Politischer Verleger Lutz Schulenburg gestorben

Mit der Edition Nautilus verschaffte er der radikalen Linken ein Forum und entwickelte den Verlag dann kontinuierlich weiter - bis ihm mit Andrea Maria Schenkels Krimi "Tannöd" ein Bestseller gelang. Nun ist der Verleger Lutz Schulenburg im Alter von 60 Jahren gestorben.

Nautilus-Verleger Lutz Schulenburg: Anarchistische Umtriebe
Ute Schendel

Nautilus-Verleger Lutz Schulenburg: Anarchistische Umtriebe


Hamburg - Damals, als die Linke für die große Freiheit, kühne Ziele und ein wildes Leben jenseits bürgerlicher Zwänge stand, schloss sich Lutz Schulenburg 1968 der örtlichen sozialistischen Schülergruppe an. Mit 16 Jahren strandete er im Jahr darauf beim Versuch nach Kuba zu kommen in München. Dort war er unter Gammlern, Ausreißern aus Heimen und rebellischen Schülern unterwegs, hielt sich mit Hilfsjobs über Wasser, etwa als Verkäufer der "Abendzeitung", auf einem Schrottplatz und in einer Wäscherei.

Als "streunender Jugendlicher" wurde Schulenburg nach einer Polizeirazzia kurzzeitig dem Jugendarrest überantwortet - und schließlich in "elterliche Obhut" zurück nach Hamburg-Bergedorf geschickt.

Aus der Schule wegen unentschuldigter Abwesenheit entlassen, begann Schulenburg zuerst eine Lehre als Dekorateur, wurde wegen anarchistischer Umtriebe aus der Gewerkschaft ausgeschlossen. 1971 war er Mitbegründer der Zeitschrift "MAD - Materialien, Analysen, Dokumente" (später umbenannt in "Revolte!"), Teilnehmer des Anarchistischen Weltkongresses in Paris und Teilnehmer an der Kampagne für "Freie Strände" in Südfrankreich - bis er von dem regionalen Präfekten ausgewiesen wurde.

Im Alter von 19 Jahren nahm Schulenburg 1972 gemeinsam mit Hanna Mittelstädt die Buchproduktion auf, vier Jahre später musste sich das gemeinsame Unternehmen aus juristischen Gründen umbenennen: Es wurde zur Edition Nautilius - und unter diesem Namen zur langsam aber kontinuierlich bedeutsamer werdenden Adresse auf dem deutschen Buchmarkt. Ein kleiner Verlag, der in einem ambitionierten Programm das politische und kulturhistorische Sachbuch ebenso pflegte wie die internationale Literatur und den Kriminalroman.

Nautilus verlegte ein aufschlussreiches autobiografisches Buch des Baader-Weggefährten Thorwald Proll, Texte der RAF-Kämpfer Inge Viett und Karl-Heinz Dellwo. Zuletzt erschien in diesem Zusammenhang Anja Röhls "Die Frau meines Vaters", eine Erinnerung an Ulrike Meinhof. Dazu kamen Bücher wie Roberto Ohrts "Phantom Avantgarde", in dem dieser einer lange Zeit übersehenen Spielart der Nachkriegskunst nachging: dem Situationismus. Und, weit erfolgreicher als jeder andere Titel des Verlags, schließlich "Tannöd" von Andrea Maria Schenkel - dank der Empfehlung von Elke Heidenreich einer der Bestseller des Jahres 2007.

Am 1. Mai 2013 ist Lutz Schulenburg nach kurzer Krankheit gestorben. Er wurde 60 Jahre alt. Das teilte die Edition Nautilus in Hamburg mit.

sha



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