Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow "Ich sehe oft das Unheimliche im Alltag"

Seine Songs für die Band Tocotronic schwanken zwischen Spuk und Slogan, jetzt veröffentlicht Dirk von Lowtzow sein erstes Buch. Der Musiker über Bücher - und Selbstgespräche, die gegen Angst und Panik helfen.

Autor Dirk von Lowtzow
Jutta Pohlmann/ KIWI

Autor Dirk von Lowtzow


Zur Person
    Dirk von Lowtzow wurde 1971 in Offenburg geboren und zog Anfang der Neunzigerjahre nach Hamburg, wo er 1993 Tocotronic gründete. Schon mit dem ersten Album "Digital ist besser" gelang der Band der Durchbruch, es folgten elf weitere. Lowtzow ist weiterhin Mitglied des Duos Phantom/Ghost und schrieb für die Zeitschrift "Texte zur Kunst". 2015 komponierte und arrangierte er die Musik zu René Polleschs Oper "Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte". Heute lebt von Lowtzow in Berlin.

Dirk von Lowtzows Bücherregal ist weiß, dreiteilig und wird durch akkurate Bücherstapel hinter der Tür und auf dem Couchtisch ergänzt. Prominent mit dem Cover nach vorne arrangiert ist der Gedichtband "Zweifel" von Herbert Schuldt, weiterhin sind Werke von Hans Henny Jahnn zu sehen, viel Hubert Fichte, natürlich Thomas Bernhard, Truman Capote und gleich drei Bücher zu Yves Saint Laurent - dem Modemacher ist in von Lowtzows Buchdebüt der Buchstabe "Y" gewidmet: "Aus dem Dachsbau" ist eine Art Enzyklopädie mit kurzen, oftmals autobiografischen Texten zu alphabetisch angeordneten Stichworten.

SPIEGEL ONLINE: Herr von Lowtzow, nach welchem System sortieren Sie Ihre Bücher?

Dirk von Lowtzow: System? Es gab mal eines. Auf der rechten Seite stand Literatur, auf der linken Seite die Kunstbücher. Aber mittlerweile hat sich alles vermischt. Ich bin jetzt dazu übergegangen, mehr E-Books zu lesen. Ich lese gern im Dunkeln, und so ein E-Book ist ja seine eigene Lichtquelle. Und mit einem E-Book kann man sich schön unter die Decke krümeln. Sonst werden einem immer die Arme so kalt.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die ersten Erwachsenenbücher, die Sie im Elternhaus in der badischen Provinz gelesen haben?

von Lowtzow: Bestimmt irgendetwas Altkluges, um damit anzugeben. Aber als ich ungefähr zehn, zwölf Jahre alt war, habe ich Fantasy und Science-Fiction für mich entdeckt. "Der Herr der Ringe" von Tolkien wurde damals das erste Mal ins Deutsche übersetzt. Davon ausgehend habe ich dann auch viele Fantasyfilme gesehen. "Conan der Barbar" mit Arnold Schwarzenegger zum Beispiel - das fand ich geil!

Arnold Schwarzenegger als Conan
imago/Prod.DB

Arnold Schwarzenegger als Conan

SPIEGEL ONLINE: Warum?

von Lowtzow: Fantasy ist perfekt für eine Zeit, in der man noch mit einem Bein in der Kindheit steht und mit dem anderen raus will, in bizarrere Erwachsenenwelten wie Trash und Pulp. Fantasy ist so gewaltverherrlichend, das hat mich stark fasziniert. Zudem war es ein gutes Mittel, um sich von Eltern und Alt-68er-Lehrern abzugrenzen. Jemand wie "Conan"-Autor Robert E. Howard wurde von denen gehasst, weil seine Werke eigentlich kryptofaschistoid sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja als Musiker bekannt geworden, schreiben bei Tocotronic die Songtexte. Was bewog Sie, das Buch "Aus dem Dachsbau" zu schreiben?

von Lowtzow: Die ersten Texte habe ich nur für mich geschrieben, als Leitfaden für das letzte Tocotronic-Album "Die Unendlichkeit". Dessen zentrales Stück "Unwiederbringlich" erzählt die Geschichte des frühen Todes eines engen Freundes. Als ich das schrieb, fiel mir auf, wie gerne ich ihm noch längere literarische Texte widmen würde, weil es ein traumatisierendes Erlebnis war, ihn so früh sterben zu sehen. Er spukt noch oft in meinem Kopf herum. Ich träume oft von ihm. Das fand ich einen schönen Ausgangspunkt für ein Buch.

Von Lowtzow (rechts) mit Band Tocotronic
DPA

Von Lowtzow (rechts) mit Band Tocotronic

SPIEGEL ONLINE: Auf Platten haben Sie die ganz direkte Ebene trotzdem immer vermieden. Jetzt nennen Sie Namen. Nicht nur den des verstorbenen Freundes - Alexander -, sondern auch den einer Frau - Jutta. Was hat Sie dazu bewogen, so konkret zu werden?

von Lowtzow: Als Teil von Tocotronic stelle ich die Songs zur Abstimmung. Wenn es allzu privat würde, würden meine Bandkollegen abwinken. Schon bei "Unwiederbringlich" haben wir sehr lange diskutiert, ob das jetzt die Grenzen der Diskretion sprengt, oder nicht. Auch im Buch war es mir wichtig, die Texte so zu bauen, dass ein Schwebezustand entsteht zwischen Diskretion und Offenheit. Ich wollte nicht einfach aus dem Nähkästchen erzählen, nicht weil ich mich schämen würde, sondern einfach weil das Buch kein Anekdotenschatzkästlein sein sollte.

SPIEGEL ONLINE: Was waren ihre Vorbilder beim Schreiben?

von Lowtzow: Ich will mich da mit niemanden vergleichen, aber es gibt einige Literatur in Deutschland, die in der Realität verhaftet ist, aber ihre spukhaften Momente besitzt. Bei Peter Weiss etwa " Abschied von den Eltern" oder "Fluchtpunkt". Auch Walter Benjamin erzählt in seiner "Berliner Kindheit um 1900" immer spukhaft, fast E.T.A. Hoffmann-mäßig aus dieser Zeit. So etwas mochte ich immer. Ich nehme selbst die Wirklichkeit so wahr. Ich sehe oft das Unheimliche im Alltag.

SPIEGEL ONLINE: Wann denn zum Beispiel?

von Lowtzow: Wenn ich ein Hotelzimmer betrete und nicht genau weiß, was mich dort erwartet. Dann prüfe ich: Gibt es irgendwelche Spuren? Wohin gehen die Kabel? Was ist das für ein komischer Teppich? So in etwa. Ich laufe auch viel herum, das kommt in dem Buch ja auch zum Ausdruck. Ich bin Spaziergeher. Geh' meinen Gedanken nach und führe Selbstgespräche. Die an sich schaffen schon eine gewisse Unwirklichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Selbstgespräch für Sie eine Flucht aus der Einsamkeit, die man erlebt, wenn man frei arbeitet?

von Lowtzow: Es ist sicher auch eine Methode, um Panik vorzubeugen in Situationen, in denen man einsam ist, oder dieses Gefühl hat, da gibt es einen Abgrund, oder man weiß gerade nicht, wie soll man diesen Tag strukturieren. Wenn man Angstattacken hat, rät einem jeder: Gehen Sie und reden Sie. Walk and Talk. Aber wenn man mit sich selbst redet, ordnet man die eigenen Gedanken auch für kommende Gespräche.

SPIEGEL ONLINE: Sie schildern, wie Sie versuchen, der Einsamkeit zu entfliehen, indem Sie ausgerechnet in abgelegene Kurhotels reisen.

von Lowtzow: Ja. Bad Schandau! Ich bin eine Zeit lang oft mit dem Zug zwischen Prag und Berlin hin- und hergefahren, was an sich schon recht lustig ist, da der so altmodisch ist. Im Bordrestaurant wird noch richtig gekocht! Da ist mir immer dieses große Belle epoque-artige Kurhotel auf der anderen Seite des Flusses aufgefallen. Irgendwann bin ich ausgestiegen und geblieben. Rund um Bad Schandau liegt die Sächsische Schweiz, eine märchenhafte, Fantasy-artige Landschaft. Solche Orte findet man sonst nur in der tatsächlichen Schweiz.

Hotel Waldhaus in Sils-Maria
imago

Hotel Waldhaus in Sils-Maria

SPIEGEL ONLINE: Etwa das legendäre Waldhaus in Sils-Maria…, das Max Frisch, Thomas Mann oder Kurt Tucholsky schätzten.

von Lowtzow: Da würde ich sehr gerne hin, aber das ist trotz des lang anhaltenden Erfolges im Musikbusiness - so ehrlich kann ich sein - nicht meine Preisklasse.

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Dirk von Lowtzow:
Aus dem Dachsbau

Verlag Kiepenheuer & Witsch; 192 Seiten; 20 Euro

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SPIEGEL ONLINE: Dem Buch lässt sich auch entnehmen: Sie sind ein Perfektionist und Ordnungsfanatiker. Ein ganzes Kapitel über Kalkablagerungen!

von Lowtzow: Kalk ist ein sehr schönes Wort. Es klingt schon so bedrohlich, man denkt an "verkalkt" oder "Das Kalkwerk" von Thomas Bernhard. Die Zersetzung des Lebens muss bekämpft werden! So entsteht dann ein Putzfimmel. Aber natürlich ist das total hysterisch und verrückt.

SPIEGEL ONLINE: Cola kommt im Buch prominent als ihr Lieblingsgetränk vor. Über Cola weiß man auch: Sie ist ein guter Entkalker. Man kriegt mit Cola verstopfte Toiletten wieder frei!

von Lowtzow: Also, bevor ich die ins Klo kippe, trinke ich sie lieber.

(Dirk von Lowtzow schenkt sich nun ein weiteres Glas Cola Zero ein.)

SPIEGEL ONLINE: Cola durfte man als Kind ja nicht trinken. Überhaupt fußen viele Dinge, die im Buch Erwähnung finden - Fantasy-Literatur, Comics, und eben Cola - auf der Idee, sich gegenüber den Eltern abzugrenzen: Sie sind also Kind geblieben.

von Lowtzow: Ja, natürlich. Das nennt man Renitenz. Ich bin ja auch Rockmusiker!

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