Durs Grünbeins Kindheitsbiografie Das Dresden, das ich liebe

Glück ist, wenn dich die Erinnerung gräsergleich an den Schläfen streift: Der Lyriker Durs Grünbein legt mit "Die Jahre im Zoo" ein sprachgewaltiges autobiografisches Buch vor.

Von Thomas Andre

Durs Grünbein: Porträt einer Kindheit und einer geschichtsbewegten Stadt
Tineke de Lange/ Suhrkamp

Durs Grünbein: Porträt einer Kindheit und einer geschichtsbewegten Stadt


Die "Büchse Erinnerung", dichtet Durs Grünbein in einem der lyrischen Intervalle seines Memoirs "Die Jahre im Zoo", sei "ein altes Blech voller Regenwürmer:/Man öffnet sie, und Kindheit, das Erbärmliche, weht einen an". Dieses Erbärmliche ist jedoch nicht der hauptsächliche Wesenszug in Grünbeins Kindheits- und Jugendbeschreibung.

Im Gegenteil: Der preisgekrönte Lyriker lässt, bei aller Genauigkeit in der Beschreibung unschöner Vorkommnisse wie der (einzigen) Tracht Prügel durch die Mutter oder dem Tod des Kameraden, nostalgische, wenn auch nie verklärende Erinnerungen durchaus zu.

Sie beginnen mit den Spaziergängen, den "Inspektionen" mit dem Großvater an der Elbe; der gedankenverlorene Enkel und der Schlachter-Opa, ein Arbeiter, der wortkarg ist und für die Albernheiten des Enkels nicht immer einen Sinn hat. Für Grünbein, den meisterhaften Wortsetzer, überwiegen aber die Momente des Erhebenden, denn Erinnerung hat sowieso immer etwas mit Glück zu tun: "Glück ist, wenn gräsergleich dich Erinnerung/Streift an den Schläfen. Wenn diese erste Welt/Der Blicke und der Benennungen wiederkehrt".

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Es sind - neben den essayistischen Teilen - auch die immer wiederkehrenden Prosagedicht-Verse, die dem atmosphärisch dichten Text sein Gepräge geben. Der Wahl-Römer Grünbein wurde 1962, ein Jahr nach dem Mauerbau, in Dresden geboren und wuchs im Randstadtteil Hellerau auf. In "Die Jahre im Zoo" - der Titel überblendet die Besuche des vom jungen Grünbein innig geliebten Dresdener Zoos mit dem Eingesperrtsein der DDR-Bürger - entwirft der Autor nicht nur das Porträt einer Kindheit, sondern auch das einer geschichtsbewegten Stadt.

Weitgehend ereignislose Jugend

Die Kapitel einer jeden halbwegs gelungenen Adoleszenz werden allesamt aufgeschlagen: Sie handeln von der Beziehung des Ichs zu der Welt - wenig überraschend sucht der Dichter schon früh rituell die Einsamkeit, er spricht außerdem von einer weitgehend ereignislosen Jugend - und frühen Freundschaften, von Indianerspielen und ersten Konflikten mit den Eltern. Es ist die Vita eines Literaturmenschen, die sich formuliergewaltig entblättert. Auf der ersten großen Reise ersteht Grünbein in Budapest Kafkas "Schloss" und die Briefe an Felice, zwei Ausgaben aus dem westlichen Fischer-Verlag: Trophäen für den DDR-Bürger.

Und er erblickt die Auschwitz-Nummer auf dem Unterarm eines anderen Ungarn-Besuchers. Dazu die Familienlegende, nach der der Großvater einst wegen Unbotmäßigkeit von einem Nazi-Schläger angegangen wurde, die in bitterem Ton thematisierte und dem Völkermord zum Opfer gefallene Kafka-Verwandtschaft: Grünbeins Vergangenheitsbewusstsein schließt das frühe Erschrecken mit der späteren Empörung kurz. Dies ist die Familiengeschichte eines Deutschen, zu dessen eigenen Erlebnissen zum Beispiel eine nicht wirklich günstig verlaufene NVA-Musterung gehört - wer bei einer solchen die Erschießung von Republikflüchtlingen kundtut, der versaut sich leicht die eigene Zukunft.

Russenkaserne und Westbesuche

Geschichte, zwei Mal germanisch gewendet, zwei Mal hat sie mit Freiheit nichts zu tun.

Grünbeins Annäherung an die eigene Biografie schließt den Wiedererkennungswert mit ein, den seine Beschreibungen für geografisch und altersmäßig Verwandte haben. Und so beinhaltet sein behutsam gezeichnetes Zeitbild auch die Russenkaserne und die Westbesuche im Osten: "Die Jahre im Zoo" ist ein DDR- und besonders ein Dresdenbuch.

Gerade angesichts der beredt geäußerten Trauer über die Menschheitsverbrechen der Nazis und die Irrwege des Sozialismus ist in ihm der humanistische Gedanke implizit enthalten. Der Autobiograf Grünbein findet ihn früh in den Büchern, die er selbst liest - er begibt sich auch auf Kafka-Wallfahrt nach Prag -, vor allem aber direkt vor der Haustür. In Hellerau wurde 1909 die erste deutsche Gartenstadt gegründet. In ihr realisierten namhafte Architekten wie Richard Riemerschmid ihre baulichen Ideen, die mit alternativen Lebensmodellen einhergingen.

Die Feierlichkeit ("meine erste Welt, mein verwunschenes Hellerau"), mit der Grünbein die Pionier-Landschaft in seinem Heimatort re-imaginiert, hat nicht nur etwas mit den vitalen Kindheitserinnerungen zu tun. Nach der Schule toben die Schüler zur Möbelfabrik in der Gartenstadt, später absolviert der Jugendliche dort ein Praktikum und noch viel später wird Grünbein hier "überwältigt vom Heimatgefühl". Er tritt ein "ins Erinnerungsland" und fragt sich: "Herr im Himmel, fängt so das Altern an?"

Nein, diese Feierlichkeit, diese emphatische Aufladung des historischen Orts muss, denkt man bei der Lektüre, auch etwas über die Gegenwart aussagen. Denn die menschenfreundliche, progressive Gartenstadt ist das Gegenbild zum bornierten Pegida-Dresden, zum fiesen Dunkeldeutschland dieser Tage, in dem der Kleingeist mit trotzigem Aufstampfen spazieren geht.

Der "Wildwestträumer" Karl May, der Nachbilder und Erfinder fremder Welten, dient Grünbein als Beweis für die eigentliche Charaktereigenschaft seiner Landsleute: "Wir Sachsen waren umgeben von lauter Phantasterei". Und so ist auch "Die Jahre im Zoo" manchmal das mentalitätsmäßig verbriefte Zeugnis eines in der Sprache schwelgenden Träumers, der mit seiner Vorstellungskraft Grenzen überwinden will.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
mallekalle 03.12.2015
1. Danke
Herr Andre, eine sehr schön geschriebene Rezension. Bis auf das eine Wort am Ende mit den drei d. Das braucht niemand. Ich werde mir das Buch auch Dank Ihrer Empfehlung kaufen. MfG
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