Dokumentation Die Dankesrede Assia Djebars


Frankfurt/Main - In ihrer Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels setzt sich die algerische Schriftstellerin Assia Djebar mit der Gewalt in ihrem Heimatland auseinander. Ihre Hoffnungen auf Frieden ruhten vor allem auf den algerischen Frauen, sagt die Schriftstellerin und Historikerin. Als Antrieb ihres Schreibens nennt sie den aus der berberischen Tradition ihres Landes stammenden Geist der "Unbeugsamkeit". Es folgen Auszüge aus ihrem Redemanuskript:

"Im Grunde geht es (...) um einen Vorbehalt, der weder bedacht noch rational ist, kurz, um ein 'Nein' des Widerstands, das manchmal in einem aufkommt, bevor der Verstand eine Rechtfertigung dafür gefunden hat. Ja, dieses dauerhafte innerliche 'Nein' (...) erscheint mir als Fundament meiner Persönlichkeit und meiner literarischen Dauerhaftigkeit. (...)

Beim Schreiben kenne ich nur eine Regel (...): nämlich zu schreiben, nur aus Notwendigkeit. Schreiben als ein Graben in die Tiefe, als Vordringen ins Dunkle und Ungewisse! Gegen etwas An- Schreiben, ein Schreiben im Widerspruch, in der Auflehnung (...). Dieses 'Gegen' ist zugleich ein 'Hin zu', das heißt, ein Schreiben der Annäherung, des Zuhörens, des Bedürfnisses nach Nähe... Es will menschliche Wärme einfangen, Solidarität, doch dieses Bedürfnis ist zweifellos utopisch, denn ich stamme aus einer Gesellschaft, wo die Beziehung zwischen Mann und Frau außerhalb der Familie von so viel Härte und Schroffheit geprägt ist, dass es einem die Sprache verschlägt!(...)

Mit oder trotz der so genannt 'fremden' Sprache musste ich an mein Land alle Fragen stellen (...) zu seiner Geschichte, seiner Identität, zu seinen Wunden, seinen Tabus, zu seinen verborgenen Schätzen und zur kolonialen Enteignung während eines ganzen Jahrhunderts. Dabei ging es nicht um Protest, nicht um Anschuldigungen. (...) Es ging lediglich um die Erinnerung, um diese Tätowierungen durch Revolte und Kampf. (...)

Mein Ziel war, die bleierne Stummheit der algerischen Frauen spürbar zu machen, die Unsichtbarkeit ihrer Körper, denn auch sie kehrte zurück, zusammen mit einer rückschrittlichen, nach außen abgeschotteten Tradition. (...)

Als ich mich wie eine Immigrantin in einer Vorstadt von Paris niederließ, hatte ich mir nicht vorgestellt, dass ich mich in den folgenden Jahren mit den Wechselfällen, den Entladungen, dem Wahnsinn und dann... mit der Gewalt und den tagtäglichen Morden befassen würde, wie wir sie in den Spalten der Tageszeitung lesen konnten und die das Gesicht meines Landes verzerrten! (...) Mitte Juni 90 (...) siegten die Fundamentalisten des FIS tatsächlich bei den Kommunalwahlen! Mein Traum von einem offenen, egalitären Islam, so schien es mir jetzt, war aus meinen Worten erstanden wie eine Sandburg! (...)

Wie soll ich von den acht Jahren des algerischen Wahnzustands sprechen, die folgten und auch in meinen Büchern Widerhall fanden? Wie von meinem Leben sprechen, das fortan dem Exil geweiht ist? (...)

Denn die Schrift, damit meine ich das Geschriebene in jeder Literatur ebenso wie jede Form von erleuchtendem Sprechen, teilt die Trauer oder das Verbrechen nicht einfach mit. Das Geschriebene ist ja keine wortreiche Inschrift auf einer Grabplatte, (...) Nein, das Schreiben, (...) ist ein Alarmsignal, ein Hilferuf (...). (...) Es ist die schwebende Zwiesprache mit dem Freund, auf den die Hacke niederging, in dessen Kopf die Kugel einschlug (...). Schreiben ist also ein Tanz mit Phantomen, und solange man selbst lebt, durchströmt einen das Bedürfnis zu erzählen als einziger Antrieb. (...)

Es gibt diese Kraft, die kaum sichtbar, ungreifbar und für die Tagesaktualität so uninteressant ist, mir scheint, dass sie mir Kraft gibt: die klare, zerbrechliche Kraft des Schreibens. Oder, in meinem Fall, das noch unerkannte, lastende Schweigen der Musliminnen, das vor diesem Schreiben liegt. (...)

Auf den Spuren dieses Koranverses werden die in Algerien lebenden Frauen durch ihre Leiden und durch ihre Rede der Wahrheit uns aus der Zwinge dieser schrecklichen Jahre befreien. Damit der Friede bald wiederkehrt, ein Friede der Gerechtigkeit und gegen das Vergessen, möchte ich heute diesen Friedenspreis (...) folgenden verstorbenen algerischen Schriftstellern widmen: dem Romanautor Tahar Djaout, dem Dichter Youssef Sebti und dem Dramatiker Abdelkader Alloula, die alle drei in den Jahren 93 und 94 ermordet wurden. Ich widme ihn auch dem ersten von uns Literaten aus dem Maghreb, Kateb Yacine, dem Dichter, Romanautor und Dramatiker, der 1989 starb. (...)"



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