Dracula-Jubiläum: Sex ist was für Untote

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Die Sünde und das Außenseitertum liegen ihm im Blut. Doch "Dracula" ist mehr als nur ein Blutsauger, der Frauen an den Hals fällt. Der zum 100. Todestag von Bram Stoker neu aufgelegte Roman zeigt: Der Autor nahm große Errungenschaften der Moderne vorweg - und große Verbrechen.

Dracula: Die Nacht, der Biss, das Blut Fotos
ddp images

Jeder kennt den Namen Dracula, jeder dürfte einen der vielen Draculafilme gesehen haben. Wer aber weiß, wer Bram Stoker war? Wer hat seinen Roman "Dracula" gelesen? Der war schließlich die Grundlage für die popkulturelle Karriere des transsylvanischen Grafen - und doch nie ein richtiger Klassiker der Literatur. Es galt: Dracula mag untot sein. Der Roman über ihn war einfach nur tot.

Doch nicht nur Untote, sondern auch Schriftsteller verlassen gelegentlich ihre Gruft. Zu Stokers hundertstem Todestag am 20. April erscheint sein Buch nun in zwei neuen Übersetzungen. Eine ebenso überraschende wie willkommene Auferstehung.

Stoker selbst hat den Ruhm seiner Figur nicht erlebt. Zwar hatte "Dracula", sein 1897 erschienener, zwölfter Roman, mehrere Auflagen erreicht und wurde 1908 erstmals ins Deutsche übertragen. Seine ikonenhafte Popularität aber, die ihn zum Inbegriff des Vampirs und zu einem der Mythen des 20. Jahrhunderts werden lies, verdankte Stokers Antiheld nicht diesem Buch, sondern dem Kino.

1922 adaptierte F. W. Murnau den Roman in "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens", 1931 folgte "Dracula" mit Bela Lugosi in der Hauptrolle. Er gab dem Blutsauger sein Gesicht. Wer immer sich im 20. Jahrhundert mit dem Stoff auseinander gesetzt hat, bezog sich in irgendeiner Form auf Lugosis Interpretation. Angelegt war sie jedoch bereits bei Stoker. Der, 1847 in Irland geboren, war Jurist, Theaterkritiker und Impressario. Den von zahlreichen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts bearbeiteten Mythen um den rumänischen Grafen Vlad, genannt Dracula, gab er die endgültige, bis heute kanonische Form.

Gerade Stokers literarische Technik sorgt dafür, dass das Buch noch immer erstaunlich frisch wirkt: Er erzählte die Geschichte von Dracula aus der Sicht seiner Opfer und Verfolger als Abfolge von Tagebucheinträgen, Briefen und Zeitungsartikeln. Auch, wenn er dabei auf wirkliche Perspektivwechsel (der Vampir bleibt als Erzähler außen vor) oder bewusste Irreführung verzichtet, gibt ihm die, aus heutiger Sicht, filmisch wirkende Technik die Möglichkeit, die Handlung schnell und ohne allzu viele unnötige Übergänge und Kunstgriffe voranzutreiben.

Das Böse stirbt nie

So, wie sich Stoker in seiner Erzählweise bereits der Möglichkeiten bewusst war, die im frühen 20. Jahrhundert Autoren wie Alfred Döblin zur literarischen Blüte führen sollten, nutzen seine Romanfiguren die technischen Neuerungen. Und, ein seltsamer Widerspruch in einem zutiefst irrationalen Buch, sie verließen sich auf die planerische Vernunft der Jahrhundertwende. Gerade das machte die Vampirjäger dem Grafen überlegen. Mag der auch nahezu unsterblich sein, intellektuell war Dracula stets ein Mann von gestern.

Der Berliner Literaturwissenschaftler Peter-André Alt liest in seinem 2010 erschienen Buch "Die Ästhetik des Bösen" Bram Stokers "Dracula" deshalb auch als Sieg des technisierten Viktorianismus: "Der Vampir verkörpert eine Abspaltung des Menschen, jenen Restbestand aus Trieb und Bösem, der nicht schläft und niemals stirbt." Das Böse ist unsterblich - ein Skandal für die gesellschaftsreformerisch bewegte Zeit an der Wende zum 20. Jahrhundert. Die Libido des Vampirs ist eine Provokation für die viktorianische Gesellschaft. "Dracula" wirkt wie eine Exkursion ins kollektive Unterbewusste einer Epoche.

Die Motive in Bram Stokers Roman - die Nacht, der Biss, das Blut - erscheinen dabei als eine Sammlung von Metaphern, in denen es nur um einen Komplex geht: verdrängte Leidenschaften. Die viktorianische Prüderie bringt Mina Harker, Stokers hübsche Heldin, sogar dazu, sich zu fragen, ob es sittlich zu vertreten sei, wenn sie mit ihrem Ehemann Jonathan Arm in Arm durch London bummelt. Sex ist in "Dracula" nur etwas für Untote.

Nordisch wirkender Vampirjäger

Freuds Jahrhundert, das der Psychoanalyse, klingt bei Bram Stoker ebenso an wie das der ethnischen Säuberungen. Immerhin, hier macht sich ein nordisch wirkender, aus Holland angereister Vampirjäger namens Abraham van Helsing daran, den Menschheitsschädling samt Sippschaft auszurotten. Sein Monolog, der der Tötung des Untoten vorangestellt ist, hört sich dabei fast an wie eine unheimliche Vorwegnahme von Himmlers berüchtigter Posener Rede 45 Jahre später. Nur, dass van Helsing nicht auf Zyklon B angewiesen ist. Holzpflock, Hostie, Knoblauch und Kruzifix genügen ihm im Kampf gegen die Zigeuner; ausgerechnet mit diesem Inbegriff der Diskriminierten steht Dracula bei Stoker im Bunde.

In Transsylvanien hatte die Geschichte begonnen, hier kommt es zum Showdown. Waren die ersten Kapitel, in denen der junge Rechtsanwalt Jonathan Harker von seinem Besuch auf dem Schloss des Grafen berichtet, ebenso atmosphäregeladen wie die Passage, in der Dracula nach einer grausigen Seefahrt in England in Gestalt eines Hundes an Land jagt, bestimmen danach patente Westeuropäer und - Stoker kündigt die künftige Weltmachtrolle der Vereinigten Staaten sogar wörtlich an - ein US-Amerikaner die Handlung. Dass man das Buch heute unter einem anderen Blickwinkel liest, liegt vor allem an ihnen - zu Beginn des 21. Jahrhunderts wirkt sogar ein Vampir weniger exotisch als die Briten des viktorianischen Zeitalters.

Von den beiden Übersetzungen ist die von Andreas Nohl (er hat zuvor unter anderem Robert Louis Stevensons "St. Ives" übertragen) für den Verlag Steidl etwas skrupulöser, ein wenig strenger an den grammatikalischen Feinheiten des Originals orientiert als von Ulrich Bossier für Reclam. Die wird getragen von etwas mehr sprachlicher Freiheit und größerer Rasanz. Müsste man die beiden Übersetzungen den Figuren des Romans zuordnen, würde sich van Helsing wohl für das Steidl-Buch entscheiden. Dracula würde Reclam lesen - und sich doch nicht darin erkennen. Schließlich sind Vampire in Spiegeln unsichtbar.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Marc Deckerts "Kometenjäger", F.C. Delius' "Als die Bücher noch geholfen haben", Hélène Grémillons "Das Geheimnis der Liebe", " Felicitas Hoppes "Hoppe" und Rayk Wielands "Kein Feuer, das nicht brennt".

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
omegaman 20.04.2012
Es gibt nur 2 Übersetzungen? Ich habe hier eine 3. von einem Stasi Kull (was für ein Name, Pseudonym?), wo ist diese einzuordnen? Verlag dtv, Mrz 2000
2.
loeweneule 20.04.2012
Zitat von omegamanEs gibt nur 2 Übersetzungen? Ich habe hier eine 3. von einem Stasi Kull (was für ein Name, Pseudonym?), wo ist diese einzuordnen? Verlag dtv, Mrz 2000
Der scheint wirklich so zu heißen und hat auch noch anderes übersetzt. Die dtv-Ausgabe dürfte eine Lizenz vom Hanser-Verlag sein, der ab 1967 die schöne "Bibliotheca Dracula" herausbrachte und in der in eben diesem Jahr Stokers Roman in der Kull-Übersetzung erschien
3. !!!!!
Tanja Krienen 20.04.2012
Die Erzählweise aber war gar nicht so neu, schon Mary Shelley hatte den "Frankenstein" ähnlich angelegt.
4.
NahGut 20.04.2012
Mina und Jonathan waren verlobt, nicht verheiratet.
5.
phantastica 20.04.2012
Zitat von loeweneuleDer scheint wirklich so zu heißen und hat auch noch anderes übersetzt. Die dtv-Ausgabe dürfte eine Lizenz vom Hanser-Verlag sein, der ab 1967 die schöne "Bibliotheca Dracula" herausbrachte und in der in eben diesem Jahr Stokers Roman in der Kull-Übersetzung erschien
Dann haben wir schon vier. Meine Ausgabe von 1988 ist aus dem Insel-Verlag von Karl Bruno Leder übersetzt. Übrigens eine sehr gute Übersetzung. Die Lektüre des Romans kann ich nur empfehlen. Sehr atmosphärisch!
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