Neuengland-Klassiker endlich übersetzt Wenn das letzte Hemd weg ist

Für Burgerbrater Miles fließt das Leben so zäh dahin wie der schmutzige Fluss durch seine einstige Textilindustriestadt. Richard Russos Pulitzerpreis-Buch "Diese gottverdammten Träume" belebt sogar abgegriffene Metaphern.

Szene aus "Empire Falls"-Verfilmung von 2005
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Szene aus "Empire Falls"-Verfilmung von 2005

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Ja, die alten Römer von Vergil bis Ovid habens getan, Joseph Conrad in "Herz der Finsternis" auch, und Hesses "Siddhartha" wäre quasi undenkbar ohne: Sie haben ihre Geschichten mit Flussbildern geflutet, und zwar so gut, dass das Motiv ein für allemal erschöpft scheint. Und beschlossen ist: Beim nächsten neuen Buch mit "Das Leben ist ein Fluss"-Tralala-Metapher gibt's einen kräftigen Schluck vom Unterweltenstrom Lethe, um sich dann gepflegt dem Vergessen anheim zu geben.

Bevor hier jetzt einer anfängt zu gähnen: Bei Richard Russo ist schnell klar, dass er über Wasser schreiben und zugleich das Leben meinen kann, ohne dass es albern wirkt. Sein Fluss im großartig gemächlichen Provinzepos "Diese gottverdammten Träume" ist einer "von der Sorte, bei der sich Gott nicht allzu sehr ins Zeug gelegt hatte": Er reißt alles an Müll und Schmodder, Konservenbüchsen und Elchkadaver mit, und verwandelt eine Wiese in einem Kaff in Maine Schicht um Schicht in eine stinkende Deponie. Bis der Besitzer des Grundstücks, der reiche Hemdenfabrikant C.B. Whiting, den "Planungsfehler" Gottes ausbügelt und das Gestein, das das Gewässer staut, kurzerhand wegsprengt. Fertig.

Whiting ist längst tot, als die Story im Jahr 2000 einsetzt, und er bleibt fast die einzige Figur, die zumindest einmal das Steuer übernimmt. Ganz im Gegenteil zu Miles Roby, 40, Betreiber des örtlichen Diners und der eigentliche Anker des Kleinstadtromans.

Er hat die klassische Rolle des Zauderers (man denke an Hamlet, Meursault), sei ein "Paradebeispiel für besonnenes Navigieren", heißt es über ihn. Was für ein Euphemismus! Miles ist eher gestrandet wie das schmodderige Treibgut: einer, der das Studium abbrach, zurückkam, um seine Mutter zu pflegen, und seither unentschlossen festhängt im Hier und Jetzt. Der sich breitschlagen lässt, die Kirche für umme frisch zu streichen oder mal wieder seinen berechnenden Schluri von Vater irgendwo abzuholen. Um Nein zu sagen, müsste man ja erstmal wissen, was man lieber will.

Ein Initiationsroman in Slow Motion

Seine Frau Janine hat ihn gerade für einen 60-jährigen großmäuligen Fitnessclubtypen verlassen (nur eine neue Sackgasse), seine Tochter Tick steckt mitten in ihrer pubertären Verweigerung, und sein Lokal - achnaja. Alle lügen sich hier insgeheim in die Tasche, als klebten sie in einer Papp-Attrappe ihres Daseins fest, sponsored by den "Umständen". Als warteten sie darauf, dass das eigentliche Leben endlich beginnt. Träume eben, gottverdammt. Dass es für Miles diesen Wendepunkt dann doch gibt, nach fast 700 Seiten, kurz vor Schluss, macht die Geschichte zu einem Initiationsroman in Slow Motion.

Damit befindet sich Russos Schreiben quasi am anderen Ende des Raymond-Carver-Kargheits-Spektrums, aber genau wegen jenes Ausuferns erliegt man ihm sofort: Er lässt sich so viel Zeit, diesen Kosmos in Maine zu erschaffen wie Miles in seinem Diner beim Burgerbraten.

Autor Russo
Elena Seibert

Autor Russo

Und es gibt keinen Grund, schneller als nötig aufzutauchen aus dieser schnodderigen Provinzatmosphäre, in der man sich dank des Neuengland-Settings bei John Irving, Anne Tyler, John Updike oder auch Stephen King schnell zuhause fühlt. Die Hemdenfabrik, wo dereinst fast alle arbeiteten, ist längst von der Globalisierung weggespült, das verlässliche Imperium der Industriellenfamilie Whiting ist zur Jahrtausendwende verdorrt, übrig sind nur bröselige Immobilien, die Bar, der Diner, ach, und fast alles im Ort.

Jeder kennt sich hier seit der Highschool. Eine familiäre Nähe, die Russo nutzt, um sein Personal zu erhellen: Kapitel für Kapitel dreht die Perspektive, mal ist es die von Miles, mal die seiner Tochter, ihres Lehrers, des Polizisten, des Pfarrers. Dazwischen Rückblenden auf Miles' Kindheit, als er mit seiner Mutter jenen prägenden Urlaub in Martha's Vineyard verbrachte, sowie Mitmenschen, die alles so entwaffnend kommentieren, dass man sich nur grinsend freuen kann: "Du bist nicht dabei, Dich zu ändern, Janine", sagt deren Mutter einmal knochentrocken, "Du verlierst einfach nur Gewicht, das ist ein Unterschied."

Eventuell der beste Ortsname der Literaturgeschichte

Zum großen Zauber dieses Romans gehört vor allem, dass peu à peu die Sedimente vom Damals im Jetzt sichtbar werden. Am besten sei es wohl, überlegt Miles einmal, man reiße die Vergangenheit nieder, damit sie keiner mit der Zukunft verwechsele. Und legt dann los: Geschichte wird gemacht, es geht voran.

Bei diesem vielschichtigen Mikrokosmos ist es kein Wunder, dass der US-Kabelsender HBO 2005 sogar einen Zweiteiler daraus gemacht hat (samt Hammerbesetzung von Helen Hunt, Ed Harris, Robin Wright Penn, Paul Newman bis Philip Seymour Hoffman). Umso unerklärlicher, wieso dieser umwerfende Roman, für den Russo 2002 den Pulitzerpreis erhielt (und in jenem Jahr Jonathan Franzen ausstach), erst jetzt auf Deutsch vorliegt; andere wie "Nobody's Fool" oder "Der Sohn eines Diebs" gibt es längst.

Aber vor allem, bitte, der Schauplatz: "Empire Falls". Einen großartigeren Ortsnamen hat sich eventuell in der gesamten Literaturgeschichte noch keiner für seine Story ausgedacht. Denn natürlich hat das Kaff keine Spur von romantischer Wasserfall-Atmo oder imperialer Grandezza. Stattdessen passiert, was passiert, wenn alle jahrzehntelang im Jetzt verharren: Der Verfall setzt ein, langsam.

Wie gut, wenn dann der Wind dreht. Und er dann in die Nase steigt, der faulige Geruch des Flusses.

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