Édouard Louis über seinen Arbeitervater Die Fabrik frisst ihre Leute

Mit 26 Jahren ist er schon einer der bekanntesten Schriftsteller Frankreichs: "Wer hat meinen Vater umgebracht", fragt Édouard Louis nun in seinem neuen Buch - eine Anklage, eine Aussöhnung, eine Polemik.

Autor Édouard Louis
Jerome Bonnet/ modds/ S. Fischer

Autor Édouard Louis


Wäre dieses Buch ein Theaterstück, würden ein Vater und ein Sohn in einem großen, leeren Raum stehen, mit einigen Metern Abstand zwischen ihnen. Sie sehen sich kaum an, bisweilen berühren sich ihre Körper, aber sie bleiben voneinander isoliert. Der Sohn erzählt die Geschichte seines Vaters, für die der Vater keine Worte hat.

Mit dieser Szene beginnt das neue, schmale Buch von Édouard Louis, "Wer hat meinen Vater umgebracht". Ein autobiografischer Text, wie schon die anderen beiden Bücher des 26-Jährigen, und ein ausgesprochen zorniger, stellenweise radikal polemischer. Louis, der eigentlich Eddy Bellegueule heißt, ist Bestsellerautor, einer der bekanntesten Schriftsteller Frankreichs. Er zitiert Sartre und den Soziologen Pierre Bourdieu, nennt das, was er macht, "konfrontativ" und äußert Sympathien für die Gelbwesten. Auch im Élysée-Palast wurde sein neues Buch gelesen.

Die Fabrik frisst ihre Leute. Eines Tages hat der Mann, der Édouard Louis' Vater ist, während der Arbeit einen schweren Unfall. Eine Last fällt auf ihn, seine Wirbelsäule ist zerschmettert. Er braucht lange, bevor er wieder reden und sich bewegen kann. Die Schmerzen bleiben ihm sein ganzes Leben lang. Er bekommt Sozialhilfe, muss sich aber um eine neue Arbeit bemühen und wird schließlich in einer anderen Stadt als Straßenfeger angestellt.

Sprachrohr seines Arbeitervaters

Du "musstest buckeln trotz deiner ruinierten Wirbelsäule", schreibt der Sohn und klagt eine Reihe von Politikern an: Chirac, Sarkozy, Hollande, Macron und viele andere mehr. "Die Geschichte deines Körpers ist die Geschichte dieser Namen, die aufeinandergefolgt sind, um dich zu zerstören." Der Vater, das Opfer, die politische Elite, die Täter.

Was Édouard Louis hier verfasst, ist reinste Klassenkampfprosa aus dem Geiste des Marxismus. Der Sohn instrumentalisiert die Geschichte des Vaters, um seiner Wut gegenüber den "Herrschenden" freien Lauf zu lassen. (Lesen Sie hier ein Essay von Louis über die französische Arbeiterklasse) Er, der Intellektuelle, der mittlerweile nicht mehr in dem nordfranzösischen Dorf lebt, aus dem er stammt, sondern in Paris, wird zum Sprachrohr seines Arbeitervaters, geboren 1967.

"Wer hat meinen Vater umgebracht" ist aber auch ein Buch der Versöhnung. In seiner Kindheit hat Édouard Louis unter seinem jähzornigen, häufig alkoholisierten Vater gelitten. Der Autor beschreibt das in seinem fulminanten Debüt "Das Ende von Eddy" mit gnadenloser Schärfe. Auch im neuen Buch wirft er Schlaglichter auf seine bedrückende Kindheit, wiederholt Episoden, die wir schon aus seinem Debüt kennen. Immer wieder geht es um Demütigung, Scham und Enttäuschung.

Eines Abends sind zu Hause bei Eddys Familie Gäste eingeladen, und er hat mit drei anderen Jungen eine Vorführung einstudiert, sie treten gemeinsam als Popband auf. Eddy spielt eine Sängerin, tanzt exaltiert, die Gäste gucken zu, nur der Vater schaut ostentativ weg, und der Sohn ist schwer getroffen.

Dass der Männlichkeitswahn des Vaters auch damit zu tun hat, dass er eigene geheime Neigungen systematisch verdrängt, zeigt Louis pointiert. Auch der Vater hat einmal gern getanzt und bei der verzweifelten Opernarie einer Sängerin im Fernsehen feuchte Augen bekommen. Doch er wehrt das alles ab. Dass der Sohn sich seiner Meinung nach wie eine Schwuchtel aufführt, erfüllt den Vater mit tiefer Scham.

Aussöhnung instrumentalisiert?

Jahre später entschuldigt sich der Vater, mittlerweile über fünfzig und schwerkrank, bei seinem Sohn. Das ist neu. Neu ist auch, dass der Vater, der sein Leben lang meinte, an den Problemen Frankreichs seien die Ausländer und Homosexuellen schuld, jetzt den Rassismus im Land kritisiert. Und dass er die Homosexualität des Sohnes akzeptiert, sein politisches Engagement gut heißt. Eine Gefühls- und Meinungskehrtwende um 180 Grad.

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Édouard Louis:
Wer hat meinen Vater umgebracht

übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel

S. Fischer Verlag; 80 Seiten; 16 Euro

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Als Leser hat man in diesem Thesen-Buch das Gefühl, dass Louis auch die Aussöhnung mit seinem Vater ein Stück weit instrumentalisiert, als Solidarisierungskampagne inszeniert. Eine späte, nachgetragene Liebe zu dem Mann, der einem die Kindheit versaut hat, stellt man sich anders vor, nachdenklicher, subtiler.

Und doch, trotz aller Kritik, auch in den französischen Medien, ist "Wer hat meinen Vater umgebracht" ein aufwühlendes Buch. Weil es um sozialen Aufstieg und um soziale Durchlässigkeit geht. Um verpasste Chancen und um Verstrickungen in fatale Gedankenmuster.

Vielleicht, mutmaßt ein Freund des Autors, hat der Vater darunter gelitten, "dass er jemand anderes hätte werden können und nicht geworden ist". Im Gegenzug hat der Vater an seinen intelligenten Sohn geglaubt, daran, dass aus ihm einmal etwas Anständiges werden könne, Lehrer, Arzt oder sogar Minister. Als der Sohn das erfährt, ist er konsterniert. Warum, verdammt, hatte der Vater ihm das nie gesagt?



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