Hamburg - Sie kommt schleichend, aber sie kommt: die Erkenntnis von Lesern wie Verlagen, dass dem elektronischen Buch vielleicht nicht die ganze, wenigstens aber ein stattlicher Teil der Zukunft gehört. Das deutete sich nicht zuletzt an, als Amazon seine jüngsten Verkaufszahlen verkündete. Die überraschende Erkenntnis der Internethändler: Längst gingen im Hardcover-Segment deutlich mehr E-Books über den virtuellen Ladentisch als Print-Exemplare.
Eine Entwicklung, die auch Dorchester Publishing seit einer Weile zu spüren bekommt, ein zugegebenermaßen kleiner, aber traditionsreicher US-Verlag. Das 1971 gegründete Haus rühmt sich damit, Amerikas ältester unabhängiger Taschenbuchverlag zu sein. Bekannt ist Dorchester für Liebesromane. Und dafür, alte Krimis von Schriftstellern wie Stephen King unter der Marke "Hard Case Crime" mit knallbunten, trashig anmutenden Covern erfolgreich neu aufgelegt zu haben.
Doch selbst so große Namen konnten daran nichts ändern: Im vergangenen Geschäftsjahr fuhr Dorchester zum wiederholten Mal deutliche Verluste im stationären Handel ein. Weil in den Geschäften immer weniger Platz für Bücher eingeplant werde, lautete die Begründung, vor allem die Kette Wal-Mart habe sehr viel weniger geordert.
Die Probleme des Marktes machen selbst den großen Buchhändlern zu schaffen: Branchenprimus Barnes & Nobles erwägt ob der elektronischen Konkurrenz sogar einen Firmenverkauf. Dorchester hingegen versucht aus der Not eine Tugend zu machen und verkündete nebst seiner Jahreszahlen einen drastischen Schritt: den Rückzug vom Print-Massenmarkt.
Dorchester feiert eigene Pionierleistung
Weil das E-Book-Geschäft "bemerkenswert" gewachsen sei, zitiert das Branchenmagazin "Publishers Weekly" den Dorchester-Chef John Prebich. Und weil sich der Markt im kommenden Jahr noch einmal verdoppeln werde. Eine Prophezeiung, die auch Web-Apologet Nicolas Negroponte, Gründer des Media Lab am renommierten Massachussetts Institute of Technology (MIT), gerade erst wieder mit klaren Worten untermauerte: In fünf Jahren werde das E-Book das physische Buch weitestgehend verdrängt haben, sagte er auf einer Konferenz in der vergangenen Woche.
Fünf Jahre hätte Dorchester mit seinem alten Geschäftsmodell möglicherweise nicht mehr überlebt. Prebich mag die neue digitale Richtung des Verlags nun als Pionierleistung feiern, als wagemutigen Schritt, tatsächlich ist es aber eher ein Griff nach dem letzten Strohhalm. Sollte sich die Prognose für 2011 bewahrheiten, wird das gemeinsam mit den Einsparungen an Druckkosten und Löhnen - einige Mitarbeiter aus dem Verkauf wurden bereits entlassen - finanziell schon einiges ausmachen. So jedenfalls die Hoffnung.
Fraglich ist, ob jeder Autor damit einverstanden ist, plötzlich nur noch elektronisch zu erscheinen statt auf Papier; Gespräche laufen. Und so wirkt es wie ein Sicherheitsnetz, dass der Verlag zeitgleich mit seinem Abschied vom stationären Buchhandel eine Print-on-Demand-Kooperation eingegangen ist. Das Ausdrucken nach Bedarf war einst ein Weg, Möchtegern-Schriftstellern den Traum vom eigenen Buch zu ermöglichen. Dorchester versucht so offenbar, seine Clubmitglieder milde zu stimmen. Und auch für Einzelkäufer sollen weiterhin die Pressen angeworfen werden.
Mit seiner Umstellung könnte Dorchester womöglich als Vorbild dienen. Das "Wall Street Journal" vermutet, dass andere strauchelnde Kleinverlage diesen Weg nun ebenfalls einschlagen.
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