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Nach Einreiseverbot: Trojanow erneuert in New York Vorwürfe gegen USA

Von Tomasz Kurianowicz, New York

Autor Trojanow: "Nicht jeder hat so viel Glück wie ich" Zur Großansicht
DPA

Autor Trojanow: "Nicht jeder hat so viel Glück wie ich"

Im Oktober wurde ihm noch die Einreise in die USA verweigert, jetzt durfte der Schriftsteller Ilija Trojanow doch ins Land. Bei einer Diskussionsrunde in New York wiederholte er den Verdacht, dass er wegen seiner NSA-Kritik bestraft werden sollte.

Beim zweiten Mal hat es nun endlich geklappt: Ilija Trojanow ist in den Vereinigten Staaten angekommen. Am Donnerstagabend sitzt er entspannt bei einer Diskussionsrunde im Goethe-Institut in New York und spricht mit der Journalistin Liesl Schillinger und der amerikanischen PEN-Präsidentin Suzanne Nossel über "Surveillance and the naked new world".

Noch im Oktober wollte der Schriftsteller eine Germanisten-Konferenz in Denver besuchen, als man ihm bei einem Zwischenstopp in Brasilien mitteilte, dass er amerikanischen Boden nicht betreten dürfe. Anschließend erklärte er, was er für die Gründe der Demütigung hält: sein Engagement gegen die NSA und einen offenen Brief an Angela Merkel, in dem er die Kanzlerin aufforderte, dringend etwas gegen die von Edward Snowden aufgedeckten Spähmechanismen zu tun. Das Goethe-Institut und der internationale Schriftstellerverband PEN hatten sich daraufhin für Trojanow eingesetzt und schließlich eine Aufhebung des Einreiseverbots bewirkt.

Und was war die Motivation der amerikanische Diplomaten? Trojanow, der 1965 in Bulgarien geboren wurde, 1971 nach Deutschland auswanderte und jetzt einen deutschen Pass besitzt, kann nur spekulieren. "Ich habe einen Anruf von der amerikanischen Botschaft bekommen. Man hat mir gesagt, man dürfe mir die Motive aus rechtlichen Gründen nicht nennen." Für den Schriftsteller, der mit der Autorin und Juristin Juli Zeh 2009 das Buch "Angriff auf die Freiheit" verfasste, liegen die Dinge auf der Hand: Wer sich mit dem amerikanischen Geheimdienst anlege, werde auf eine schwarze Liste gesetzt. "Ich hatte das Glück, dass sich die Medien für meinen Fall interessierten. Wegen des Drucks haben die amerikanischen Behörden das Einreiseverbot zurückgezogen. Aber nicht jeder hat so viel Glück wie ich."

Monster und Job-Maschine

Sowohl Trojanow als auch Suzanne Nossel vom PEN-Club bestätigen, dass Schriftsteller, die sich kritisch mit den Praktiken der NSA beschäftigten, immer häufiger Probleme bei der Einreise bekämen - aus willkürlichen Gründen.

Doch für Trojanow steht mehr auf dem Spiel als seine persönliche Reisefreiheit. Er sorgt sich um die westlichen Demokratien, deren Bürgerrechte mit Füßen getreten werden. "Jeder, der ein Handy besitzt, jeder, der im Internet surft, wird ausspioniert. Die Regierung kennt keine Grenzen im Überwachen. Wir müssen von unseren Politikern verlangen, dass sie den rechtlichen Rahmen neu bestimmen und öffentlich diskutieren, was Geheimdienste tun dürfen und was nicht." Viele Bürger seien sich der Gefahr nicht bewusst, weil digitale Spähaktionen unbemerkt am Computer stattfänden. "Während man in kommunistischen Ländern Abhöraktionen mit viel personellem Aufwand durchführen musste, reichen heute ein per Mausklicks."

Der Autor zeigt sich vor allem wegen des Desinteresses in den USA besorgt. Während die Deutschen aufgrund ihrer Vergangenheit mit Gestapo und Stasi die Gefahren eines aufgeblähten und ungebändigten Kontrollapparats abschätzen könnten, ließen sich die Amerikaner von Politikern, die ihre Abhöraktionen mit einem "Krieg gegen den Terror" rechtfertigten, leichtgläubig manipulieren. Hier dreht Trojanow auf: Er sieht erschütternde Parallelen zwischen den Praktiken der Stasi und der NSA, einem "Staat im Staat". "In den fünfziger Jahren war die Stasi eine relativ kleine Organisation. Die wurde dann in den achtziger Jahren immer größer und größer, bis sie zu einem unkontrollierbaren Monster mutierte, das nebenbei eine kostspielige und ineffiziente Job-Maschine war." Das drohe den USA jetzt auch.

In Deutschland seien sich zwar die Bürger dieser Gefahren bewusst, im Parlament jedoch herrsche Duckmäuserstimmung. Besonders hart geht der Schriftsteller mit der deutschen Regierung ins Gericht. Angela Merkel habe seine Protestbriefe nicht beantwortet; ihre harsche Reaktion nach der Handy-Abhöraktion hält er für scheinheilig.

Als sich Trojanow jetzt so missfällig über die Kanzlerin äußert, schaltet sich Peter Wittig, der im Saal sitzende deutsche Botschafter bei den Vereinigten Nationen ein. Er versichert, dass ernste Bemühungen unternommen würden, um die internationale Gemeinschaft zur Verabschiedung neuer Gesetze zu bewegen. Doch das überzeugt Trojanow nicht. Er spricht vom Gegenteil. "Gerade jetzt, während der Koalitionsverhandlung in Deutschland, fordert unser Innenminister, dass der Bundesnachrichtendienst ähnliche Befugnisse bekommt wie die NSA. So nach dem Motto: Was die haben, wollen wir auch."

Doch was sind die Grenzen der Freiheit? Wo hört Sicherheitswahn auf und fängt Nachlässigkeit an? Davon spricht Trojanow nicht. Stattdessen plädiert er für Bürgerinitiativen, eine Neujustierung der Gesetze und eine Einschränkung der geheimdienstlichen Rechte. Und bis es dazu kommt, müsse der kritische Umgang mit sozialen Netzwerken, Telefonen und E-Mails geschärft werden. "Meine 17-jährige Tochter weiß sehr genau, dass sie sehr vorsichtig sein muss, wenn sie ins Handy spricht. Ihr ist völlig klar: Es hört immer jemand mit."

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1. ...es wirkt...
prisma-4d 14.11.2013
den Jungen ist schon bewußt das sie keine Komunikationsfreiheit mehr haben...und arrangieren sich damit. Jetzt müssen nur noch die Alten die gleiche erkenntnis haben. Warscheinlich müssen erst die ganzen Cloud-Dienste pleite gehen... der Mobilfunk (iphone) -Absatz einbrechen... das Internet zu einer kompletten Schmuddel-Virus-Bäh-Ecke werden in der sich kein zahlungskräftiger aufrechter Bürger mehr traut. Erst dann wachen auch die Politiker auf. Lieber islamistischer Terror... ich bewundere euch... wenn es so weiter geht dann habt ihr den Ungläubigen den größtmöglichen Schaden zugefügt.
2. da hat Trojanow ja nochmal Glück gehabt,daß er
analyse 14.11.2013
entspannt in den USA Interviews geben konnte: Nach China wäre er ja gar nicht erst eingereist !Aber mit seiner einseitigen Kritik trägt er mit dazu bei,daß im Endkampf um die Macht Diktaturen als Sieger hervorgehen.Mit Entspanntheit und offener Kritik ist es dann vorbei !Zu seiner Bemerkung über die Deutschen:Gemessen an der riesigen Medienempörung über die NSA regen sich die Deutschen genausowenig auf wie andere,und dasd wird ja auch von unseren Medien heftig beklagt !Vielleicht ist sogar die Erfahrung aus Nazi-Zeit und DDR der Grund:Wer das erlebt hat,empfindet die NSA-Aktivität als harmlos ! Immerhin führt auch die überbordende Medienempörung zu dem seltsamen Urteil: "War das doch in der DDR dagegen gemütlich",oder Orwell ist Übertroffen ! Und stellen Sie sich vor,Herr Trojanow:Es gibt in Deutschland die Möglichkeit solche Statements abzugeben,und etliche Foristen tun es sogar !So absurd solche Statements sind:ich werde mich immer dafür einsetzen,das das erlaubt ist ! Frage:Haben Sie mal Orwell 1984 gelesen ? Dann erfreuen Sie sich an Ihrer Freiheit in den USA !
3.
gog-magog 14.11.2013
Zitat von sysopDPAIm Oktober wurde ihm noch die Einreise in die USA verweigert, jetzt durfte der Schriftsteller Ilija Trojanow doch ins Land. Bei einer Diskussionsrunde in New York wiederholte er den Verdacht, dass er wegen seiner NSA-Kritik bestraft werden sollte. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/diskussion-in-new-york-trojanow-zu-einreiseverbot-und-nsa-a-933493.html
Respekt vor Herrn Trojanows Mut, die Dinge anzusprechen, wie sie nun mal sind, auch wenn des den Partei- und Überwachungsschergen nicht gefällt. Weiter so, Herr Trojanow. Das Volk ist auf Ihrer Seite bis auf ein paar Hanswürste, die immer noch glauben, es ginge um den Krieg gegen den Terror.
4.
libertarian2012 14.11.2013
Ich finde es entsetzlich wie unkritisch seine Behauptungen bzgl seiner Situation übernommen werden. Dabei stellten sich beim sog. "Einreiseverbot" eine Reihe von Fragen. Hatte er zum Beispiel überhaupt ein entsprechendes Visum beantragt? Wenn ja welches und wann? Natürlich gibt es das Visa Waiver Programm zwischen dem USA und Deutschland. Das heißt aber nicht dass man damit in Amerika zur Arbeit fliegen kann (gilt auch für Auftritte auf Kongressen). Und schon gar nicht über drittländer - er kam ja glaube ich aus Brasilien wenn ich mich recht entsinne. Sieht für mich nach einer provozierten Abfuhr aus um danach einen auf dicke Hose als "Dissident" machen zu können.
5.
gog-magog 14.11.2013
Zitat von analyseentspannt in den USA Interviews geben konnte: Nach China wäre er ja gar nicht erst eingereist !Aber mit seiner einseitigen Kritik trägt er mit dazu bei,daß im Endkampf um die Macht Diktaturen als Sieger hervorgehen.Mit Entspanntheit und offener Kritik ist es dann vorbei !Zu seiner Bemerkung über die Deutschen:Gemessen an der riesigen Medienempörung über die NSA regen sich die Deutschen genausowenig auf wie andere,und dasd wird ja auch von unseren Medien heftig beklagt !Vielleicht ist sogar die Erfahrung aus Nazi-Zeit und DDR der Grund:Wer das erlebt hat,empfindet die NSA-Aktivität als harmlos ! Immerhin führt auch die überbordende Medienempörung zu dem seltsamen Urteil: "War das doch in der DDR dagegen gemütlich",oder Orwell ist Übertroffen ! Und stellen Sie sich vor,Herr Trojanow:Es gibt in Deutschland die Möglichkeit solche Statements abzugeben,und etliche Foristen tun es sogar !So absurd solche Statements sind:ich werde mich immer dafür einsetzen,das das erlaubt ist ! Frage:Haben Sie mal Orwell 1984 gelesen ? Dann erfreuen Sie sich an Ihrer Freiheit in den USA !
Stimmt. China ist eine Diktatur, die Kritiker nicht einreisen läßt. Weshalb durfte er doch gleich nicht in die USA einreisen? Das ist schon eine Krude Argumentation. Das Gegenteil ist der Fall: mit seiner Kritik fordert er Demokratie ein und kämpft gegen die Diktatur. Und von was für einem "Endkampf" faseln Sie da? Die Demokratie und die Freiheit muss jeden Tag verteidigt werden und zwar nicht durch deren Abschaffung. Das Gegenteil ist der Fall. Wer das erlebt hat, weiß dass die Stasi Pipifax war gegen die NSA. In der DDR waren die Bürger letztlich nicht kontrollierbar, heute sind sie es. Seltsam ist allenthalben, das nicht zu erkennen. Selbst Orwell konnte sich das wohl nicht ausmalen, haben Sie ihn gelesen? Es gibt keine Freiheit in den USA, denn Freiheit heißt, dass jemand nicht überwacht wird, der keine Straftat begangen hat und gegen den kein diesbezüglicher Gerichtsbeschluss vorliegt.
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