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Dubioser Tschernobyl-Roman: Märchen aus dem Sarkophag

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Als "Augenzeuge" und "Überlebender" der Tschernobyl-Katastrophe tingelt der ehemalige KGB-Offizier Anatoly Tkachuk durch die Medien, lässt sich als Experte befragen. Tatsächlich steckt sein Buch "Ich war im Sarkophag von Tschernobyl" voller Verschwörungstheorien. Fakten? Fehlanzeige.

Angeblicher Augenzeuge: Wilde Geschichten aus Tschernobyl Fotos
Styria Verlag / Archiv A. Tkachuk

Pünktlich zum 25. Jahrestag der Katastophe von Tschernobyl am 26. April hat Anatoly Tkachuk etwas ganz Besonderes zu bieten: "Ich war im Sarkophag von Tschernobyl" heißt das Buch, mit dem der pensionierte KGB-Agent derzeit durch Redaktionen in Deutschland und Österreich tingelt, inklusive Wiener "Standard", "Kronenzeitung" und "Kurier". In der Sendung "stern TV" wurde Tkachuk unkritisch nach seinen Erlebnissen befragt.

Zuvor hatte er sich bereits im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin fast eine Stunde lang zu Themen wie Fukushima, Strahlenkrankheit und Atomausstieg ausgelassen. Tkachuk durfte seine Rolle als zuverlässiger Augenzeuge voll ausspielen. Der Untertitel seines Buches lautet: "Der Bericht des Überlebenden."

"Als für die Sicherheit verantwortlicher KGB-Offizier unternahm er mit drei anderen tapferen Männern einen Vorstoß in das Innere des Sarkophags, um die Wahrheit über den Zustand des Reaktors zu erforschen", wirbt der österreichische Verlag Styria Premium: "Nie wieder sind Menschen so tief in den Reaktor vorgedrungen wie A. N. Tkachuk und sein Team. Diese Menschen haben teuer bezahlt. A. N. Tkachuk hat als einziger überlebt."

Weiter heißt es: "Sein Buch ist ein leidenschaftlicher, fast schon verzweifelter Appell an unser aller Vernunft und Verantwortungsgefühl. Es geht nicht mehr um Politik und Macht, sondern um das Überleben der Menschheit."

Der "Augenzeuge" bleibt fast alle Fakten schuldig

Wer sich jedoch die Mühe macht, das Buch zu lesen, findet dort genau das Gegenteil von Vernunft und Verantwortung: eine krude Mischung aus Verschwörungstheorien, Übertreibungen und Angeberei.

"Tkachuk bleibt fast alle Fakten schuldig", sagt der Physiker Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, der sich ausgiebig mit der Katastrophe von Tschernobyl beschäftigt und selbst den Sarkophag besucht hat. "Tkachuk nennt weder die Klarnamen seiner Protagonisten, noch zeigt er ihre Fotos, noch liefert er an den entscheidenden Punkten belastbare, überprüfbaren Tatsachen. Der Wahrheitssuche ist das nicht dienlich."

Pflugbeil fühlte sich beim Lesen des Buches an die Geisteshaltung der DDR-Propaganda erinnert: "Der Autor unterstellt, dass die Reaktorkatastrophe von den Amerikanern ausgelöst worden ist, indem sie ein künstliches Erdbeben ausgelöst haben. Aber er liefert dafür nicht einen einzigen Beleg. Nur Unterstellungen."

Die Hauptperson ist ein Superagent

"Das alles habe ich selbst erlebt, das alles möchte ich erzählen", verspricht Tkachuk im Vorwort: "Vieles ist autobiografisch und erzählt von den realen Geschehnissen jener Tage." Doch was als "Bericht des Überlebenden" verkauft wird, liest sich wie der Abenteuerroman eines Teenagers.

Tkachuk schreibt von sich in der dritten Person und nennt sich Pravdin. Seine Hauptperson, Andrey Pravdin, ist ein Superagent. Prawda, das ist das russische Wort für Wahrheit. Und der Name des größten sowjetischen Propaganda-Organs.

Er schreibe über sich selbst in der dritten Person, so heißt es von Verlagsseite, "um Abstand zu gewinnnen", wie es auch andere Überlebende getan haben, zum Beispiel der KZ-Überlebende Primo Levi. Der Übersetzer zitiert sogar Emile Zola herbei, den französischen Romancier, der in der Dreyfus-Affäre mutig für die Wahrheit eintrat mit seinem Artikel "J'accuse" - ich klage an.

Tkachuk alias Pravdin klagt in seinem Buch an, und zwar einen amerikanischen Geheimagenten, den er "Robert Lenz" nennt, einen Amerikaner, blond, blauäugig, athletisch und Kind deutscher Emigranten. Der germanische Bösewicht wird vom aufrechten KGB-Agenten Pravdin bei seinen Versuchen beschattet, durch ein künstliches Erdbeben einen Reaktorunfall herbeizuführen. Doch die Anschuldigung bleibt im Ungefähren: "Waren seine Ideen von der Platzierung einer neuen Waffe in der Nähe des Kernkraftwerkes nahe an der Wahrheit? Und hatte das Erdbeben einen Zweck?" Alles weitere überlässt der Literatur-Agent der Phantasie seiner Leser.

Widersprüche? Fakten? Ist doch Literatur!

All das wäre nicht weiter der Rede Wert, wenn Tkachuk seinen Groschenheft-Thriller nicht penetrant mit Fotos von sich selbst illustrieren würde. Auf Seite 49 zum Beispiel beschreibt Tkachuk, was im Kopf des bösen Agenten Lenz vor sich geht: "'Was für ein Glück', dachte Robert und lächelte." Diese Passage wird illustriert mit Fotos, die den Autor und seinen Vater zeigen.

Tkachuk betreibt ein Doppelspiel. Im Vorwort beharrt er auf der Wahrhaftigkeit seines Berichts: "Das alles habe ich selbst erlebt". Doch wieso kann er dann detailliert die Gedanken des bösen Agenten schildern, ohne zu erklären, woher er diese Information hat? Mit Widersprüchen konfrontiert, redet er sich damit heraus, dass es sich um Literatur handele. Aufklärung sieht anders aus. Tkachuk ist ein Doppelagent in eigener Sache.

Der Roman, der überall als Tatsachenbericht beworben wird, ist langatmig. Endlich, in Kapitel 9 von 10, begibt sich der tapfere Pravdin zwanzig Seiten lang auf die Expedition ins Innere der Schutzhülle in Tschernobyl, den Sarkophag: "Die Männer, die durch den radioaktiven Staub stapften, begraben unter dem Sarkophag, gingen ihren Weg, um das Leben künftiger Generationen zu retten." Die Namen der Männer verschweigt der Autor, ebenso wie das Datum der Expedition. Beides tue er angeblich, um die traumatisierten Angehörigen zu schonen, wie er auf Nachfrage behauptet. Mündlich reicht er auch das Datum nach, das in seinem Buch fehlt: November 1987.

"Die Augen traten aus den Höhlen hervor"

"Die Taten dieser Männer waren vergleichbar mit einem Weltraumspaziergang oder mit dem ersten Ausstieg auf dem Mond", schreibt der Autor über seine Helden. Nach nur zehn Minuten im Sarkophag bricht der erste der vier Liquidatoren zusammen und stirbt: "Dieser mittelgroße durchtrainierte Mann griff wild um sich, fiel auf die Knie, riss sich die Gasmaske vom Kopf, sog tief die Luft ein und stürzte auf sein Gesicht. Andrey beugte sich zu ihm, versuchte ihn aufzuheben, aber Lozov rollte auf den Rücken. Seine Lippen verfärbten sich in Sekunden blau, Schaum trat aus seinem Mund, vermischte sich mit dem Staub und sein Gesicht wurde schwarz. Die Augen traten langsam aus den Höhlen hervor, zeigten nur noch das Weiße. Lozov machte noch ein paar tiefe Atemzüge und erlosch."

Gab es einen Obduktionsbericht? Der Autor belässt es bei seiner reißerischen Schilderung, die nicht unbedingt geeignet ist, traumatisierte Angehörige zu schonen.

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1. wenns stimmt ...
blitzunddonner 26.04.2011
"Der Autor unterstellt, dass die Reaktorkatastrophe von den Amerikanern ausgelöst worden ist, indem sie ein künstliches Erdbeben ausgelöst haben. Aber er liefert dafür nicht einen einzigen Beleg. Nur Unterstellungen." nun habe ich in den foren schon so einiges krudes gelesen von den atomverteidigern und fukUshimaverniedlichern. aber das toppt doch dann alles. der real existierende sozialismus feiert hier eine abartige zombiehafte inkarnation. gruselig. ein fall für die anstalt. nicht die im zdf.
2. Danke, Herr Schmundt,
priesemuth 26.04.2011
für Ihre detailreichen Schilderungen aus dem Innern des Buches! Mehr als das, was was Sie geschrieben haben, muss man dazu wirklich nicht wissen, um zu der Überzeugung zu gelangen, dass es es sich bei dem "Tatsachenbericht" um hanebüchenen Quatsch handelt. Ich weiß genau, dass ich es nicht bis zur letzten Seite durchgehalten hätte.
3. Das Buch als Roman lesen
danm. 26.04.2011
Ich habe mir das Buch nach dem Bericht bei Stern.TV gekauft. Vor dem Kauf bin ich auch davon ausgegangen, dass es sich dabei um ein Sachbuch handelt und es kommt in der Aufmachung ja auch so daher. Man kann sich darüber streiten, was hier Wahrheit und Fiktion ist. Man sollte das Buch jedoch als das lesen, was ist - nämlich als spannenden Spionage-Thriller mit einem Thema von aktueller Relevanz. Es gibt sicherlich anspruchsvollere Litaratur - eine kurzweilige Lektüre über die Ostertage war das Buch allemal.
4. und wieder
felisconcolor 26.04.2011
wird es sicher auch hier genug "Gläubige" geben die den "Wahrheitsgehalt" dieses Buches in die Nähe der Bibel rücken werden. Nur weil es in ihre kleine Anschauungswelt passt.
5. ...
Mardor 26.04.2011
Zitat von danm.Ich habe mir das Buch nach dem Bericht bei Stern.TV gekauft. Vor dem Kauf bin ich auch davon ausgegangen, dass es sich dabei um ein Sachbuch handelt und es kommt in der Aufmachung ja auch so daher. Man kann sich darüber streiten, was hier Wahrheit und Fiktion ist. Man sollte das Buch jedoch als das lesen, was ist - nämlich als spannenden Spionage-Thriller mit einem Thema von aktueller Relevanz. Es gibt sicherlich anspruchsvollere Litaratur - eine kurzweilige Lektüre über die Ostertage war das Buch allemal.
Vor allem gibt es sicherlich anspruchsvollere Literatur...
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Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Corbis
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
DPA
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
DPA/ Kyodo/ Maxppp
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
DPA/ NASA
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.

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