Echo auf Grass' SS-Vergangenheit: "Ende einer moralischen Instanz"

Günter Grass war Mitglied der Waffen-SS. Das jahrzehntelange Schweigen des Literaturnobelpreisträgers zu seiner Vergangenheit irritiert Deutschlands Literaturbetrieb. Kollegen geben sich enttäuscht. Nur vereinzelt findet sich Verständnis für das Verhalten des Schriftstellers.

Berlin - Der Autor Walter Kempowski kritisierte im Berliner "Tagesspiegel", das Eingeständnis des Literatur-Nobelpreisträgers komme "ein bisschen spät". Der Grass-Biograf Michael Jürgs sagte dem Blatt, er sei "persönlich enttäuscht" und sprach vom "Ende einer moralischen Instanz".

Schriftsteller Grass: "Moralisierendes Lebenswerk entwertet
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Schriftsteller Grass: "Moralisierendes Lebenswerk entwertet

Demgegenüber sagte der Kölner Schriftsteller Dieter Wellershoff dem "Kölner Stadt-Anzeiger", das Bekenntnis solle nicht dazu benutzt werden, Grass moralisch abzuurteilen: "Man lebt in der Welt, in die man hinein geboren wird." Zu der Frage, warum Grass sein Schweigen erst so spät gebrochen habe, sagte Wellershoff, möglicherweise habe der Schriftsteller die "Kritikwürdigkeit" gefürchtet.

Auch nach Ansicht von Ralph Giordano, 83, kommt das Bekenntnis von Grass keinesfalls zu spät. "Ich habe Leute gekannt, die erst mit 80 oder 85 Jahren bekannt haben, was sie falsch gemacht haben", sagte der Autor. Schlimmer als einen Irrtum zu begehen, sei es, keine Konsequenz daraus zu ziehen und das habe Grass ja schon lange gemacht. "Für mich verliert er durch diese Öffnung nicht an moralischer Glaubwürdigkeit - in keiner Weise, das möchte ich hier ganz klar und unmissverständlich sagen."

Für den Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, 68, stehen "das künstlerische Werk und seine politische und moralische Integrität auch nach seinem Bekenntnis außer Zweifel". " Ich trenne nicht zwischen Werk und Person", sagte Staeck.

Hingegen betonte der Historiker Michael Wolffsohn, das Eingeständnis von Grass komme zu spät. "Durch sein beharrliches Schweigen wird Grass' moralisierendes, nicht sein fabulierendes Lebenswerk entwertet", schrieb Wolffsohn in einem Gastbeitrag für die "Netzeitung". "Bleiben werden Grass' Worte, nicht seine Werte."

Grass hatte in einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" berichtet, er habe sich mit fünfzehn Jahren freiwillig zur U-Boot-Truppe gemeldet, die aber niemanden mehr genommen habe. So sei er als Siebzehnjähriger aus dem Reichsarbeitsdienst nach Dresden zur Waffen-SS einberufen worden. Er habe in der zehnten SS-Panzerdivision "Frundsberg" gedient. Bislang hatte es in den Biographien des 1927 geborenen Schriftstellers geheißen, er sei 1944 als Flakhelfer eingezogen worden und habe dann als Soldat gedient.

Grass nimmt in seinem Erinnerungsbuch "Beim Häuten der Zwiebel" dazu Stellung, das im September erscheint. "Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das musste raus, endlich", sagte er der "FAZ". Er habe damals versucht, um die Einberufung herumzukommen. "Ich habe mir selbst die Gelbsucht beigebracht, das reichte aber nur für ein paar Wochen."

Zu seiner freiwilligen Meldung zur Wehrmacht zuvor sagte er: "Mir ging es zunächst vor allem darum rauszukommen. Aus der Enge, aus der Familie. Das wollte ich beenden." Erst später habe ihn "dieses Schuldgefühl als Schande belastet". Es sei für ihn immer mit der Frage verbunden gewesen: "Hättest du zu dem Zeitpunkt erkennen können, was da mit dir vor sich geht?"

dab/AFP

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