Was ist deutsch? Eine Nation sucht sich selbst

Wer sind wir Deutschen? Warum sind wir so? Ein riesiges Geschichtswerk von Dieter Borchmeyer stellt große Fragen. Dabei lernt man viel. Und wundert sich doch, warum Neonazis Türken töten.

Burg Stolzenfels am Rhein
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Was deutsch ist? Zuallererst die Frage selbst. "Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage 'Was ist deutsch' niemals ausstirbt", wusste Friedrich Nietzsche schon 1886. Und seitdem ist kein Ende abzusehen. Die Antworten waren meist von dem Versuch beseelt, vielbeschworene, aber nicht so einfach dingfest zu machende, positive deutsche Traditionen zu identifizieren. Ziel war es, eine Erzählung zu finden, die der Geschichte des eigenen Landes wieder Größe verleihen sollte.

In diese Tradition reiht sich auch die Antwort Dieter Borchmeyers ein. Der emeritierte Professor für Neuere deutsche Literatur und Theaterwissenschaften hat mit gut tausend Seiten das bislang schwergewichtigste Buch zum Thema geschrieben. Es geht Borchmeyer um nicht weniger als die "Suche einer Nation nach sich selbst": "Keine europäische Nation hat einen derart fundamentalen Verlust ihres Selbstwertgefühls erfahren wie die deutsche mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs."

Identitätsfragen seien nach 1945 tabuisiert und erst nach der Wiedervereinigung wieder wirklich gestellt worden. Ohne positives Nationalgefühl scheint es offenbar nicht zu gehen: "Wer nicht weiß, wer er ist, sich über seine Identität keine Gedanken macht (…...), weiß nicht, wohin er gehen soll."

Warum nun gerade die Nation so maßgeblich für ein positives Selbstverständnis sein soll, ist in einer Zeit, in der die Menschen in vielen Ländern in identischer Weise nach Feierabend auf dem Sofa liegen und Netflix schauen, nicht gerade selbstverständlich. Überzeugend begründet wird die Notwendigkeit einer deutschen Identität nicht, sie wird von Borchmeyer als gegeben gesetzt.

Aus einem Deutschland mach mal eben zwei

Nun lässt sich in der im engeren Sinne politischen Geschichte dieses Landes vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs nur wenig Vorbildhaftes finden. Borchmeyers Lösung des Problems: Das Deutsche wird gleichsam aufgespalten. Auf der einen Seite das "geistige, in der Weltbürgerlichkeit der Goethezeit" gründende Deutschland, auf der anderen das "militärisch-machtpolitisch orientierte nationalistische".

Maßgeblich für deutsche Identitätsfragen sind nicht mehr die Blut-und-Boden-Phantasien, mit denen Deutschland sich weltweit bekannt gemacht hat. Maßgeblich werden nun Goethes Idee einer Ländergrenzen transzendierenden Weltliteratur, das Bildungsideal, das zur Gründung der deutschen Universitäten führte, ein aufgeklärter Kosmopolitismus und die "Verinnerlichung" der deutschen Musik, die Bedingung ihrer "Weltgeltung" sei.

Die Konstruktion eines anderen Deutschlands steht in einer klassisch-konservativen Tradition. Im Insistieren auf der Weltoffenheit vieler deutscher Autoren der Weimarer Zeit ist Borchmeyers Variante nicht kompatibel mit den völkischen Fantasien der Neuen Rechten. Auch mit der zurzeit links wie rechts grassierenden Identitätsrhetorik, die sich primär über die Abwehr des Fremden definiert, hat "Was ist deutsch?" nicht viel am Hut. Wo viele sich wieder um den Schutz der angeblich bedrohten Heimat sorgen, wirkt eine Kulturgeschichtsschreibung, die immer wieder auf den "Kosmopolitismus der Aufklärung" zurückkommt, ausgesprochen sympathisch.

Schief wird Borchmeyers Argumentation vor allem im letzen Kapitel, in dem er eine Gegenwartsdiagnose wagt. Eine anscheinend maßgebliche Ursache des Rechtsradikalismus bis hin zu den Morden des NSU sieht er allen Ernstes in dem "historischen Kurzzeitgedächtnis, das ganz von Schuld und Schande der jüngsten deutschen Geschichte beherrscht" werde. Die Nazis erschießen demnach Türken, weil sie ihre Nation nicht lieben dürfen.

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Dieter Borchmeyer:
Was ist deutsch?

Die Suche einer Nation nach sich selbst

Rowohlt Berlin, 1056 Seiten; 39,95 Euro

Schön wiederum, dass in "Was ist deutsch?" auch die Polemik gegen das, was die Autoren jeweils für den "deutschen Charakter" gehalten haben, Raum bekommt (auch wenn sie das gesamte Unternehmen kaum zu beeindrucken scheint): Goethe sah bei den Deutschen Humorlosigkeit und die Unfähigkeit, souverän mit den Widrigkeiten des Lebens zurande zu kommen, des Weiteren "Mangel an Geschmack, oberflächliche Empfindelei". Thomas Mann, eine der zentralen Figuren des Buches, diagnostizierte 1945 "Weltfremdheit" und, fataler noch, eine "unterwürfige Haltung der Deutschen vor (...) aller staatlichen Obrigkeit". Der Effekt ist vom Autor nicht gewollt, aber man begreift beim Lesen als Nachgeborener, welche Erleichterung die Infusion mit britischer und amerikanischer Popkultur ab den Sechzigerjahren bedeutet haben muss.

Trotzdem kann die kulturhistorische Konstruktion nicht überzeugen - und um eine Konstruktion, nicht um eine Wesensbestimmung, handelt es sich zwangsläufig. Das Ideal eines vergessenen Weltbürgertums, das Borchmeyer vorzuschweben scheint, gerät schnell in Schwierigkeiten, weil es historisch allzu oft schlicht eine wortreiche Kaschierung ordinärer nationaler Größenphantasien war. Bei Heine, Goethe, Thomas Mann und einigen anderen war das nicht der Fall. Der Universalismus der meisten deutschen Autoren aber war letzten Endes keiner, sondern akzeptierte das angeblich Undeutsche wenn überhaupt, dann nur dort, wo es bereit war, sich selbst aufzugeben und dem Deutschen zu assimilieren.

Eine kritische Diskussion des Identitätsbegrif fs hätte dem Text gutgetan

Das Wahnhafte ist nicht erst mit den Nazis in die deutsche Geschichte eingetreten und Borchmeyers geistesgeschichtliche Exkursionen klammern den aggressiven Nationalismus auch nicht aus. Dass das Ideal immer wieder droht, die Gewalt zu kippen, kann man in "Was ist deutsch?" nachlesen. Kleists "lyrische Hassgesänge" etwa werden ausgiebig zitiert, und auch, dass Richard Wagners berühmte Definition, deutsch sei, "eine Sache um ihrer selbst willen zu tun", nach dem Holocaust noch einmal eine andere Bedeutung angenommen hat, kann man aus dem Text herauslesen.

Ein Grund, die Konstruktion eines anderen Deutschlands aufzugeben, ist das für Borchmeyer natürlich nicht und muss es auch nicht sein. Eine kritische Diskussion des Identitätsbegriffs hätte dem Text allerdings gutgetan. Ansätze dazu verschwinden in der enormen Materialsammlung, die "Was ist deutsch?" zuallererst ist.

Und in der knirscht es immer wieder laut, dort, wo sich dieses Material in die Idee eines spezifisch deutschen Universalismus nicht einpassen will. Etwa dann, wenn der Universalismus sich als verbrämter Antisemitismus entpuppt. Wagner etwa postulierte, dass "der Jude" aufhören müsse, Jude zu sein, will er "gemeinschaftlich mit uns Mensch werden". Wie Borchmeyer nach diesem Satz zu dem Schluss kommt, der Komponist hätte trotz seiner "auf degoutante Weise geäußerten antijüdischen Haltung" an der "Einheit von Juden und Deutschen in einer zukünftigen Menschheitskultur" festgehalten, wird nicht ganz klar, geht es doch offenbar nicht um Einheit, sondern um die Selbstaufgabe der einen bei bleibender Präsenz der anderen.

Autor Dieter Borchmeyer
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Autor Dieter Borchmeyer

Überhaupt spielt das Verhältnis von Juden und Deutschen eine große Rolle in "Was ist deutsch?". Schriftsteller wie Heinrich Heine und jüdische Philosophen, die sich positiv auf das "Deutschtum" bezogen haben, bekommen eine Art Zeugenfunktion zugewiesen: als Autoren, deren Liebe zu Deutschland das Ideal beglaubigen soll. Theodor W. Adornos 1965 erschienene Antwort "Auf die Frage: Was ist deutsch?" wird von Borchmeyer angeführt, um zu belegen, dass selbst ein jedes Chauvinismus unverdächtiger jüdischer Philosoph nicht umhin gekommen sei, Deutschland zu schätzen. Adorno kehrte acht Jahre nach Ende des Nationalsozialismus aus dem amerikanischen Exil zurück. Er begründete seine Entscheidung unter anderem mit der Wagnerschen Formulierung "eine Sache um ihrer selbst willen tun", ohne die "zumindest die große deutsche Philosophie und die große deutsche Musik nicht sein können". So weit Adorno im Sinne Borchmeyers.

Warum ist das Fehlen einer Identität überhaupt ein Mangel?

Wenn man nachliest, was Adorno vor der zitierten Stelle geschrieben hat und was bei Borchmeyer fehlt, wird klar, dass es bei der Entscheidung zur Rückkehr nur sehr am Rande um eine spezifisch deutsche Frage geht: Adorno zieht die Autonomie, die ihm im deutschen Wissenschaftsbetrieb noch möglich ist, der akademischen Welt der USA vor. Und er weiß, dass er sich in der Sprache seiner Kindheit präziser ausdrücken kann als im Englischen. Den fundamentalen Einwand, den Borchmeyer ignoriert, findet man gleich zu Beginn von Adornos Auseinandersetzung mit der Frage "Was ist deutsch?": "Belastet wird sie von selbstgefälligen Definitionen, die als das spezifisch Deutsche unterstellen nicht, was es ist, sondern wie man es sich wünscht." Und grundlegender: "Ungewiß, ob es etwas wie den Deutschen, oder das Deutsche, oder irgendein ähnliches in anderen Nationen, überhaupt gibt. Das Wahre und Bessere in jedem Volk ist wohl vielmehr, was dem Kollektivsubjekt nicht sich einfügt, was ihm widersteht."

Die Passage, die Borchmeyer nicht zitiert, verweist auf ein grundlegendes Problem des gesamten Unternehmens. Es wird überhaupt nicht klar, wieso das Fehlen eines positiven Bezuges auf die deutsche Nation ein Mangel sein und warum ausgerechnet das deutsche Kollektivsubjekt ihm Abhilfe verschaffen soll. So bleibt am Ende die Behauptung einer universalistischen Tradition, die vor allem in den Texten einiger prominenter Autoren präsent war und der die politische Wirklichkeit in der Geschichte dieses Landes über weite Strecken unablässig widersprochen hat.

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insgesamt 104 Beiträge
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abwinken 15.04.2017
1. Ein einfacher Tipp
Man gebe das Geld für Bücher ala " Die Gesellschaftsgeschichte der Deutschen von H-U Wehler" aus. Sind aber 5 Bände und deshalb etwas teurer.
zeichenkette 15.04.2017
2. Das Problem:
Es gibt kein deutsches Land und auch kein deutsches Volk, sondern nur deutsche Länder und deutsche Völker. Das "deutsche an sich" kann daher immer nur eine Art Kunstgebilde oder auch Gespenst sein. Man ist Bayer oder Sachse oder Westfale oder Friese, aber Deutscher? Deutschland heißt nur so, aber ist in Wirklichkeit ein Staat, kein Land. Deutscher kann man nur als Staatsbürger sein, oder man wird zum Nationalisten ohne festen Boden unter den Füßen.
adolfo1 15.04.2017
3. Diese Frage stellt sich nicht, sondern
sie sollte lauten:" in welcher Gesellschaft wollen wir leben". Leider ist unsere Gesellschaft in allen Belangen dermaßen zersplittert und somit unfähig, auf solch eine Frage einen gemeinsamen Konsens zu finden.
iffelsine 15.04.2017
4. Es ist nervig,
Auf unseren zahlreichen Reisen ins entfernte nicht-europäische Ausland vermeiden wir, uns als Deutsche zu outen, wenn wir es können. Wir haben keine Lust, gefragt zu werden, ob wir aus West- oder Ostdeutschland stammen, was wir vom Nazi-Deutschland erzählen können (gerne gefragt in angelsächsischen Ex-Kolonien), zudem wir Nachkriegskinder sind. Wir wollen uns auch nicht andauernd auslachen lassen zum Thema Merkel´s herbeigerufene Flüchtlingskrise. Es ist einfach nu noch unangenehm und daher lassen wir das. Mit diesen Themen befassen wir uns auch nicht mehr zu Hause.
widower+2 15.04.2017
5. Was deutsch ist?
Vor allem das: "unterwürfige Haltung der Deutschen vor (...) aller staatlichen Obrigkeit". Gesetze und Vorschriften werden nicht in Frage gestellt, ob sie nun widersinnig, kontraproduktiv für den gedachten Zweck oder einfach nur blödsinnig sind. Eine Hecke 10 Zentimeter zu hoch oder 10 Zentimeter zu nah am Nachbargrundstück? Das geht natürlich gar nicht. Mülltrennung? Auf das Penibelste mit ausgewaschenen Joghurtbechern, auch wenn später doch alles in die MVA wandert und wer dagegen verstößt, wird natürlich angezeigt. Natürlich Winterreifen aufziehen, obwohl man damit in manchen Gegenden an 118 von 120 Tagen der "Winterreifenperiode" mit dem unterlegenen Pneu unterwegs ist. Etc. pp.
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