Michael-Crichton-Frühwerk "Dragon Teeth" Jurassic Park im Wilden Westen

Zehn Jahre nach Michael Crichtons Tod erscheint sein neuer Roman - ein Manuskript von 1974, das nun posthum veröffentlicht wird. Es geht um Saurierforscher im Wilden Westen - beste Popcornunterhaltung.

Paläontologen bei Ausgrabungen in Thüringen
DPA

Paläontologen bei Ausgrabungen in Thüringen

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Zuerst sehen sie nur Felswände in der Prärie. Dann ein paar Unebenheiten im Gestein. Und als sie mit dem Meißel vorsichtig in die Wand hacken, fallen ihnen riesige Brocken auf. Zähne. Wie man sich die von Drachen vorstellt. Der Forscher und sein Student können kaum atmen: Das ist doppelt so groß wie alles, was sie kennen. Es musste "gedonnert haben", "wenn er ging". Eine Donnerechse also: der Brontosaurus.

Ein paar Zähne, Rippen, Wirbel. Das reicht, um die Fantasie zu dehnen. Wir füllen die Zwischenräume dieser Fossilienbrocken mit Weichteilen, Haut, Muskelmasse, Farbe. Machen uns ein Bild vom Unvorstellbaren. Weil es keine Überlieferungen gibt, keine Zeugen, nur diese Knochen. Bittschön: Dino, fertig.

Crichton-Verfilmung "Jurassic Park III"
imago/ United Archives

Crichton-Verfilmung "Jurassic Park III"

Wenn sich also ein Autor dieser Erdphase annimmt, von der nur Gerippe geblieben sind, ist das immer auch ein Spiel mit den Belastungsgrenzen der Vorstellungskraft. Und der vor zehn Jahren verstorbene Michael Crichton war Spezialist für derlei Grenzbereiche - nicht nur wegen "Jurassic Park" (also: dem Roman, nicht Spielbergs ebenfalls fantasiesprengender Filmversion).

Nun erscheint mit "Dragon Teeth" eine Art Vorläufer: über die Gier der Forscher, die als Saurier-Pioniere aufbrachen.

Autor Michael Crichton (1942-2008)
AP

Autor Michael Crichton (1942-2008)

Auch wenn es ein Manuskript von 1974 ist, das Crichtons Frau nach dessen Tod fand: "Dragon Teeth" ist beste Unterhaltungsliteratur mit knochentrockenem Humor, der unauffällig wie Fossilienstaub zwischen den Zeilen sitzt. Crichtons Talent, naturwissenschaftliche Themen in Popcorn-taugliche Formate zu packen, wie auch mit seinem finalen Roman, der Gentechnik-Phantastik "Next", ist schon hier unübersehbar.

Es klingt wie eine Blockbuster-Idee von Barry Sonnenfeld: Crichton setzt seine Dino-Story in den Wilden Westen von 1876, mittendrin der Yale-Student William Johnson, Milchgesichtsohn eines Millionärs. Doch die Typen, mit denen er durch Wyoming und Montana unterwegs ist, die wie Cowboys ausstaffiert sind, auf Pferden reiten und den Sioux und den Crow begegnen, sind weder Cowboys noch Goldgräber. Es sind Paläontologen mit ihren Studenten. Auf der Suche nach anderen wertvollen Bodenschätzen: Dinosaurierfossilien.

Popcorn-Held nach Maß

Johnson, Crichtons Held, hat die Rolle des "Fish out of Water", etwa so deplatziert im Wilden Westen wie Charlie Chaplin in "Goldrausch". Bei der Sommerexpedition des Paläo-Profs Othniel C. Marsh heuert er nur wegen einer 1000-Dollar-Wette an. Und gerät dann zwischen die Fronten des legendären Knochenkriegs, den Marsh mit seinem Rivalen Edward Cope austrägt. Beide besessen davon, die meisten neuen Dinosaurierarten zu bestimmen - in einer Zeit, in der die Existenz dieser Urzeitwesen umstrittener war als heute im Weißen Haus der Klimawandel. Und in der es gerade erst möglich geworden war, die Knochenberge überhaupt wegzuschaffen, der Eisenbahn sei Dank.

Marsh, Cope, ihre Studentenausgrabungstrips, den Knochenkrieg: All das gab es wirklich. Zwei Typen, die sich für den Forscherruhm nachts in ihren Lagern in der weiten Ödnis des Westens überfielen und herumballerten: Die historische Realität warf Crichton also die perfekte Story vor die Füße. (Aus anderen Perspektiven erzählt übrigens in zwei großartigen neuen Sachbüchern: In "Ausgestorben, um zu bleiben", in dem der Biologe Bernhard Kegel etwa auch die Popkulturisierung der Dinos analysiert, und im reportagehaften "Aufstieg und Fall der Dinosaurier" des Paläontologen Steve Brusatte.)

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Michael Crichton:
Dragon Teeth. Wie alles begann

Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr

Blessing, 320 Seiten, 22 Euro

Mit seinem kotzbrockigen Jüngelchen William Johnson, der eine Smith & Wesson kaum vom Ausgrabungspinsel unterscheiden kann, fand Crichton für seinen Popcorn-Roman einen Helden nach Maß. Er knallt ihm ein Hindernis nach dem anderen in den Weg. Bis Johnson am Ende auf sich allein gestellt den größten Schatz der Expedition durch die wildesten Teile des Wilden Westens manövrieren muss: die Drachenzähne - die Hauer des Brontosaurus. Eine neue Saurierart, die Johnson mit Cope zusammen aus den Felsen geschlagen hat, enormer als alles, was der Forscher bislang je gesehen hatte. Wobei es tatsächlich als gesetzt gilt, dass es Marsh war, nicht Cope, der den Brontosaurus entdeckte. Aber das fiel bei Crichton offenbar unter Autorenfreiheit.

Dennoch macht gerade die Mischung dieses Buch zur besseren Unterhaltung: Wegen der paläontologischen Akribie, mit der Crichton die Ausgrabungsarbeiten schildert. Wegen der Odyssee, auf die er Johnson mit den kostbaren Kisten schickt, spannendster Slapstick mit Überfällen, Halunken, Saloons, das Übliche. Vor allem aber: Weil er das alles erzählt, nicht ohne die Brutalität zu zeigen, mit der die Armee den First Nations ihr Land raubte. Oder die Selbstverständlichkeit, mit der Forscher sich einfach nahmen, was da war.

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insgesamt 3 Beiträge
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erlemann - forscher 01.10.2018
1. Sherbgut getroffen
Mein Kompliment and Frau Haeming, ihre Rezension beschreibt das Buch wunderbar. Ich las es vor einiger in Englisch und habe es von Anfang bis Ende genossen. Ich wusste bis dahin nicht viel über die ‚Bone Wars‘, die Geschichte ist so durchgeknallt die würde niemals glaubhaft rüberkommen, aber sie ist wahr.
DrStrang3love 01.10.2018
2.
"Crichtons Talent, naturwissenschaftliche Themen in Popcorn-taugliche Formate zu packen, ... ist schon hier unübersehbar." Wieso "schon hier"? Dragon Teeth zählt bei weitem nicht gerade zu Crichtons Frühwerk. Er hatte vorher schon ein gutes Dutzend(!) anderer Romane geschrieben - zum Teil unter Pseudonym -, plus einige Sachbücher, in denen exakt dieses Talent schon lange erkennbar war.
ohne_mich 01.10.2018
3. Pflichtkauf
Definitiv ein Pflichtkauf. Einer der besten Autoren unserer Zeit, der es wie kaum ein anderer geschafft hat, Fakten und Fiktion gekonnt und vor allem auch unterhaltsam zu kombinieren - und leider viel zu früh von uns gegangen ist.
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