mina
Miriam Berkley

Autorin Denise Mina


Denise Mina gehört schon länger zu den interessantesten und erfolgreichsten schottischen Krimiautorinnen. Nur hierzulande hat das noch kaum jemand mitbekommen. Deshalb dauerte es zehn Jahre, bis "Die tote Stunde", Mittelteil einer Trilogie um die junge Journalistin Paddy Meehan, ins Deutsche übertragen wurde. Eine zwar reichlich holprige Übersetzung, aber immerhin.

Weitere 22 Jahre zuvor, im Orwell-Jahr 1984, siedelt Mina ihre Geschichte an. "Die tote Stunde" kommt daher wie die nettere kleine Schwester von David Peace' literarischem Höllenritt "GB84". Während Peace anhand des Bergarbeiterstreiks kaleidoskopisch zeigt, wie Margaret Thatcher Großbritannien verschacherte, bildet die große Politik bei Mina nur das Hintergrundrauschen.

Sie zeigt die Welt von Menschen, die den Preis zahlen für die entfesselte Gier. Menschen, die um ihre Arbeit, ihre Hoffnungen und ihre Zukunft geprellt wurden: "Die Siedlung strahlte die Verzweiflung ihrer Bewohner aus. Die Lattenzäune hingen wie betrunken an rostigen Pfosten und die Büsche im Kreisverkehr waren voller Müll." So beschreibt Mina das Zuhause von Paddy Meehan, der Nachwuchs-Reporterin, die von ihrem mickrigen Gehalt ihre Eltern und Geschwister mit durchbringen muss und die als einzige weibliche Journalistin unter der Überheblichkeit und dem Sexismus ihrer männlichen Kollegen leidet.

Scoop aus Schuldgefühl

Paddy ist keine Wiedergängerin der tapferen und toughen Journalisten wie man sie aus Filmen wie "Die Unbestechlichen" oder zuletzt "Spotlight" kennt. Sie ist jung und übergewichtig und unsicher und muss in der Nachtschicht arbeiten, während der sowieso nie etwas Weltbewegendes passiert.

Bis zu einem bitterkalten Glasgower Februarabend, an dem der abgehörte Polizeifunk sie zu einem Fall von häuslicher Gewalt führt. Doch statt der blutenden Frau zu helfen, lässt Paddy sich von dem Schläger mit 50 Pfund abspeisen: "Ich kann gar nicht betonen, wie wichtig es ist, dass das hier nicht in der Zeitung steht", sagt der Mann, kurz bevor er Paddy die Tür vor der Nase zuknallt.

Sofort melden sich erste Schuldgefühle bei Paddy, und als sie am nächsten Tag erfährt, dass die Frau totgeschlagen wurde, meldet sie sich samt Bestechungsgeld bei der Polizei. Dort zeigt man kein gesteigertes Interesse an ihrer Aussage, also beschließt sie, dem Fall selbst auf den Grund zu gehen. Zumal ein Scoop ihr helfen könnte, ihren Job zu behalten: "In Zeiten der Krise wurden sowieso zuerst die Frauen entlassen, weil es hieß, auf ihren Lohn sei eine Familie nicht angewiesen."

Glasgow, die alte Industriestadt
Getty Images

Glasgow, die alte Industriestadt

Doch Paddy hat genug damit zu tun, dass ihr Leben nicht auseinanderfällt, um sich wirklich darum zu kümmern, einen Mörder zu finden: Ihre Familie nervt, sie treibt in ein Verhältnis mit einem verheirateten Polizisten, und dann bekommt ihre Zeitung auch noch einen neuen Boss, der harte Sparmaßnahmen ankündigt - die Zeitungskrise begann schon lange vor dem Internet.

Trotz dieser chaotischen Verhältnisse findet Paddy nach und nach heraus, warum die Frau sterben musste und deckt ein Geflecht aus organisierter Kriminalität und Polizeikorruption auf, was sie selbst in Lebensgefahr bringt. Der Fall bleibt bis zuletzt relativ vage, und als Krimi bietet "Die tote Stunde" kaum mehr als die hinlänglich bekannten Stilmittel des Genres.

Ungleich faszinierender ist es zu beobachten, mit welch konsequenter Unaufgeregtheit Mina die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die ihren eigenen Weg sucht in einer patriarchischen Gesellschaft, die ihr eigentlich keine Chance gibt - Feminismus, der aber nie thesenhaft daherkommt. Mit einer höchst ambivalenten Protagonistin, die nicht trotz, sondern wegen ihrer Schwächen und Fehltritte, ihrer Entschlossenheit und ihrer Dickköpfigkeit eine der sympathischsten Heldinnen der jüngeren Krimigeschichte ist.

Gern würde man Paddy Meehan auf ihrem weiteren Weg begleiten - gut, dass der Abschluss der Trilogie, bereits vor drei Jahren als "Der letzte Wille" auf Deutsch veröffentlicht, noch lieferbar ist.

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es, der dritte Teil der Paddy-Meehan-Trilogie sei noch nicht übersetzt. Das ist nicht richtig. Wir haben den Fehler korrigiert und danken den Hinweisgebern.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
ambulans 04.07.2016
1. wenn
schon von - wie dankenswerterweise und korrekt benannt - david peace (GB 84, aber auch anderes vom selben autor), dazu auch etwa william mcilvanney's glasgow-trilogie, ian rankin's inspector rebus, ted lewis' früh-siebziger novels über (fast) realistische kriminalität im norden englands (and so on) die rede ist - warum dann noch ein weiteres mal etwas vorführen, was andere bereits fachlich und selbstverständlich auch schriftstellerisch überaus kompetent vorgezeigt haben? vielleicht mädels-quote? oder futterneid? manchmal isses einfach wirklich genug, findet dr. ambulans (heute auch kriminalistisch/forensisch)
mitchreader 05.07.2016
2. Drei Fragen:
Wer schrieb den Artikel? Was ist ein Scoop? Was sind 'Wiedergänger von "toughen" Journalisten'?
Grammatikfreund 05.07.2016
3. Holprig?
Die Romane mit Paddy Meehan habe ich vor Jahren auf Englisch gelesen, und sie haben mir ziemlich gut gefallen. Ich kenne Glasgow ein bisschen und die Atmosphäre schien mir gut wiedergegeben zu sein. Dass der Verlag den zweiten Roman zuerst veröffentlicht, finde ich sehr sonderbar, zumal die Hauptfigur eine Entwicklung durchmacht. Im ersten Buch ist sie bloß eine Art Volontärin. Wenn der Kritiker sich schon über die "holprige Übersetzung" beklagt, wären ein, zwei Beispiele nett gewesen, allein schon aus Respekt gegenüber der - mir unbekannten - Frau Schlauerer. Und man darf nicht vergessen, dass Heyne für eine Übersetzung, die als Original-Taschenbuch erscheint, vermutlich nicht allzu viel bezahlt. Arno Schmidt hat, glaube ich, mal zu einem Verleger gesagt: Wenn Sie mir nur 500 Mark für die Übersetzung bezahlen, bekommen Sie auch nur eine 500-Mark-Übersetzung.
hh22763 05.07.2016
4. Die
Der erschien bereits im Juli 2013 bei Heyne unter dem Titel "Der letzte Wille". Statt die Übersetzerin kritisiert und den Plot größtenteils nacherzählt zu bekommen, wäre so ein kleines bisschen Recherche willkommen gewesen.
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