Neue Shakespeare-Studie: Großer Dramatiker, skrupelloser Geschäftsmann

Kann ein großer Poet auch ein gewiefter Geschäftsmann sein? Eine neue Studie über William Shakespeare enthüllt unromantische Details über die Wirtschaftsgebaren des Dramatikers, der in seiner Heimatstadt Stratford Getreide hortete und Steuern hinterzog.

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Zeitgenössisches Shakespeare-Porträt: Hungerkünstler der unromantischen Art

London/Berlin - Es passt nicht ins Bild, das wir aus heutiger Sicht auf das Leben eines Schriftstellers haben: Der hehre Poet, allein und verarmt an seinem Schreibtisch, jedem materialistischen Interesse entrückt. Das ist eine Verklärung, die sich erst in der Romantik durchsetzte. Ende des 16. Jahrhunderts musste sich auch der begabteste Dramatiker durchbeißen - und sich neben der Kunst als Geschäftsmann betätigen.

Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie, die erstaunliche Details über das bürgerliche Leben des großen englischen Dichters William Shakespeare (1564 - 1616) zutage förderte. Die Forschungsergebnisse der Aberystwyth Universität von Wales sollen im Mai beim renommierten Hay Literaturfestival vorgestellt werden. Ihnen zufolge sei Shakespeare in seiner Heimatstadt Stratford-upon-Avon ein reicher Immobilienbesitzer und skrupelloser Geschäftmann gewesen, der reich wurde, indem er Getreide hortete und damit handelte, als die Bevölkerung unter Hungersnot litt.

Jayne Archer, eine Dozentin für Literatur des Mittelalters und der Renaissance, die an der Studie beteiligt war, meint, dass Shakespeares Talent als Geschäftsmann von der Literaturkritik und den Gelehrten gerne, "vielleicht aus Snobismus", ignoriert werde, weil sie nicht fassen könnten, "dass ein kreatives Genie auch von Eigeninteresse geleitet wird". Der Getreide-Bunkerer Shakespeare sei aus den Annalen herausredigiert worden, um das Literaturgenie Shakespeare zu erschaffen, so die Forscher. Man könne Shakespeares Werk jedoch nicht vollständig verstehen, wenn man diesen Teil seiner Biografie unter den Tisch fallen lässt.

Populist und sorgender Familienvater

Shakespeares Wohlstand und sein Beruf als Kaufmann sind der Forschung lange bekannt. Immer wieder tauchen daher auch Zweifel an der wahren Identität des Dichters auf, dessen erwiesener Wortschatz und Wissen für einen einfachen Mann aus der Provinz ohne Zugehörigkeit zu Adel oder Klerus nahezu unglaublich erscheint. Auch gibt es kaum offizielle Dokumente, die eine Dichtertätigkeit des in Stratford als Shakspere bekannten Mannes belegen könnten.

Dann wiederum wird ein guter Teil des Reichtums, über den Shakespeare offensichtlich verfügte, den Tantiemen der zahlreichen Stücke zugeschrieben, die gegen Ende des 16. und Anfang des 17 Jahrhunderts populär waren und vielfach aufgeführt wurden. Manche Kritiker schreiben dem Dichter auch hier eine gewisse Geschäftstüchtigkeit zu, denn wohl nicht umsonst wimmelt es in den Dramen Shakespeares von deftigen Szenen, Blutrunst und Wollust - vergleichbar mit den Soap Operas der heutigen Zeit.

Daheim in Stratford geriet der Barde jedoch wegen seiner harten Geschäftspraktiken auch in Konflikt mit dem Gesetz, wie Archer und ihre Kollegen herausfanden: Offenbar wurde mehrfach wegen Steuerflucht gegen ihn ermittelt, und 1598 wurde er wegen unerlaubter Getreide-Verknappung sogar strafrechtlich verfolgt. Man müsse jedoch den historischen Hintergrund hinzuziehen, um dieses Handeln richtig einzuordnen, sagt Archer. Damals herrschte in ganz Europa eine "kleine Eiszeit", die Ernten waren schlecht, Kälte und Hunger setzten den Menschen zu. Shakespeare habe sich zu jener Zeit wohl eher nicht in erster Linie als Schriftsteller betrachtet, sondern als sorgender Familienvater, der Vorräte für schlechte Zeiten anhäufte.

Gleichzeitig ließen sich Abbildungen von Volksaufständen gegen Nahrungsknappheit, wie sie sich in Shakespeares Dramen "König Lear" und "Coriolanus" finden, besser einordnen, wenn man um den realen Hintergrund des Dramatiker-Lebens weiß, so die Forscher. Die wütenden Bügerproteste in "Coriolanus" ließen sich direkt mit den Bauernaufständen gegen die Hungersnot von 1607 in Großbritannien verknüpfen. So entsteht ein ganz anderes, weitaus weniger romantisches Bild des hungernden Künstlers. Das Monument, das nach dem Tod Shakespeares in Stratford errichtet worden sei, habe den Poeten mit einem Sack Getreide in der Hand gezeigt. Erst später, im 18. Jahrhundert, sei das Denkmal durch das heutige, weitaus künstlerische Abbild ersetzt worden.

bor/AP

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