Eine Beziehung scheitert Wenn aus der Ehe Krieg wird

In seinem Kurzroman "Auf immer verbunden" erweist sich der Italiener Domenico Starnone als unerbittlicher Analytiker einer Ehe, die an ihr Ende gekommen ist. Ein finsteres Vergnügen.

Paar im Streit (Symbolbild)
imago/Westend61

Paar im Streit (Symbolbild)


Die Geschichte ist nun wirklich nicht neu: Nach langen, in Gleichmaß und lustabtötender Routine zugebrachten Ehejahren verliebt sich ein Mann in den sogenannten besten Jahren in eine deutlich Jüngere. Er zieht aus, er lebt auf - und bringt damit sowohl die düpierte Ehefrau als auch die beiden bereits erwachsenen Kinder gegen sich auf.

US-Epiker wie Jonathan Safran Foer oder Dave Eggers hätten aus Derlei wahrscheinlich ein 600-seitiges Untergangsgemälde geformt - angefüllt mit wendungsreichen Anekdoten über den schwierigen Umgang der Eheleute miteinander, gezeichnet vom jahrelang geführten Abnutzungskrieg.

Domenico Starnone
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Domenico Starnone

Anders Domenico Starnone. Denn der Italiener, der 2005 mit seinem Roman "Via Gemito" auch bei uns hervortrat, erweist sich als ein Novellist vom Schlage Theodor Storms oder Georg Büchners, der im Kleinen, in der verdichteten Miniatur, nach der großen Bedeutung forscht. Und sucht man in der italienischen Literatur nach Referenzen, so landet man unweigerlich bei dem frühverstorbenen Schriftsteller Beppe Fenoglio, der seine Themen auf ähnlich gedrängte Weise zwischen Buchdeckel presste.

Was die Landsleute darüberhinaus eint: Beide schrieben ihre Bücher aus einem besonderen Interesse an den Spätfolgen kriegerischer Auseinandersetzungen heraus. Fenoglio dichtete über die Auswirkungen des realen Kriegs und setzte versehrte Kriegsheimkehrer ins Bild, denen die Wiedereingliederung in den bürgerlichen Alltag nicht mehr gelingen will. Starnone lotet den zwar ungleich banaleren, aber oftmals nicht weniger folgenreiche familiären Kleinkrieg und die von ihm produzierten Eheopfern tiefenpsychologisch aus. Was ihn interessiert, ist das langsame gegenseitige Einander-Abtöten innerhalb einer Beziehung - das scheibchenweise Zerstören der Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte des anderen.

Persönliches Glück auf Kosten der anderen

"Du hast mich schon vor langer Zeit umgebracht, und zwar nicht nur in meiner Rolle als Ehefrau, sondern als Mensch in der Blüte seines Lebens", hält Vanda ihrem abtrünnigen Mann Aldo einmal schroff entgegen. Sie ist die große Verliererin in diesem Ehekrieg. Denn Aldo, der Scripts fürs Fernsehen schreibt, erweist sich als betont triebgesteuerter Eheausbrecher, der sich einfach nimmt, wonach es ihn verlangt - und sei es das persönliche Glück auf Kosten der anderen.

Es ist ein finsteres Vergnügen, Starnones Figuren dabei zuzusehen, wie jede für sich verbissen um jeden noch so bescheidenen Meter Recht und Anerkennung ringt, ohne darüber aber wirklich Land zu gewinnen. Starnone seziert seine Figuren wie ein Entomologe ins Krankhafte mutierte Insekten unterm Elektronen-Mikroskop - interessiert an jeder scheinbar noch so winzigen Verformung ihrer Wesen.

"Hab ich irgendwas falsch gemacht?" fragte sie.

"Nein, gar nicht."

"Was passt dir dann nicht?"

"Nichts, es ist bloß einige schwierige Phase."

"Du findest sie nur deshalb schwierig, weil du mich aus den Augen verloren hast."

"Ich hab dich nicht aus den Augen verloren."

"Doch, du siehst nur die Frau, die am Herd steht, die Wohnung in Ordnung hält und auf die Kinder aufpasst."

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Domenico Starnone:
Auf immer verbunden

Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt

Deutsche Verlags-Anstalt, 176 Seiten, 18 Euro

Gegliedert in drei Teile, kommen alle Beteiligten jeweils aus ihrer Sicht der Dinge zu Wort. Zunächst Vanda, die tiefe und oft schmerzvolle Einblicke in ihre Seelenlage als "abgelegte Frau" gibt. Anschließend Aldo, der - nachdem Lidia, seine Geliebte ihn verstoßen hat - sich kleinlaut wieder in die Beziehung zu Vanda einfügt, ohne aber wirklich zu ihr zurückzukehren. Und zuletzt die erwachsenen Kinder Anna und Sandro, die das Ganze abschließend so für sich bewerten: "Sie haben sich voreinander versteckt. Aber nicht, ohne sich zu drohen, den anderen jederzeit zu enttarnen."

Ja, durchaus eine mögliche Lesart der vorliegenden Geschichte, nämlich als kurze Chronik fataler Versteckspielerei.

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