Zum Tod von Dieter Kunzelmann Kommune-1-Bewohner und Antisemit

Er war Politaktivist mit skurrilem Humor, repräsentierte aber auch die dunkle Seite von '68. Ein Nachruf auf Dieter Kunzelmann.

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Mit seiner durchdringenden Stimme, seinem fränkischen Akzent und seinem schnarrenden Lachen war er ein Unikum. Kommunarde Kunzelmann. Aber er verkörperte auch dunkle Seiten der Revolte von 1968. 50 Jahre nach dem Höhepunkt der antiautoritären Bewegung der Sechzigerjahre ist der Politaktivist und Begründer der Kommune 1 jetzt in seiner Wohnung in Berlin-Kreuzberg gestorben.

Dieter Kunzelmann wurde als Sohn eines Sparkassendirektors 1939 in Bamberg geboren, schloss sich Anfang der Sechzigerjahre in München der situationistischen Künstlergruppe "Spur" an und drängte im Sommer 1966 auf die Gründung einer Kommune. Nach einem Treffen mit Rudi Dutschke und anderen antiautoritären Aktivisten in Bayern erklärte er, "dass für uns Subversive eine neue Form des Zusammenlebens, Zusammenarbeitens und politischen Einmischens auf der Tagesordnung" stehe.

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Dieter Kunzelmann: 68er, Provokateur, Eierwerfer

Nachdem Dutschke und andere Aktivisten des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) aus dem kulturrevolutionären Projekt ausgestiegen waren, zogen im Februar 1967 neun Erwachsene und ein Kind in zwei nicht weit voneinander entfernt liegende West-Berliner Wohnungen der Schriftsteller Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger. Der Kommune 1, der bald weitere folgten, gehörten neben Kunzelmann auch die Studenten Fritz Teufel, Rainer Langhans, Ulrich Enzensberger, Dorothea Ridder und Antje Krüger an. Nach ein paar Monaten planten sie ein Puddingattentat auf den US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey und wurden allesamt festgenommen.

Fritz Teufel saß bald im Gefängnis und Kunzelmann entwickelte mit dem Kommunarden Rainer Langhans ein ausgeprägtes Konkurrenzverhältnis. Wer hatte im Chaos das Sagen, wer hatte bessere Ideen für neue Happenings? Kunzelmann verfügte über einen skurrilen Humor und sprudelte vor Ideen.

Doch in der Kommune 1 setzte sich schließlich Langhans durch, der mit Uschi Obermaier Kulturprojekte entwickeln wollte. Der dabei laut zeternde Kunzelmann wurde eines Tages aus der Kommunen-Etage geschleppt und einfach auf die Straße gesetzt.

Klassischer Antisemit

Mit Georg von Rauch, Ina Siepmann und anderen West-Berliner Linksradikalen fuhr Kunzelmann im Sommer 1969 nach Jordanien und nahm dort zur Palästinensergruppe Fatah Kontakt auf, traf Jassir Arafat und andere führende Figuren.

Am 9. November 1969, dem Jahrestag der Reichspogromnacht 1938, deponierte ein drogenumnebelter Anhänger Kunzelmanns im Jüdischen Gemeindehaus in West-Berlin eine Brandbombe. Ein Agent des Verfassungsschutzes hatte den Brandsatz geliefert; er zündete zum Glück nicht.

Kunzelmann schrieb in der linksradikalen West-Berliner Zeitung "Agit 883": "Palästina ist für die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax."

Später bestritt Kunzelmann, Anstifter des Anschlags von 1969 gewesen zu sein, wie ihm später vorgeworfen wurde. Andere Weggefährten berichten aber, Kunzelmann sei schon in den frühen Sechzigerjahren wie ein klassischer Antisemit aufgetreten.

Im November 1969 gründete er die linksterroristische Gruppe "Tupamaros West-Berlin". Wegen verschiedener Brandanschläge dieser Gruppe saß er drei Jahre in Untersuchungshaft, aber im Gegensatz zu vielen seiner Freunde, die bei den Terrorgruppen "RAF" oder "Bewegung 2. Juni" gelandet waren, kam Kunzelmann 1975 wieder frei und absolvierte eine Ausbildung als Drucker.

Der einst Antiautoritäre hatte sich zwischenzeitlich der maoistischen KPD angeschlossen und kandidierte für die Kleinpartei bei Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Ohne Erfolg.

Vorgetäuschter Selbstmord

Erst als Mitglied der Alternativen Liste, den Vorgängern der Grünen in West-Berlin, schaffte er 1983 den Einzug in das Landesparlament. Fortan fiel "Kunzel", wie ihn Freunde und Kollegen gerne nannten, mit seiner Arbeitswut besonders der Berliner Justizverwaltung durch zahlreiche Anfragen auf die Nerven. Nachdem er aus dem Abgeordnetenhaus rotiert war, arbeitete er für Hans-Christian Ströbele die Akten des ersten "Sozialistischen Anwaltskollektivs" auf.

Es wurde ruhig um den einstigen Kommunarden, der wie sein Kommune-1-Kollege Fritz Teufel gelegentlich als "Spaßguerillero" noch kleine Happenings inszenierte. Im Oktober 1993 bewarf Kunzelmann den Dienstwagen des Berliner Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen mit einem Ei.

Bei dem daraus resultierenden Prozess wegen Sachbeschädigung zerdrückte er dem CDU-Politiker Diepgen noch ein Ei auf dem Kopf. Als er 1998 für die beiden Eierattacken ins Gefängnis gehen sollte, tauchte er unter. Zuvor hatte er eine Kleinanzeige aufgegeben: "Nicht nur über sein Leben, auch über seinen Tod hat er frei bestimmt." Zu seinem 60. Geburtstag war er dann wiederauferstanden und meldete sich zum Haftantritt.

Danach lebte er als paranoider Kauz in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Hinterhaus in der Wiener Straße. Interviews gab er kaum mehr, höchstens gegen ordentliche Honorare. Im Umgang war er kompliziert, komisch und stets von sich selbst sehr überzeugt. Er wurde 78 Jahre alt. Dem Vernehmen nach fand ihn seine Tochter, friedlich mit einer nicht angezündeten Zigarette in der Hand, in einem Sessel sitzend.



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