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Narco-Kriminalität: Der Traum von Drogen, Mädchen und Gewalt

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"Drogen - Die Geschichte eines langen Krieges": Historischer Rausch Fotos
AP

Was treibt einen 13-Jährigen dazu, sein Leben im Dienst brutaler Drogenbosse zu ruinieren, dutzendfach zu morden? In seinem Buch "Drogen - Die Geschichte eines langen Krieges" ergründet Johann Hari die Faszination des Bösen.

Wenn ich einmal groß bin, werde ich ein Zeta-Killer! Los Zetas nennt sich ein besonders gewalttätiges mexikanisches Kartell. Es waren die Zetas, die als Erste auf die Idee kamen, ihren Feinden die Köpfe abzuhacken und Videos von ihren Gräueltaten auf Facebook zu stellen. Und trotzdem hatte Rosalio Reta schon als Knirps keinen anderen Traum, als dazuzugehören.

So wie ihm geht es vielen Jugendlichen aus dem ärmeren Teil der südtexanischen Stadt Laredo, die durch den Rio Grande von Mexiko getrennt ist. Auf der anderen Seite des Flusses liegt Nuevo Laredo, einer der wichtigsten Durchgangsorte für Drogen auf dem Weg in die USA. Zeta-Country. Hier haben die Kriminellen das Sagen, und sie verstehen es, sich als allmächtig zu inszenieren. Nachwuchssorgen kennen sie nicht, weil Jungs wie Rosalio magisch angezogen werden von den Versprechungen eines Lebens voll Drogen, Mädchen, Autos.

Mit 13 Jahren wird Rosalio ein Zeta, bereits sechs Jahre später sitzt er in einem texanischen Gefängnis, wegen mehrfachen Mordes zu einer Strafe von 70 Jahren verurteilt. Seine Taten - man geht von mindestens 30 Morden aus - hat er niemals bereut. Wie Superman oder James Bond habe er sich beim Töten gefühlt, sagte Rosalio Reta im Verhör.

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Retas Geschichte ist eine der unerträglichsten in Johann Haris Buch über die Auswüchse des war on drugs - aber nicht die beeindruckendste. Vielleicht, weil vergleichbare Gräueltaten aus den Romanen von Don Winslow bekannt sind, zuletzt "Das Kartell", und aus dem Kinofilm "Sicario". Von der Brutalität, mit der Kartelle, Militär und Polizei in Mexiko den Kampf gegen (und um) Drogen führen, erzählen das US-Kino und -Fernsehen mit einem fast schon lüsternen Schaudern.

Nicht so Johann Hari. Der britische Journalist hat eine Mission, will wirklich aufklären über den war on drugs, für ihn ein tragisches Missverständnis, das nicht nur Milliarden Dollar verschlingt, sondern vor allem unzählige Menschenleben kostet. Für sein Buch "Drogen - die Geschichte eines langen Krieges" machte Hari sich auf eine dreieinhalb Jahre lange Reise um die halbe Welt - und in die Vergangenheit. Denn der Drogenkrieg, so Hari, habe nicht erst 1972 mit Richard Nixons "Kriegserklärung" begonnen, sondern im frühen 20. Jahrhundert.

Billie Holiday, der Ur-Junkie

Und seine Protagonisten waren eine Jazzsängerin, ein Gangster und ein Mann mit einer Mission. Billie Holiday, die drogen- und alkoholkranke Jazz-Ikone, Arnold Rothstein, der in den Zwanzigerjahren in New York zu einem der ersten Drogenbarone der Geschichte aufstieg, und Harry Anslinger, ein fanatischer Drogenhasser und ab den Dreißigerjahren Amerikas oberster Drogenjäger. Hari benutzt diese drei Figuren als Blaupausen für alle weiteren: Für ihn ist jemand wie Chapo Guzman, der flüchtige Anführer des Sinaloa-Kartells, ein Wiedergänger Rothsteins - und ein Süchtiger auf den Straßen von London oder Vancouver ein weiteres Opfer einer verfehlten Politik wie Billie Holiday.

Von den frühen Tagen des Drogenkriegs springt Hari direkt in die Gegenwart, auf die Straßen von Brooklyn, wo er einen Straßendealer trifft. Chino, der Mann, der früher eine Frau war, hatte schon als Teenager verstanden, dass es immer um Respekt geht. Und das nicht nur, weil er sich als 13-jähriges Mädchen in einer Männerwelt durchsetzen musste. Es geht darum, dass man mit einem Produkt handelt, das illegal ist und folglich durch kein Gesetz geschützt wird. Brutale Gewalt, das hat Chino ebenso verstanden wie die Zetas oder Rothstein, verschafft Respekt auf der Straße. Nur so sichert man seine Profite.

Mit Geschichten wie der von Chino nimmt sich Hari der ökonomischen Dimension des Drogenkriegs an. Seiner Überzeugung nach sind nicht Drogen das Problem, sondern das Drogenverbot. Erst dadurch könnten kriminelle Strukturen entstehen und sich ausbreiten, so wie sich das Verbrechen in den USA erst durch die Alkoholprohibition organisiert hat und Banden entstanden, die ihre Geschäfte schnell globalisierten.

Süchtigen müsse geholfen werden

Doch Hari folgt nicht in erster Linie der Spur des Geldes, ihm geht es vor allem um die menschliche Dimension dieses Dramas. Um die Süchtigen, die marginalisiert und in die Beschaffungskriminalität gedrängt werden. Der einzige Ausweg aus der Sucht, davon ist Hari überzeugt, ist eine radikale Veränderung der Strukturen. Denn, so eine von Haris Kernthesen, nicht die Droge sei in erster Linie für die Sucht verantwortlich, sondern die Isolation.

Der schiere Aufwand, den Hari betrieben hat, um seine Thesen zu untermauern, beeindruckt: Die Vielzahl der zitierten Quellen und der Faktenreichtum ebenso wie die Auswahl an Interviewpartnern und ihre Geschichten. Darunter finden sich neben Süchtigen, Dealern, Aktivisten und Wissenschaftlern auch Entscheidungsträger wie João Goulão, Leiter des portugiesischen Instituts für Drogen und Drogenabhängigkeit, der Anfang des Jahrtausends in seinem Land die Entkriminalisierung des Drogenkonsums erstritt, und José Mujica, der gerade abgetretene Präsident von Uruguay, der den Anbau und Konsum von Marihuana legalisierte.

Hari hat sein Buch mit einem massiven Anmerkungsapparat und einer Webseite ausgestattet, auf der Mitschnitte der Interviews zu hören sind. So tritt er einem Glaubwürdigkeitsproblem entgegen: 2011 verlor Hari, dessen Karriere bis dahin kometenhaft verlaufen war, seinen Job beim "Independent" und seinen guten Ruf, nachdem bekannt wurde, dass er sich nicht nur in seinen Interviews regelmäßig aus fremden Quellen bedient, sondern darüber hinaus Kollegen mit falschen Wikipedia-Einträgen gedisst hatte.

Doch auch wenn Hari in seinem Buch alle Fakten minutiös dokumentiert und sich als versierter Storyteller erweist, hat er ein Problem: Er lässt sich manchmal zu sehr mitreißen von der Wucht der Geschichten, die ihm erzählt werden. Indem er zu oft statt auf die durchaus vorhandenen Fakten auf Emotionen setzt und in Pathos verfällt, schwächt er seine Argumentation: "In einer wahren Demokratie wird niemand abgeschrieben. Niemand wird im Stich gelassen. Keinem sagt man, dass das Leben nicht lebenswert sei. Das ist der Geist der Revolution. Und die Revolution lebt", bilanziert Hari.

Man kann das belächeln, man kann Hari als Naivling oder Polemiker abtun. Doch bei aller berechtigten Kritik: Mit "Drogen" liefert Hari einen nicht zu ignorierenden Beitrag zu einer unlösbar scheinenden Kontroverse, der nicht nur die menschenverachtende Realität des Drogenkriegs spürbar macht, sondern auch mögliche Lösungsansätze aufzeigt.

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1. Wann?
anarchaos 03.12.2015
Ich frage mich immer wieder, wenn ich so etwas lese, wie lange es noch dauern wird bis die Politiker endlich einsehen, dass diese Problematik nur mithilfe einer Beendigung der irrationalen restriktiven Drogenpolitik zu lösen ist...
2. Lösung
amidelis 04.12.2015
Jeder der Drogen haben möchte soll bei einem qualifizierten Arzt eine ausführliche Beratung und Bedenkzeit erhalten. Will er trotzdem soll er in die Apotheke und das Zeug bekommen. Im Gegenzug den Führerschein abgeben und los geht's.
3. Die Spur des Gelds zeigt den Grund
manicmecanic 04.12.2015
Simple Wahrheit ist daß die erzielbaren riesigen Geldberge der Grund für das Verbot sind.Der Anfang dieser üblen Geschichte ist wie die Gangster durch das Alkoholverbot in den USA lernten wieviel man verdient an illegalen 'Genußmitteln'.Es ist heute bekannt welche damals einflußreichen Politiker und andere von der Mafia geschmiert wurden dafür daß es so blieb.Als es sich dann doch nicht mehr halten ließ,oh Wunder wurde nach und nach alles andere verboten.Die Berge an Drogen die selbst nach offiziellen Zahlen gehandelt werden können gar nicht ohne große Mitarbeit korrupter Stellen überall hingeschafft werden. Sichtbarstes Beispiel ist der failed state Mexico.
4. Welche Drogen meinen Sie ?
online_reader 04.12.2015
Zitat von amidelisJeder der Drogen haben möchte soll bei einem qualifizierten Arzt eine ausführliche Beratung und Bedenkzeit erhalten. Will er trotzdem soll er in die Apotheke und das Zeug bekommen. Im Gegenzug den Führerschein abgeben und los geht's.
Soll das auch gelten wenn man Alkohol konsumieren will ? Und wie sieht's aus mit Leuten die regelmäßig ihre Schlamittel einnehmen , müßten die alle den Führerschein abgeben.Oder was bezeichnen Sie als "Droge" ?
5. Ja, schon
Dieter62 05.12.2015
man kann die Drogen legalisieren. Das mag den Abhängigen helfen, womit schon viel gewonnen wäre. Aber die Kartellgewalt wird man damit nicht eindämmen können. Glaubt hier ernsthaft jemand, diese Typen werden dann für einen mexikanischen Mindestlohn 45 Wochenstunden schuften-wenn es denn Jobs gibt?? Nein, diese Jungen finden einfach einen andere Einkommensquelle. Entführung. Schutzgelderpressung, Mord auf Bezahlung, Kinderpornografie, Organhandel. Alles legalisieren? Das Problem ist die Aussichtslosigkeit auf ein erträgliches Leben. Die Devise bei den Zetas und beim Chapo lautet: "Ich weiss, dass ich in 4 Jahren tot bin. Aber diese 4 Jahre lebe ich wie ein König, die restlichen 50, die ich laut geltendem Wirtschaftssystem bettelnd auf den Knien verbringen soll, schenke ich Euch, nehm aber ein paar von euch Reichen mit zu Santa Muerte!" "Mejor la muerte luchando a pie que mendigando de rodillas! " steht noch heute auf vielen Mauern in Ciudad Juarez. Wer hier einigermassen Ordnung schaffen will kommt um eine Umverteilung der Ressourcen nicht herum. Sogar Enteignungen der obersten 3 % sollten kein Tabu mehr sein. Um 1990 gab es in Mexiko trotz Prohibition kein Narco Problem, weil jeder eine Chance auf ein einigermassen sinnvolles Leben hatte, selbst die Armen. Die Unterschiede waren einfach viel geringer. Und solange der Arme sein Auskommen hat, denkt er weder an Pancho Villa noch and Chapo Guzman.
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