Digitale Lesestifte Krückstock fürs Kinderzimmer

Millionenerfolg auf dem Kinderbuchmarkt: Die Digital-Lesestifte Ting, Tiptoi und Toystick sollen den Kleinen beim Lesenlernen helfen - und bringen den Verlagen und Herstellern traumhafte Wachstumsraten. 


Sie heißen Ting, Tiptoi oder Toystick, sehen aus wie digitale Fieberthermometer und sollen Kindern beim Lesenlernen helfen oder das klassische Buch durch Audiodateien erweitern. Vor einem guten Jahr kamen mit dem Tiptoi des Spieleverlags Ravensburger und dem Toystick die ersten Lesestifte mit integriertem Lautsprecher auf den deutschen Markt, Anfang 2011 gefolgt von Ting, den gleich mehrere Verlage wie Brockhaus, Langenscheidt oder Ars Edition nutzen.

Die Stifte lesen nicht einfach vor, was sowieso im Buchtext steht, sondern sind darauf ausgelegt, zusätzliche Informationen zu liefern. Auf die Buchseiten sind Netzwerke aus 2-D-Barcodes gedruckt. Die Stiftspitzen lesen diese Codes beim Darüberfahren und rufen die damit verknüpften Informationen ab. Tippt man mit dem Stift auf verschiedene Stellen im Buch, werden Audiodateien aktiviert. Das reicht von Eulenschreien beim Buch über den Wald und Gitarrengeschrammel im Musiklexikon über vorgelesene Sätze im Buch für Leseanfänger bis hin zur Aufforderung, bestimmte Dinge auf der Seite zu finden. Die Sound-Dateien lassen sich jeweils aus dem Internet herunterladen und per USB-Kabel auf die Stifte speichern.

Sowohl Ravensburger als auch die Ting-Erfinder Himmer, eine Augsburger Druckerei auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern, wurden in Asien zu den Lesestiften inspiriert: "Vor drei Jahren sah ich einen ähnlichen Stift in China", sagt Hannes Eisele, Aufsichtsratsvorsitzender bei Himmer: "Aber der konnte nicht mehr als vorlesen - mit krächzender Stimme. Und ich fand: Dieses System lässt sich erweitern, das ist ausbaufähig." Daher auch der Produktname: Ting ist Chinesisch für Hören.

"Kein Ersatz fürs Vorlesen"

"Es ist keine Revolution, es ist ein neues Gerät unter anderen", meint Simone Ehmig, die Leiterin des Mainzer Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. Werbeclips für die Lesestifte suggerieren unter anderem, dass Kinder mehr Lust an Büchern haben, wenn der Stift das übernimmt, was normalerweise der elterliche Job beim Vorlesen ist: Stimmen imitieren, die Geschichten hinter den Bildern erzählen, Wissen abfragen. Doch Ehmig meint: "Die Stifte sind kein Ersatz fürs Vorlesen. Auf Bilder und Motive zu deuten kann ein kleines Kind auch mit einem normalen Bilderbuch lernen." Auch Ravensburger-Vorstand Clemens Maier beschwichtigt: "Der Tiptoi verspricht nicht, das Wundermittel fürs Lesen zu sein. Er steigert die Lesemotivation, nicht die Lesefähigkeit."

Für den Ting gibt es mittlerweile auch Bücher für Erwachsene: Von Sprachkursen bis zu Coffee Table Books über Segeltörns. Auch deshalb wirkt der Ting optisch nicht wie Kinderspielzeug: Es solle ein All-age-Produkt sein, sagt Himmer-Chef Eisele. Ravensburger ging noch einen Schritt weiter weg von den Büchern und bietet nun Klassiker wie das Gesellschaftsspiel "Deutschlandreise", Puzzles oder einen Globus mit Lesestift an. Auch für den Toystick gibt es Brettspiele. Dabei ersetzt der Stift in der Regel lediglich die lästige Aufgabe, die Spielanleitung zu lesen und navigiert mittels gesprochener Anweisungen durchs Spiel.

Offenbar kommt das Konzept an. Zum Jahresbeginn meldete Ravensburger ein Umsatzplus von 6,7 Prozent, den das Unternehmen ausschließlich auf das neue Produkt zurückführte, im November hieß es, inzwischen seien eine Million Stifte verkauft. Hannes Eisele, der Erfinder des Ting, erklärt, man kooperiere mittlerweile mit 17 Verlagen, bald seien 100 Produkte auf dem Markt, Gespräche mit anderen europäischen Verlagen längst im Gange und eine Bluetooth-Version für mobile Anwender sei ebenfalls geplant.

"Das hast Du ganz toll gemacht!"

Auch wenn die Stifte Erfolg haben: Eine onkelhafte Stimme, die ein affirmatives "Prima!" und "Das hast du ganz toll gemacht!" jubelt, ist genauso Geschmackssache wie die teils in höchste Stimmlagen rutschende Baby-Ansprache mit Sätzen ohne Mehrwert - dass ein Kind Blumen in der Hand hat, sieht jeder auch so, der Stift muss das nicht auch noch sagen.

Ein Problem ist der Anspruch vieler Bücher, für Kinder von vier bis zehn Jahren gleichermaßen zu taugen, auf dass jede Altersgruppe sich die Elemente herauspickt, die für sie passen. Sei es, dass der Stift "Häschen in der Grube" vorsingt, auf dem abgebildeten Xylophon spielen lässt, den Zungenbrecher "Fischers Fritze" artikuliert oder eben Informationen liefert, die nicht schon im Text stehen. Das heißt auch: Man muss in Kauf nehmen, dass Kinder sich diese Bücher nurmehr über den Stift dirigiert erschließen, außerdem überall 128-mal drauftippen, des Drauftippens wegen, und mit dieser Geräuschkulisse die Eltern in den Wahnsinn treiben.

Das Spektrum zeigt, dass es schlicht darauf ankommt, welche der Produkte man für welchen Zweck kauft - denn zum Lesen- oder Sprachenlernen kann das System sicher hilfreich sein: Man kann gleich hören, wie welches Wort klingt, Aussprache und Schreibweise austüfteln. Es liegt auf der Hand, dass da gerade die Bücher der bekannten Bildungsverlage empfehlenswert sind. Und dass im Vergleich dazu die namenlosen Toystick-Titel qualitativ eher abschmieren.

Die Herangehensweise, Kindern das Lesen mit Hilfe technischer Gimmicks schmackhaft zu machen, ist allerdings nicht jedermanns Sache: "Derzeit gibt es eine fast schon konservativ ablehnende Haltung vieler junger Eltern gegenüber digitalen Lesemedien und Lernprodukten", sagt Ehmig von der Stiftung Lesen.

Der größte Haken ist jedoch sicher nicht ideologischer, sondern praktischer Natur: Der Tiptoi funktioniert nur mit Ravensburger-Produkten, der Toystick nur mit Noris-Produkten. Allemal konsumentenfreundlicher ist da natürlich die Variante, die Himmer lanciert hat: Da Ting verlagsübergreifend angelegt ist, es eine gemeinsame Plattform für alle Bücher gibt, macht das die Auswahl flexibler. Beim Preis von rund 30 Euro pro Stift werden es sich Eltern dreimal überlegen, bevor sie sich einen zweiten oder dritten zulegen.



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1420MHz 11.12.2011
1. Total überflüssig! Eher schädlich!
Man kann nur hoffen, dass nicht allzu viele Eltern auf diesen "Lesenlernen"-Blödsinn reinfallen. Diese Dinger können nicht mehr als Mama und Papa, wenn sie ein stinknormales Buch vorlesen. Im Gegenteil: Dem Kind fehlt die persönliche Zuwendung, die körperliche Nähe, die Dynamik eines Zwiegesprächs, Kommunikation über andere Kanäle (Gestik der Hände, Gesichtsausdruck beim Sprechen, ...) und die flexible Beantwotung von Fragen. Ganz abgesehen davon, wollen die Hersteller einfach nur ordentlich Reibach mit ihren kompatiblen Barcode-Büchern machen. Vorbei sind die Zeiten, als ein Kind ganz einfach zum Bücherregal gerannt ist, ein x-beliebiges Buch rausgesucht hat und dem Papa unter die Nase gehalten hat. Leider findet man in den Läden immer häufiger solche Spielsachen und "Lernhilfen", die die Eltern dazu verführen, ihr Kind sich selbst zu überlassen, anstatt ihm die menschliche Zuwendung zu geben, die es für eine gesunde Entwicklung braucht.
lennynero 11.12.2011
2.
Zitat von 1420MHzMan kann nur hoffen, dass nicht allzu viele Eltern auf diesen "Lesenlernen"-Blödsinn reinfallen. Diese Dinger können nicht mehr als Mama und Papa, wenn sie ein stinknormales Buch vorlesen. Im Gegenteil: Dem Kind fehlt die persönliche Zuwendung, die körperliche Nähe, die Dynamik eines Zwiegesprächs, Kommunikation über andere Kanäle (Gestik der Hände, Gesichtsausdruck beim Sprechen, ...) und die flexible Beantwotung von Fragen. Ganz abgesehen davon, wollen die Hersteller einfach nur ordentlich Reibach mit ihren kompatiblen Barcode-Büchern machen. Vorbei sind die Zeiten, als ein Kind ganz einfach zum Bücherregal gerannt ist, ein x-beliebiges Buch rausgesucht hat und dem Papa unter die Nase gehalten hat. Leider findet man in den Läden immer häufiger solche Spielsachen und "Lernhilfen", die die Eltern dazu verführen, ihr Kind sich selbst zu überlassen, anstatt ihm die menschliche Zuwendung zu geben, die es für eine gesunde Entwicklung braucht.
Ja, weg mit dem LÜK-Kasten! Weg mit dem ganzen Spielzeugskram! Irgendwie bin ich bei einigen Menschen erstaunt das sie überhaupt im Internet sind, denn die Grundeinstellung sperrt sich gegen alles moderne, für die sollte es dann eigentlich alles in Stein gemeiselt geben, denn so ein moderner Zeugs wie Papier... wo kommen wir da denn hin! Neue Medien bergen natürlich immer auch gefahren, man kann aber mit dem Tiptoi oder dem Ting gemeinsam ein Buch lesen (oder eines der Spiele spielen). Letzten Endes werden sich Tiptoi und Ting sowieso überwiegend dort finden, wo es auch ein Bücherregal nicht gibt. Aus Erfahrung mit meinem 4 jährigen Sohn, einem Tiptoi und dem passenden Flugzeugbuch durfte ich dann auch bereits einige "Papa, schau mal was ich entdeckt habe" Momente erleben, denn bei aller berechtigten Kritik: der Stift gibt dem Kind durchaus auch etwas Selbstständigkeit und die muss man nicht zwingend als "Kind sich selbst überlassen" bezeichnen (man kann vorzüglich zu zweit auf der Couch sitzen, ich mit meinem Buch, der Junior mit seinem) und wenn das Kind Aufmerksamkeit haben möchte, dann fordert es das ohnehin. Kurz: in meinen Augen durchaus ein Medium, dass die Kinder problemlos an Buch und Technik heranführt. Wie Eltern das dann nutzen, hängt nicht vom Produkt ab, sondern von den Eltern.... und da gibt es leider keinen Führerschein.
hartenstein123 11.12.2011
3. Digitale Lesestifte -Unsinn
Zitat von 1420MHzMan kann nur hoffen, dass nicht allzu viele Eltern auf diesen "Lesenlernen"-Blödsinn reinfallen. Diese Dinger können nicht mehr als Mama und Papa, wenn sie ein stinknormales Buch vorlesen. Im Gegenteil: Dem Kind fehlt die persönliche Zuwendung, die körperliche Nähe, die Dynamik eines Zwiegesprächs, Kommunikation über andere Kanäle (Gestik der Hände, Gesichtsausdruck beim Sprechen, ...) und die flexible Beantwotung von Fragen. Ganz abgesehen davon, wollen die Hersteller einfach nur ordentlich Reibach mit ihren kompatiblen Barcode-Büchern machen. Vorbei sind die Zeiten, als ein Kind ganz einfach zum Bücherregal gerannt ist, ein x-beliebiges Buch rausgesucht hat und dem Papa unter die Nase gehalten hat. Leider findet man in den Läden immer häufiger solche Spielsachen und "Lernhilfen", die die Eltern dazu verführen, ihr Kind sich selbst zu überlassen, anstatt ihm die menschliche Zuwendung zu geben, die es für eine gesunde Entwicklung braucht.
Kinder, besonders Jungs haben Leseschwierigkeiten, nicht weil sie zu blöd sind dazu, sondern weil man sich als Eltern unzureichend abgibt und sich mit ihnen zu wenig unterhält. Es fehlt die menschliche Wärme, die elektronisches Spielzeug nicht geben kann, im Gegenteil abhänig macht bis zur Spielsucht. Also weg mit dem Kram und elektronisches Spielzeug für immer aus den Kinderzimmern verbannen und eigeninitiative ergreifen, sich mehr mit seinem Nachwuchs zu beschäftigen.
lineman0208 11.12.2011
4.
Zitat von lennyneroJa, weg mit dem LÜK-Kasten! Weg mit dem ganzen Spielzeugskram! Irgendwie bin ich bei einigen Menschen erstaunt das sie überhaupt im Internet sind, denn die Grundeinstellung sperrt sich gegen alles moderne, für die sollte es dann eigentlich alles in Stein gemeiselt geben, denn so ein moderner Zeugs wie Papier... wo kommen wir da denn hin! Neue Medien bergen natürlich immer auch gefahren, man kann aber mit dem Tiptoi oder dem Ting gemeinsam ein Buch lesen (oder eines der Spiele spielen). Letzten Endes werden sich Tiptoi und Ting sowieso überwiegend dort finden, wo es auch ein Bücherregal nicht gibt. Aus Erfahrung mit meinem 4 jährigen Sohn, einem Tiptoi und dem passenden Flugzeugbuch durfte ich dann auch bereits einige "Papa, schau mal was ich entdeckt habe" Momente erleben, denn bei aller berechtigten Kritik: der Stift gibt dem Kind durchaus auch etwas Selbstständigkeit und die muss man nicht zwingend als "Kind sich selbst überlassen" bezeichnen (man kann vorzüglich zu zweit auf der Couch sitzen, ich mit meinem Buch, der Junior mit seinem) und wenn das Kind Aufmerksamkeit haben möchte, dann fordert es das ohnehin. Kurz: in meinen Augen durchaus ein Medium, dass die Kinder problemlos an Buch und Technik heranführt. Wie Eltern das dann nutzen, hängt nicht vom Produkt ab, sondern von den Eltern.... und da gibt es leider keinen Führerschein.
Genau :( Es geht darum, dass viele Mensch inzwischen scheinbar immer weniger mit anderen real interagieren möchte. Genau das zeichnet das Bild der Zukunft. Man sitzt zusammen und beschäftigt sich DOCH nur mit sich selbst. Traurige Vorstellung, traurige Realität in unserer ach so tollen Welt voller Smartphones/pads. Augmented reality, persönliche Entwicklungs und Lernprogramme und weitere Techniken sollen uns zu besseren Menschen machen? Mal mit der (Strassen)Bahn oder einem Bus gefahren in letzter Zeit? Da sitzen immer öfter junge Leute zusammen die gebannt auf Ihre Smartphones schauen, anstatt sich zu unterhalten. Meiner Meinung nach sehen sie das alles etwas zu unkritisch, ganz der Medien/Werbeuntertan... So hört sich das zumindest an (Ich kenne Sie ja nicht).
Stampfi-Gang 11.12.2011
5. ...
Zitat von lineman0208Genau :( Es geht darum, dass viele Mensch inzwischen scheinbar immer weniger mit anderen real interagieren möchte. Genau das zeichnet das Bild der Zukunft. Man sitzt zusammen und beschäftigt sich DOCH nur mit sich selbst. Traurige Vorstellung, traurige Realität in unserer ach so tollen Welt voller Smartphones/pads. Augmented reality, persönliche Entwicklungs und Lernprogramme und weitere Techniken sollen uns zu besseren Menschen machen? Mal mit der (Strassen)Bahn oder einem Bus gefahren in letzter Zeit? Da sitzen immer öfter junge Leute zusammen die gebannt auf Ihre Smartphones schauen, anstatt sich zu unterhalten. Meiner Meinung nach sehen sie das alles etwas zu unkritisch, ganz der Medien/Werbeuntertan... So hört sich das zumindest an (Ich kenne Sie ja nicht).
Nur weil man ein Smartphone oder ein sonstiges Gerät sein eigen nennt, heisst das noch lange nicht, dass man sich NUR mit sich selbst beschäftigt. Ein bisschen eine reflektiertere Betrachtungsweise wäre hier vielleicht angepracht. Schon vor den Zeiten der Gadget-Schwemme gab es genügend Möglichkeiten sich mit sich selbst zu beschäftigen: Bücher, Zeitschriften, Stofftiere, Disc- oder noch früher Walkmen... Ich sehe auch nicht ganz ein, wieso ein Kind immer von seinen Eltern unterhalten werden soll oder sich nur in einer Gruppe Kinder aufhalten soll. Für die Entwicklung des eigenen Charakters benötigt man sowohl Zuwendung von aussen (eben z.B. Eltern die dem Kind ein Buch vorlesen) aber auch die Fähigkeit, sich selbst beschäftigen zu können. Mit so einem Lesestift kann ein Kind ein Buch entdecken bevor es lesen kann, die Neugier wird so gefördert. Imho eine gute Sache. Wie bei allen Dingen können halt dann Probleme auftreten, wenn ein vernünftiges Mass an Benutzungszeit überschritten wird. Das gilt aber auch für altmodische Hobbies wie lesen (wenn sich das Kind deswegen zu wenige bewegt). Ihre Schwarzmalerei kann ich deswegen so nicht nachvollziehen.
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