Teenager-Gangster unterwegs Morden kann er, sich gegen Kälte schützen nicht

In den Drogenlöchern von Los Angeles kennen sie sich aus, doch von der Welt wissen sie wenig: Im Auftrag ihrer Bosse reisen vier Jung-Gangster ins US-Herzland. "Dodgers", ein großer Roman von Bill Beverly.

Gang-Tätowierung
AFP

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Was East weiß: Wie man die Junkies im Zaum hält, die zu ihm kommen, um Drogen zu kaufen. Wie man Männer mit einem Blick dazu bringt, ihre Knarre zu senken. Dass man keinen Plastiklöffel benutzt, um Heroin aufzukochen. Dass er sich um seine Alkoholiker-Mutter zu kümmern hat, auch wenn sie dasselbe nie für ihn getan hat.

East ist 15 Jahre alt, ein kleines Rädchen in einer großen Organisation, die Los Angeles mit Stoff versorgt. Jetzt verlässt er seine Stadt, vielleicht sogar sein Viertel, zum ersten Mal. In Wisconsin soll er einen Mann erschießen, einen Richter, der seinen Bossen gefährlich werden kann.

3000 Kilometer lang ist der Weg, und auf diesem Weg wird er lernen, dass er eigentlich verdammt wenig weiß über die Welt: Wie man sich gegen die Kälte schützt etwa. Wie man telefoniert, wenn man kein Handy hat. Oder was Waffen in Iowa kosten.

"Die Jungs kannten nur The Boxes, für sie gab es nichts anderes", so beginnt Bill Beverlys Debütroman "Dodgers", der bei seinem Erscheinen 2016 in den USA von der Kritik gefeiert wurde, seinem Autor Vergleiche mit J. D. Salinger oder Denis Johnson sowie mehrere renommierte Literaturpreise einbrachte.

Buchautor Bill Beverly
Olive Beverly

Buchautor Bill Beverly

The Boxes, das ist eine Siedlung irgendwo in L.A., hier sorgt East in einem Drogenhaus für Ordnung. Bis das Haus von der Polizei gewaltsam geräumt wird. Bei der Schießerei stirbt ein kleines Mädchen, und das Bild, wie ihr Blut in die Gosse rinnt, wird ihn den Rest der Geschichte verfolgen.

Der Roman beginnt, als wolle Beverly die schwarzen Dealer aus der TV-Serie "The Wire" von ihren Plätzen an den Straßenecken holen und auf einen Road Trip quer durchs Land schicken. Mit East machen sich drei weitere Jungs in einem unauffälligen Wagen auf den Weg nach Osten, keiner ist älter als 20, der Jüngste, Easts Halbbruder Ty, sogar erst 13 und eine tickende Zeitbombe.

Enormes Gespür für jugendliche Posen

Beverly erzählt sehr dicht an seiner Hauptfigur, lässt den Leser die Bedrohlichkeit dieser Situation spüren, die sich weniger aus der Aufgabe ergibt, einen Mord zu begehen, sondern aus der Entfremdung, die East dem Land gegenüber empfindet. Die fast unendlichen Weiten, die die Jungs durchqueren, halten kein Versprechen von einem besseren Morgen bereit, sondern wirken bedrohlich. Man kann in ihnen verloren gehen und wird irgendwann nicht mehr wissen, wo sein Platz in dieser Welt ist.

East ist ein Verlorener, und nachdem fast alles schief gelaufen ist, was schief laufen kann, findet er sich allein auf einer Landstraße wieder. Ein Junge, der zum Mörder wurde, der keine Straßenkarte lesen kann und nicht einmal weiß, was Sternbilder sind. Ein Drifter ohne Orientierung und ohne Ziel in einem Land, das keine Verwendung für ihn zu haben scheint.

"Die Hölle dauert ewig", sagt er einmal, und dass die Welt sowieso mache, was sie will. Aber irgendwie findet er immer wieder die Kraft aufzustehen, den nächsten Schritt zu machen, und natürlich ist diese unendlich traurige und manchmal überraschend komische Reise ins amerikanische Heartland nicht nur eine Coming-of-Age-Geschichte, sondern auch die Bestandsaufnahme des Zustands eines Landes. Auch wenn Beverly die Idee für das Buch lange vor Donald Trumps Präsidentschaft hatte: Wer die USA von heute verstehen will, muss dieses Buch lesen, das einen verfremdeten Blick auf den amerikanischen Patienten wirft und gerade deshalb von kristalliner Klarheit ist.

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Bill Beverly:
Dodgers

Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog

Diogenes, 400 Seiten, 24 Euro

Beverly besitzt enormes Gespür für seine jugendlichen Helden. Für ihre Rituale und Attitüden. Für ihre Posen und was sich hinter ihnen verbirgt, ihre Einsamkeit und Ängste. Er schreibt meisterhafte Dialoge, hat ein Ohr für Soziolekte wie sonst fast nur George Pelecanos und Richard Price, zwei andere weiße Autoren, die regelmäßig über Afroamerikaner schreiben. Und die ebenso wie Beverly schwer ins Deutsche zu übertragen sind, was ihren mäßigen Erfolg hierzulande erklären mag.

Hans M. Herzog, der unter anderem Jay McInerney, John Irving und Russell Banks übersetzt hat, ist an "Dodgers" gescheitert. Weil er zwar keine Fehler macht, aber sich zu selten traut, das richtige und gute Deutsch zu verlassen und umständlich wird, wo Beverly knapp und präzise und poetisch ist. Der Roman ist stark genug, dass seine Klasse auch durch den Schleier der Übersetzung dringt; seine tatsächliche Größe erfährt aber nur, wer das Original liest.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Knossos 02.10.2018
1. Sehr unterschiedlich gewachsene Geschwister
Liegt es vielleicht an dem, wie mir scheint, grundsätzlichsten Unterschied zur deutschen Sprache? Letztere ist Weltmeister in semantischer Präzision, Komposition und Prägnanz. Englisch wiederum ist eine ausgesprochen lyrische Sprache, deren oft vielfach besetzte Begriffe berückende Viel- und Doppeldeutigkeit erlauben, welche auch auf eine eigene Knappheit des Ausdrucks hinausläuft. Zusammen mit der Spezifik lokaler Metaphern und Analogien dürfte es an Unmöglichkeit grenzen, amerikanischen Slang unversehrt in andere Sprachen zu übertragen. Von daher wäre in der Sache vielleicht ein Stellungstausch zwischen Reportage- und Literaturübersetzung naheliegend. In übersetzter Dokumentation und Interview sind laufend große Übertragungsfreiheiten bis zur Sinnentstellung zu hören und zu lesen. Hier wäre höhere Präzision sicher sinnreich, während in der Übersetzung lokaler Diktion vielleicht mehr Abweichung in Struktur und Terminologie nötig ist, um Atmosphäre zu übertragen.
layDiLike 02.10.2018
2.
Dann warten wir wohl alle auf eine gelungene Verfilmung - mit Untertiteln, wenn die Übersetzung auch hier „nichts für uns tut“. Weder atmosphärisch noch literarisch.
meresi 05.10.2018
3. Danke
Zitat von KnossosLiegt es vielleicht an dem, wie mir scheint, grundsätzlichsten Unterschied zur deutschen Sprache? Letztere ist Weltmeister in semantischer Präzision, Komposition und Prägnanz. Englisch wiederum ist eine ausgesprochen lyrische Sprache, deren oft vielfach besetzte Begriffe berückende Viel- und Doppeldeutigkeit erlauben, welche auch auf eine eigene Knappheit des Ausdrucks hinausläuft. Zusammen mit der Spezifik lokaler Metaphern und Analogien dürfte es an Unmöglichkeit grenzen, amerikanischen Slang unversehrt in andere Sprachen zu übertragen. Von daher wäre in der Sache vielleicht ein Stellungstausch zwischen Reportage- und Literaturübersetzung naheliegend. In übersetzter Dokumentation und Interview sind laufend große Übertragungsfreiheiten bis zur Sinnentstellung zu hören und zu lesen. Hier wäre höhere Präzision sicher sinnreich, während in der Übersetzung lokaler Diktion vielleicht mehr Abweichung in Struktur und Terminologie nötig ist, um Atmosphäre zu übertragen.
für die kurze aber sehr informative Ausführung zum Thema Übersetzungen. Auf den Punkt getroffen. Vor allem was die lokalen Metaphern, Analogien und den amerikanischen Slang im Besonderen betrifft. Da reichen in diesem Lande oft nur 150 Meilen um mit einem lokalen Ausdruck von Michiana zB auf Unverständnis zu stoßen.
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