Druck aus Peking: Frankfurter Buchmesse lädt Regimekritiker aus

Von Andreas Lorenz, Peking

Droht der Frankfurter Buchmesse der erste Skandal um das heikle Gastland China? Weil chinesische Behörden intervenierten, wurden jetzt einige regimekritische Intellektuelle von einer Diskussionsveranstaltung wieder ausgeladen. Betroffene sprechen von einer "Schande".

Regimekritiker Bei Ling: Empfindet seine Ausladung als "Schande" Zur Großansicht
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Regimekritiker Bei Ling: Empfindet seine Ausladung als "Schande"

Die Idee, China als Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse einzuladen, erweist sich, wie befürchtet, als heikel. Schon Wochen vor Beginn der eigentlichen Veranstaltung gibt es Ärger.

Das bekamen jetzt der in Boston lebende Exilautor Bei Ling und die regierungskritische Autorin und Umweltschützerin Dai Qing zu spüren. Beide sollten an diesem Wochenende an einem Symposium zum Thema "China und die Welt - Wahrnehmung und Wirklichkeit" teilnehmen. Doch sie wurden wieder ausgeladen.

"Ich bekam gestern einen Anruf, in dem ich dringend gebeten wurde, nicht nach Frankfurt zu fliegen", berichtete Bei Ling SPIEGEL ONLINE. "Wenn ich kommen würde, gäbe es ein Riesendurcheinander, hieß es."

Hintergrund: Chinesische Funktionäre und Schriftsteller haben angedroht, ihre Teilnahme abzusagen, falls politisch ungeliebte Autoren dabei sind. Dahinter steht offenkundig das Verwaltungsamt für Presse und Publikationen (GAPP), die oberste Zensurbehörde Chinas. Im Fall von Dai Qing wurde eine Einladung der Frankfurter von der GAPP nicht weitergeleitet.

"Wir sind in einer Zwickmühle", sagt Peter Ripken, Programmkoordinator der Messe. "Das chinesische Organisationskomitee hat knallhart gesagt: "Wenn der und der teilnimmt, ziehen wir aus."

Andere Teilnehmer dagegen, wie den Sozialkritiker Wang Hui, habe die deutsche Seite durchsetzen können. Die Pekinger hätten sich zunächst sogar gegen die Teilnahme des deutschen PEN-Klubs gewehrt, weil der nach ihrer Ansicht antichinesisch sei.

Damit das ganze "nicht in die Luft fliegt" sei er nun zu einer "Güterabwägung gezwungen", erklärte Ripken im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Alles ist höchst unerfreulich." Sowohl Dai Qing als auch Bei Ling würden allerdings zur Messe im Oktober nach Frankfurt eingeladen. Ripken: "Dann bin ich Herr des Verfahrens."

Trotz der Ausladung will Dai Qing allerdings doch zum Symposium kommen. Die Journalistin reist nach Informationen der dpa auf Einladung des deutschen PEN an diesem Freitag nach Frankfurt. Die 68-Jährige hat von der deutschen Botschaft in Peking bereits ein Visum erhalten. Buchmessenorganisator Ripken zeigte sich überrascht: Zu dieser "neuen Entwicklung" könne er zunächst nichts sagen.

Exilautor Bei Ling versteht die Nöte der deutschen Organisatoren, wenn er auch seine Ausladung als "Schande" empfindet. Aber: "Schaden will ich durch meine Anwesenheit nicht anrichten." Die chinesische Exilliteratur gehöre jedoch unbedingt auf die Messe.

Bei Ling ist Poet, Essayist und Mitherausgeber der Exilzeitschrift "Tendency", die auch in Hongkong und Taiwan veröffentlicht wird. Er lebt seit 1988 im Ausland. Als er im August 2000 kurz nach China zurückkehrte, wurde er in Peking wegen "illegalen Druckens und der Publikation einer Zeitschrift" festgenommen. Auf Einspruch von US-Politikern und Künstlern, unter anderem der inzwischen verstorbenen Susan Sontag, schoben ihn die Behörden nach einem Monat in die USA ab.

Bei dem Symposium dabei sein dürfen unter anderem Wissenschaftler Wang Hui, der über die "Krisen der Modernisierungen in Ost und West" sprechen wird, der bekannte Schriftsteller Mo Yan ("Rotes Kornfeld") und der ehemalige Botschafter Chinas in Deutschland Mei Zhaorong. Der ist in den vergangenen Monaten durch bissige Kritik an der China-Berichterstattung deutscher Medien und an Kanzlerin Angela Merkel aufgefallen.

Es bedürfe "eines Meinungs- und Gedankenaustausches, um gegenseitiges Verständnis herzustellen und um so einen Beitrag zum Abbau von Missverständnissen und Vorurteilen zu leisten", begründeten die deutschen Veranstalter die Tagung.

Chinas Funktionäre sind da anderer Ansicht.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Money talks
darkwingduck 10.09.2009
Zitat von sysopDroht der Frankfurter Buchmesse der erste Skandal um das heikle Gastland China? Weil chinesische Behörden intervenierten, wurden jetzt einige regimekritische Intellektuelle von einer Diskussionsveranstaltung wieder ausgeladen. Betroffene sprechen von einer "Schande". http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,648148,00.html
Dieses Einknicken vor dem Handelspartner zeigt nal wieder wer hier Herr im Hause ist. War das vorrauseilender Gehorsam oder wurde hinter den Kulissen ein solches Verhalten "nahe gelegt"? Ein Land, das woanders so wacker für Demokratie kämpft (bzw. dies behauptet) und die Augen zumacht wenn es ums Geschäft geht macht sich lächerlich. Liebe Taliban, schafft es Handelspartner zu werden, dann ist die Bundeswehr schlagartig aus dem Hindukusch verschwunden.
2. Mehr Mut bitte
christiane006 10.09.2009
Zitat von sysopDroht der Frankfurter Buchmesse der erste Skandal um das heikle Gastland China? Weil chinesische Behörden intervenierten, wurden jetzt einige regimekritische Intellektuelle von einer Diskussionsveranstaltung wieder ausgeladen. Betroffene sprechen von einer "Schande". http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,648148,00.html
wer Angst vor der eigenen Courage hat, wird auf Dauer erpressbar. Daher ein wenig mehr Mut, wir haben ein hohes Gut zu verteidigen, nämlich die Meinungsfreiheit. Dieser Wert darf nicht auf dem Altar der Marktwirtschaft geopfert werden.
3. ohne titel
inci 10.09.2009
Zitat von sysopDroht der Frankfurter Buchmesse der erste Skandal um das heikle Gastland China? Weil chinesische Behörden intervenierten, wurden jetzt einige regimekritische Intellektuelle von einer Diskussionsveranstaltung wieder ausgeladen. Betroffene sprechen von einer "Schande". http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,648148,00.html
in den 70ern hätte der deutsche penclub das problem ganz einfach gelöst. an den veranstaltungen der buchmesse nicht teilnehmen, stattdessen gegenveranstaltung mit den mißliebigen schriftstellern organisiert. aber heute? wo man die zwiebeln in der toskana häutet?
4. Wirtschaftsinteressen über alles ...
Peggy Bundy 10.09.2009
Zitat von sysopDroht der Frankfurter Buchmesse der erste Skandal um das heikle Gastland China? Weil chinesische Behörden intervenierten, wurden jetzt einige regimekritische Intellektuelle von einer Diskussionsveranstaltung wieder ausgeladen. Betroffene sprechen von einer "Schande". http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,648148,00.html
Diese Zugeständnisse seitens der Organisatoren der Messe enttäuschen mich sehr. Angesichts solch eines Einschnittes in die Meinungsfreiheit - auf eine Erpressung seitens Kommunisten bzw. eines totalitären Staates hin - ist es eine Schande, nicht nur für die Buchmesse sondern für Deutschland. Eine solche Entwicklung widert mich an.
5. Aufstehen und Flagge zeigen!
Peggy Bundy 10.09.2009
Zitat von inciin den 70ern hätte der deutsche penclub das problem ganz einfach gelöst. an den veranstaltungen der buchmesse nicht teilnehmen, stattdessen gegenveranstaltung mit den mißliebigen schriftstellern organisiert. aber heute? wo man die zwiebeln in der toskana häutet?
Genau, wo bleibt der Aufschrei der Intellektuellen? Sie bleiben lieber in ihrem egomanen Elfenbeinturm sitzen anstatt mal etwas zu bewegen bwz. eine Verantwortung zu übernehmen.
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Hasnain Kazim wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren und wuchs in dem Dorf Hollern-Twielenfleth im Alten Land, vor den Toren Hamburgs, sowie in Karatschi, Pakistan, auf. Er studierte Politikwissenschaft und schrieb unter anderem für die "Heilbronner Stimme". Ab 2006 war er Redakteur von SPIEGEL ONLINE, seit Juli 2009 ist er Südasienkorrespondent von SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL.

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