Diskussion um Nobelpreis "Trotz allem geht es um Literatur"

In den internationalen Zeitungen wird die Vergabe des Literaturnobelpreises an Harold Pinter kontrovers diskutiert. Die Urteile reichen von überschwänglicher Begeisterung ("Respekt, Stockholm!") bis zu harscher Kritik an der Schwedischen Akademie.


Hamburg - Überwiegend skeptisch bis ablehnend haben die führenden schwedischen Zeitungen am Freitag die Vergabe des Literaturnobelpreises an den britischen Dramatiker Harold Pinter, 75, kommentiert. "Die Akademie ehrt mit Pinter eine vergangene Zeit. Sie vergibt den Preis für etwas, was schon Theatergeschichte geworden ist", kommentierte "Svenska Dagbladet". Das Blatt verweist darauf, dass der Nobelpreis in den letzten zehn Jahren vier Mal an Dramatiker vergeben wurde: "Es ist unbegreiflich, warum man wieder mal an der Poesie vorbeigegangen ist."

Preisträger Pinter: Lob und Unverständnis
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Preisträger Pinter: Lob und Unverständnis

"Dagens Nyheter" nennt die Entscheidung für Pinter "ebenso kontrovers wie letztes Jahr für Elfriede Jelinek". Das Blatt schreibt: "In Pinters großen Stücken geht es hart und roh und machomäßig zu. In denen von Jelinek geht es hart und roh und feministisch zu." Mit Blick auf Pinters politisches Engagement gegen den US-Einsatz im Irak oder zur Verteidigung des früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic schreibt die Zeitung: "Es besteht das Risiko einer politischen Überinterpretation. Die wäre falsch. Trotz allem geht es beim Nobelpreis um Literatur."

Die größte schwedische Zeitung "Aftonbladet" meinte: "Pinter ist ein ausgezeichneter Dramatiker. Aber es gibt mehr, die wirklich Neues geschaffen haben. Nichts gegen Pinter. Aber man hätte ganz bestimmt eine spannendere Wahl treffen können."

In der Zeitung "Expressen" lobte der schwedische Romancier und Dramatiker Per Olov Enquist, 71, Pinter als den "interessantesten und besten lebenden Dramatiker der Welt". Enquist meinte zu der "stark überraschenden" Vergabe des Nobelpreises an den Briten: "Das scheint mir eine wichtigsten und besten Entscheidungen der letzten zehn Jahre gewesen zu sein." Pinter sei ein "großartiger Sprachkünstler", er habe die Sprachkonventionen des Theaters verändert. Zu Pinters politischem Engagement schrieb Enquist: "Dass Pinter ein mutiger und sich offen ausdrückender homo politicus ist, macht die Sache nicht schlechter."

Der "Tages-Anzeiger" aus Zürich kritisierte die Schwedische Akademie: "Es ist eine merkwürdige Wahl. Der britische Dramatiker hat seine große Zeit lange hinter sich, und richtig groß war sie auch nicht. Längst hat er seinen Platz in der Theatergeschichte eingenommen: als kleiner, harmloser Bruder von Beckett, seinem Vorbild - und Vorgänger als Nobelpreisträger. (...) Die seltsamen, anfechtbaren, ja grotesken Entscheide häufen sich, die Liste der großen Übergangenen wird immer länger."

Auch die niederländische Zeitung "de Volkskrant" ist nicht zufrieden: "Das Nobelpreis-Komitee hat in der Vergangenheit gezeigt, dass es auch die gesellschaftliche Rolle der Literatur, das geschriebene Gewissen der Autoren, würdigen will. Dafür ließen sich zahlreiche gegenwärtige Autoren nennen. Aber das sind Prosa-Schreiber oder Dichter, sogar Essayisten, aber keine Bühnenautoren. In dieser Woche wurde publik, dass die schwedische Akademie über die Wahl des vergangenen Jahres uneins war. Es scheint daher, dass die Wahl Harold Pinters ein Kompromiss gewesen ist: An sich kaum angreifbar, aber einer wirklichen Entscheidung wird aus dem Weg gegangen."

Kritisch äußerte sich auch der italienische "Corriere della Sera": "Ein politischer Nobelpreis an einen Guru der Vergangenheit. Pinter hat den Ängsten der Nachkriegszeit eine Stimme verliehen, aber jetzt ist er zum Gefangenen seiner eigenen Figuren geworden".

Positiver bewertete die konservative "Presse" aus Wien die Preisvergabe an Pinter, kritisiert jedoch die Begründung der Akademie: "Harold Pinter wird sehr spät geehrt." Zudem sei die Begründung "gelehrtes Geschwätz".

Für die Londoner "Times" gab es indes zwei Möglichkeiten, wieso die schwedische Akademie sich für Pinter entschieden haben könnte. Zum einen könne sie einfach festgelegt haben, dass "2005 der ideale Zeitpunkt war, einen Mann zu ehren, dessen charakteristische Werke Ende der fünfziger Jahre geschrieben" wurden. Die andere Möglichkeit sei, dass Pinter gerade der "größte und schärfste Speer war, mit dem das Nobel-Komitee Amerika ins Auge stechen konnte". Pinters jüngste Werke seien bekanntlich fast alle gegen die USA und gegen den Irak-Krieg gerichtet gewesen.

Andere Zeitungen bejubelten die Wahl Pinters. Die tschechische Tageszeitung "Lidove noviny" schrieb: "Harold Pinter ist ein genialer Dramatiker und ein Meister der Schreckensvisionen. Sicher steht Pinter in einer Reihe mit Kafka, Joyce und Beckett, aber trotzdem sind seine Texte unverwechselbar." Die "Salzburger Nachrichten" sehen in dem Dramatiker Pinter wegen seiner sozialpolitischen Haltung einen "idealen Kandidaten" für die Auszeichnung. "Respekt, Stockholm!"

Die französische Zeitung "France Soir" schrieb: "Pinter ist der König des Worts, das ins Schwarze trifft, und ein Mann der Repliken im Sinne eines Absurden, das dem seines großen Freundes Samuel Becket sehr nahe kommt."

Auch die "New York Times" begrüßte die Entscheidung der schwedischen Akademie: "Großes Theater, das unsere Sicht auf die Welt verändert, wirkt wie ein Virus. Harold Pinter ist der größte lebende Vertreter dieser Art von Theater. Zurecht wird er als Erbe jenes Mannes betrachtet, der sein Freund und Mentor war: der irische Dramatiker Samuel Beckett."



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