Comic-Schauergeschichten "Die Unheimlichen" Das große Schlottern

Kurze Bücher zum Gruseln, gezeichnet von der Elite der deutschen Graphic-Novel-Szene: Die Zeichnerin Isabel Kreitz hat eine bemerkenswerte Comicreihe herausgegeben.

Isabel Kreitz/ Carlsen

Von Jan-Paul Koopmann


Wenn Isabel Kreitz als Herausgeberin der Gruselcomics "Die Unheimlichen" sagt, es ginge ihr um die Freude an der kleinen Form - dann ist das einfach schön. Und wenn dann ihr erster Autor, Nicolas Mahler, nickt und das gleiche Spaßprojekt nachdenklich eine "Bibliothek der Bildsprachen" nennt, ist das lustig. Spektakulär hingegen ist: Sie haben beide recht. Dass "Die Unheimlichen" gleichermaßen leicht und klug sind, beweisen die ersten drei zeitgleich erschienenen Ausgaben.

Freude machen "Die Unheimlichen" bereits vorm Aufschlagen des ersten Bandes. Weil die Bücher so klein sind, so handlich, und weil der deutsche Qualitätscomic seit ein paar Jahren ja nun wirklich zu einer gewissen Schwere neigt, sowohl was ihre 300-seitige Form angeht, als auch die Inhalte. Allerdings: Mit den guten alten Schrottcomics à la "Gespenster Geschichten" aus dem Bahnhofskiosk hat diese Serie nun auch wieder nichts zu tun.

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Graphic-Novel-Adaption: Grusel-Quickies

"Die Unheimlichen" sind Literaturadaptionen von Autoren von früher ( Edgar Allan Poe) bis heute (Sarah Khan). Und die Zeichner sind nicht irgendwer, sondern gehören zu den besten, die der deutschsprachige Markt zu bieten hat: Kreitz' historische und literarische Comics zählen seit den Neunzigerjahren zum Fundament dessen, was später als "Graphic Novel" durch die Decke ging. Die dagegen gekitzelt wirkenden, abstrakten Figuren Nicolas Mahlers sind bekannt aus der "Titanic" und aus den gefüllten Regalmetern guter Comicläden.

Zwar noch nicht ganz so berühmt ist Lukas Jüliger als dritter, dafür hat der mit seinem "Vakuum" (Reprodukt) ein überwältigendes und verstörendes Debüt hingelegt. Im Herbst geht es mit der ebenfalls mehrfach preisgekrönten Barbara Yelin weiter. Und auch die anderen Namen, die in halbjährlichem Rhythmus folgen, kämen Ihnen bekannt vor, wenn ich sie schon verraten dürfte.

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Isabel Kreitz (Hrsg.), Nicolas Mahler, Elfriede Jelinek:
Der fremde! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs

Die Unheimlichen

Carlsen; 64 Seiten; 12 Euro

Also, berühmte Künstler machen kleine Bücher zum Gruseln. Und Spaß hin oder her: keinem der drei geht es ums bloße Austoben oder darum, vor dem nächsten Wälzer noch mal eben ein bisschen Triviales wegzuzeichnen und ein paar Schocker rauszuhauen. Was heißt überhaupt Schocker? "Mein Stil eignet sich eigentlich nicht dafür, dass man sich gruselt", sagt Mahler und hat natürlich recht. Niemand ängstigt sich vor einem Strichmännchen mit einer riesenhaften Mahler-Nase, und wer fiebert schon mit der grob skizzierten Bäckerin, die eine Brezel als Kopf hat, damit man sie auch erkennt.

Unter dem Bandwurmtitel in Jelinek'scher Kleinschreibung "Der fremde! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs" erzählt Mahler eine im Grunde schlichte Geschichte: Da kommt ein Vampir nach langer Zeit zurück in sein Dorf und beißt sich durch die Idylle. Aufregender ist die Form: Mahler gelingt es, Jelineks ausgesprochen komplexes Sprachspiel in den Comic zu übertragen. Mit Stummfilmzitaten, gebrochener Sprache und einer Erzählung, die viel mehr über abgründiges Miteinander zu sagen hat als über diesen Vampir, der sie stört.

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Isabel Kreitz (Hrsg.), Sarah Khan:
Den Nachfolgern im Nachtleben

Die Unheimlichen

Carlsen; 64 Seiten; 12 Euro

Mahler ist der Extremfall. Kreitz' Berliner Szene-Zombieklamotte "Den Nachfolgern im Nachtleben" ist erheblich eingängiger und setzt darauf, Feinheiten von Atmosphäre und Witz der Vorlage mit Realismus, Licht und Schatten herauszukitzeln. Den gewagtesten Stunt unternimmt Jüliger, der Poes "Berenice" mit einem gegenwärtigen Internet-Konsum-Fetisch-Stalker-Komplex konfrontiert - und die Bandbreite der Reihe damit nochmal erheblich vergrößert.

Nicht allen wird alles gefallen, klar. Und trotzdem sind "Die Unheimlichen" grundsätzlich jedem zu empfehlen. Da gehen insgesamt zehn sehr unterschiedliche Künstler mit offenen Augen und Spaß in ein Genre hinein, das den meisten von ihnen erstmal fremd ist. Dann erforschen sie es mit ihren je eigenen Mitteln aus Grafik und Erzählweisen in mal mehr, mal weniger respektvollem Umgang mit der Vorlage.

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Isabel Kreitz (Hrsg.), Lukas Jüliger, Edgar Allan Poe:
Berenice

Die Unheimlichen

Carlsen; 64 Seiten; 12 Euro

Und damit wären wir auch wieder am Anfang: Natürlich machen sie Spaß, diese je 64 Seiten, die sich rasch weglesen lassen. Aber trotzdem drängt es einen bereits nach dem dritten Büchlein, direkt wieder beim Ersten anzufangen und sich nochmal in Ruhe en detail vorführen zu lassen, was die deutsche Comic-Elite stilistisch so alles kann - wenn sie nicht gerade irgendwelche Wälzer vollzeichnet.


Buchpremieren: 12. Juni Hamburg, Nochtspeicher und 13. Juni Berlin, Pfefferberg Theater

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