Trump-Märchen "Pussy" Wenn der Alltag die Satire schlägt

Orangeblonde Mähne, überschaubares Vokabular - in seinem neuen Roman erzählt Howard Jacobson von einem machtgeilen Jüngling, der dem US-Präsidenten gleicht. Doch der Booker-Preisträger hat ein Problem.

Romanfigurvorbild Trump
AFP

Romanfigurvorbild Trump

Von Daniel-C. Schmidt, Washington


Ist man ganz oben auf dem Gipfel angekommen, wird die Luft bekanntlich arg dünn. So dünn, dass man allmählich verblödet. Das Hirn wird schlicht nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt.

Nicht viel anders ergeht es auch Prinz Fracassus, dem zweiten Sohn des Großfürsten der Republik Urbs-Ludus. Der Zögling mit der orangeblonden Mähne sitzt im 170. Stockwerk des Familienpalastes, und anstatt sein Hirn mit geistreichem Stoff zu durchfluten, um irgendwann den Thron des Vaters zu besteigen, lenkt der pornosüchtige Junge das Blut, das durch seine Adern fließt, lieber südwärts. Und wenn er nicht gerade Hand anlegt, starrt er auf den Fernseher.

Er liest nicht, schaut sich höchstens Comics an. Entsprechend überschaubar fällt sein Vokabular aus: "Fracassus fehlt es nicht nur an Worten", attestiert der hofeigene Doktor dessen besorgten Eltern, "er scheint mit ihnen auch irgendwie auf Kriegsfuß zu stehen."

Autor Jacobson
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Autor Jacobson

Es dauert nicht lange beim Blättern durch Howard Jacobsons neuen Roman "Pussy", bis der Leser die gewollten Parallelen zur Realität zieht: Fracassus, der dumme, verzogene, (macht)geile Jüngling ist in seinen kindlichen Zügen angelehnt an Donald Trump, obwohl dessen Name in diesem grotesken Märchen kein einziges Mal auftaucht.

Das braucht er auch gar nicht, die Bezüge sind ja eindeutig. Die Lieblingswebseite der Bewohner von Urbs-Ludus, die in einer ummauerten Welt aus Hochhäusern und Casinos leben, ist natürlich Brightstar, "Plattform für nativistischen, homophoben, konspirationsaffinen, völkischen Ethno-Nationalismus".

"Prostituierte" ist sein längstes Wort

Auf mehr als 250 Seiten begleitet der Leser den Kronprinzen beim Versuch, ein Mann von Weltstatur zu werden. Wie auch Trump entwickelt Fracassus dabei eine Leidenschaft für Immobiliengeschäfte, beginnt eine Männerfreundschaft mit dem Anführer einer Republik, der sich auf Fotos in der Natur gern oben ohne zeigt, und hat ein echtes Problem, Frauen mit Respekt zu begegnen. "Prostituierte war das längste Wort, das sie ihn je hatten sagen hören", stellt seine Lehrerin resigniert fest.

Jacobson findet großen Gefallen daran, dieses stolze Philistertum des Jungen auszuschmücken. "Er verstand sich selbst als vollkommen. Ununterrichtbar, weil es nichts gab, das er noch wissen musste - und sicherlich nichts, was diese Versager ihm je würden beibringen können - für das Leben, das er zu führen plante." Der britische Autor lässt sich etwas Zeit, bis er Fracassus, diesem zurückgebliebenen Kindskopf, das einzige Werkzeug in die Hand gibt, was dem modernen Neandertaler noch fehlt, um seine soziale Inkompetenz komplett abzurunden: einen Twitteraccount.

"Er war es gewohnt, mit einer Erektion zu erwachen, die er den Stunden zuschrieb, die er gerade in seiner eigenen Gesellschaft zugebracht hatte. An diesem Morgen allerdings erwachte er mit einem ungewohnten Gefühl: Als er sich seine Erektion besah, dachte er an jemand anderen. Riesenständer, twitterte er. Muss Liebe sein."

Inspiriert durch Zorn

Wenn jemand so viel Hass auf sich zieht wie Donald Trump, hat die Kunst mehrere Mittel, mit solch einer Figur umzugehen. Orwell schuf mit "Animal Farm" eine dystopische Metapher auf Stalins Regime, Chaplin wählte die brutale Slapstick-Überhöhung des Bösen in "The Great Dictator". Jacobson hingegen hat sich dafür entschieden, das Absurde ins Märchenhaft-Unwirkliche zu überführen. Stunden nach Trumps Wahlsieg, erzählte Jacobson dem "Observer" in einem Interview, habe er in einem "Zornesanfall des Unglaubens" mit dem Schreiben begonnen.

Innerhalb weniger Wochen lag das Manuskript von "Pussy" im Frühjahr 2017 beim Lektor vor, was durchaus bemerkenswert ist (die deutsche Übersetzung erscheint dieser Tage). Hier hat sich offensichtlich jemand seine ganze Verachtung für den ganzen Mangel an Stil und Intellekt, der da ins Weiße Haus eingezogen war, in aller Eile vom Leibe geschrieben.

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Howard Jacobson:
Pussy

Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass

Tropen bei Klett-Cotta, 272 Seiten, 16 Euro

Sprachlich ist daran rein gar nichts auszusetzen, stellenweise ist das Buch sogar sehr, sehr komisch. Nur schwingt immer der Gedanke mit, was dabei herausgekommen wäre, hätte ein Schriftsteller vom Range eines Howard Jacobson, der mit der Antisemitismus-Komödie "Die Finkler-Frage" 2010 den Man Booker Prize gewann, abgewartet und Zeit verstreichen lassen. Genauer beobachtet, sich länger Gedanken gemacht als die offensichtliche Absurdität bloß noch weiter auszupinseln.

Wie kann Satire mit dieser Wirklichkeit mithalten?

Das kann man selbstverständlich so machen. "Saturday Night Live" erntete im vergangenen Jahr gute Quoten, aber die Lacher fürs reine Weiterspinnen der Ereignisse in Washington sind inzwischen weitgehend vergessen. Mehr trugen zum Diskurs die Late-Night-Shows im US-Fernsehen bei: Wenn Trump sich über die Medien lustig machte, setzten sich Stephen Colbert, Seth Meyers, Samantha Bee, und Jimmy Kimmel mit den politischen Inhalten des Präsidenten auseinander. Und wenn Trump so tat, als interessiere er sich ernsthaft für politische Inhalte, machten sie sich über ihn lustig.

Die Realität sieht nämlich so aus: Da kommt ein offensichtlich politikdesinteressierter Reality-TV-Star daher, bewirbt sich mehr schlecht als recht um das Amt des US-Präsidenten, indem er über die Größe des Trump Towers in seiner Hose prahlt und nebenbei droht, seine Konkurrentin einzusperren, weil sie E-Mails von zu Hause statt aus dem Büro geschrieben hat. Satire mag alles dürfen. Das Leben aber erst recht.

Vielleicht ist eine Lehre aus dem Buch, dass eine überspitzte Wirklichkeit momentan nicht mithalten kann mit unserer verrückten Welt, weil sie von der tatsächlichen Wirklichkeit eingeholt wird, und das beinah täglich. Die Absurdität: grenzenlos. Wer andere Staaten als Dreckslöcher bezeichnet (auch wenn er das inzwischen abstreitet), wird für Satire zum unsinkbaren Schiff. Allzu märchenhaft ist daran nicht mehr viel.

Und die Würde, die die Präsidentschaft seinem Amtsinhaber verleiht? Es war einmal.

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