Literatur-Shootingstar Édouard Louis Der Rassist in mir

Schonungslos schildert der französische Schriftsteller Édouard Louis in seinem neuem Roman "Im Herzen der Gewalt" die eigene Vergewaltigung - und wie sich mit der Paranoia überwunden geglaubte Vorurteile einschleichen.

Autor Édouard Louis
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Autor Édouard Louis

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Eine Nacht hat sein Leben zerstört. Es sollte eigentlich eine schöne Erfahrung werden, als der Ich-Erzähler Édouard in der Nacht des Heiligabends in der Nähe des Pariser Place de la République auf Reda trifft. Reda schmeichelt ihm, will den Ich-Erzähler kennenlernen und noch was mit ihm trinken gehen. Irgendwann nimmt Reda die Hand von Édouard und legt sie auf seine Jogginghose, damit Édouard seinen Schwanz spürt. Und in diesem Moment gibt der Ich-Erzähler nach.

Eigentlich wollte er nach dem Weihnachtsessen mit seinen Freunden die Bücher lesen, die er geschenkt bekommen hat. Aber er gibt nach. Édouard nimmt Reda mit zu sich hoch, sie schlafen miteinander, mehrfach, Reda hält sich nach dem Sex an Édouards Penis fest, will ihn nie wieder loslassen, sie schaffen eine gemeinsame Intimität. Und dann, von jetzt auf gleich, ändert sich alles.

In seinem zweiten Roman "Im Herzen der Gewalt" nutzt der Autor Édouard Louis wieder die eigene Biografie als Ausgangspunkt für seine Geschichte. Die schlimme Nacht, die hat Louis selbst erlebt. Der 24-Jährige wurde vor drei Jahren mit "Das Ende von Eddy" zum Shootingstar. In seinem Debüt schrieb Louis über seine Kindheit in Nordfrankreich, über Rassismus, Homophobie, aber auch über den Unterschied der Klassen - ähnlich wie es bereits Didier Eribon in seinem viel beachteten Buch "Rückkehr nach Reims" getan hat.

Erklären, verändern, kaschieren

Und ähnlich wie Eribon kehrt der Ich-Erzähler in Louis' zweiten Roman zurück nach Hause, zu seiner Familie, an den Ort, von dem er sich komplett lösen wollte. Und ähnlich wie bei Eribon benutzt Louis auch die Soziologie Pierre Bourdieus, um den Versuch zu erklären, seinen Habitus und Duktus zu verändern, seine Distinktionsmerkmale zu kaschieren. Erst durch das Studium hat der Ich-Erzähler es geschafft, sich nicht nur räumlich, sondern auch symbolisch, sozial, vollständig zu lösen.

Didier Eribon
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Didier Eribon

Aber nach der Nacht, in der Édouard gefesselt, die Kehle mit einem Schal zugeschnürt, mit einer Pistole bedroht und vergewaltigt wird, flieht er aus Paris nach Hause zu seiner Schwester Clara, die seine Geschichte ihrem Mann erzählt, während der Ich-Erzähler hinter der Tür lauscht. Es ist diese Form des unzuverlässigen Erzählens, die "Im Herzen der Gewalt" so machtvoll macht, die Schwester färbt die Erfahrung des Bruders ein, schweift ab, verwebt sie mit ihrer beider Kindheit, während der Ich-Erzähler am Türspalt hängt, zuhört und kommentiert.

Louis schreibt nüchterne, fast schon analytische Sätze, driftet in philosophische Fragen ab und schafft es, die ganze Geschichte in ihrer ganzen Grausamkeit zusammenzuhalten: "Als er mich vergewaltigte, schrie ich nicht, aus Angst, er könnte auf mich schießen. Ich rührte und regte mich nicht. Mit trockenem Klatschen rammte mich sein Becken. Ich konzentrierte mich auf das Pfirsicharoma."

Der eigenen Geschichte beraubt

Neben der Scham, die Édouard spürt, paaren sich Wut und Hass. Und der Weg durch die Institutionen - Ärzte, Polizei, Psychologe - tragen nicht dazu bei, dem Ich-Erzähler zu helfen, er fühlt sich eher verraten, seiner Geschichte beraubt, die er immer und immer wieder wiederholen muss, die immer und immer wieder in Frage gestellt wird. "Ich begriff an jenem Abend nicht, wie es angehen sollte, dass mein Bericht nicht mehr mir gehören sollte, sondern der Justiz", schreibt Louis, während der Ich-Erzähler versucht, die Macht zurückzugewinnen durch den "Irrsinn des Redens" - er erzählt allen seine Geschichte, so wie er sie erlebt hat und unabhängig davon, ob sein Gegenüber sie hören will oder nicht.

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Édouard Louis:
Im Herzen der Gewalt

Aus dem Französischen von Hinrich-Schmidt-Henkel

Fischer; 224 Seiten; 20 Euro

In der Nacht eskaliert die Situation zwischen Reda und Édouard, als Letzterer vom Duschen zurückkommt und sein Mobiltelefon nicht mehr findet, um auf Uhr zu schauen. Dann entdeckt er sein iPad zufälligerweise in Redas Manteltasche. Er konfrontiert Reda, sehr sanft, und Reda rastet aus, weil er kein Dieb sei. Reda beginnt zu brüllen, und es ist der Lärm, der zuerst am meisten schmerzt. Édouard gibt nicht auf, versucht den Diebstahl kleinzureden, weil er mittlerweile als petit bourgeois ja kein Rassist und schließlich alles ja auch ein Missverständnis sein kann. Seine Schwester fasst es wie folgt zusammen: "Sogar in der Situation kann er nicht aufhören mit seinem Feine-Leute-Gerede, kein Wunder, dass der andere noch wütender wurde, und er sagt, Wenn du willst, tun wir so, als wäre das nie passiert, das ist ganz unwichtig." Und Reda? Flippt aus.

Der ungeschönte Umgang

Nach der Nacht wird Édouard die ganze Zeit mit dem Rassismus der Beamten konfrontiert: "Auf der Kopie der Anzeige, die ich zu Hause aufbewahre, heißt es im Polizeijargon: Maghrebinischer Typus. Jedes Mal, wenn ich mir das Blatt anschaue, ärgere ich mich über den Begriff." Und später dann: "...für sie implizierte maghrebinischer Typus keine geographische Information, sondern bedeutete schlicht Schurke, Übeltäter, Krimineller." Das war übrigens auch einer der Gründe, wieso er ursprünglich keine Anzeige erstatten wollte. So redet es sich der Ich-Erzähler ein, als er von seinen Freunden Geoffroy und Didier dann doch überredet wird.

Aber eigentlich will er nicht - aus Angst, Reda könnte irgendwo auftauchen. Und mit der Paranoia schleichen sich rassistische Grundgedanken ein: "Im Bus, in der Metro senkte ich den Blick, wenn ein Schwarzer oder Araber oder möglicher Kabyle mir näherkam." Und dann der stärkste Satz: "Ich war zum Rassisten geworden. Der Rassismus, also, was ich immer als das meinem Wesen radikal Entgegengesetzte empfunden hatte, das absolut andere meiner selbst, erfüllte mich unvermittelt, ich war die anderen geworden." Hier zeigt sich Édouard Louis' ganzer Mut, er hätte diesen Satz nicht aufschreiben müssen, aber die Kraft des Romans entfaltet sich genau dadurch, durch Édouards ungeschönten Umgang - mit sich selbst.

Édouard floh eigentlich vor dem Rassismus aus dem ländlichen Norden Frankreichs nach Paris, um sich beweisen zu können: Ich bin anders als meine Familie. Aber die Wahrheit ist: Auch, wenn du fliehst, dich in besserer Umgebung aufhältst, studierst und dich als links verstehst, du kannst die rassistischen Strukturen nicht so einfach hinter dir lassen.

Rassismus, sexuelle Gewalt, der Gang der Institutionen und Machtlosigkeit sind die zentralen Themen von "Im Herzen der Gewalt". Am Ende geht es in dem Roman auch um Freundschaft, vor allem die zu Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie, die alles mit dem Ich-Erzähler durchgestanden haben. Im realen Leben haben sie auch Édouard Louis geschützt, zum Beispiel als eine Reporterin des "Nouvel Observateur" die Geschehnisse der Nacht in Frage gestellt hat. Die Geschichte gehört aber Édouard Louis und niemandem sonst. Er war dabei, er hat sie erlebt. Es ist seine Wahrheit.

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