Genderkonzepte "Eine spezifische männliche Zerbrechlichkeit"

In "Die katholische Schule" beschreibt Edoardo Albinati sein Aufwachsen als Junge in Rom - und einen realen Mordfall, der in die Geschichte Italiens einging. Ein Gespräch über Matteo Salvini, Männlichkeit und Gewalt.

Siebzigerjahre in Italien (Symbolbild)
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Siebzigerjahre in Italien (Symbolbild)

Ein Interview von


  • Marco Delogu/ Piper
    Edoardo Albinati, Jahrgang Jahrgang 1956, ist ein in Rom lebender italienischer Regisseur, Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er engagiert sich in der Flüchtlingshilfe und unterrichtet seit über 20 Jahren Strafgefangene im Gefängnis von Rebibbia. Für seinen vierten Roman "Die katholische Schule" erhielt er den wichtigen Literaturpreis Premio Strega.

SPIEGEL ONLINE: Herr Albinati, in Ihrem Buch "Die katholische Schule" erzählen Sie von einem Verbrechen, das der Serienmörder Angelo Izzo 1975 verübte: Beim "Massaker vom Circeo" wurden zwei junge Frauen entführt und gefoltert, eine von ihnen umgebracht. Warum haben Sie sich für diese Geschichte entschieden?

Edoardo Albinati: Das Verbrechen vom Circeo ist der Motor für meine Geschichte. Das zweite Verbrechen von Izzo im Jahr 2005 war für mich aber noch bedeutender.

SPIEGEL ONLINE: Izzo kam 2004 in den offenen Strafvollzug und ermordete ein Jahr später eine 48-jährige Frau und deren 14-jährige Tochter. Wieso empfinden Sie diesen Mord als wichtiger?

Albinati: Die alte Geschichte vom Circeo lag schon lange begraben. Alle hatten sich schon dazu geäußert, die Justiz, die Presse, die Gesellschaft. Es war quasi schon auserzählt. Wenn man mich aber fragt, wovon mein Buch im Kern handelt, dann würde ich aber nicht sagen, von einem Serienmörder - sondern von männlicher Identität.

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Edoardo Albinati:
Die katholische Schule

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Berlin Verlag, 1296 Seiten, 38 Euro

SPIEGEL ONLINE Wie würden Sie diese Identität beschreiben?

Albinati: Als den Abstand zwischen dem, wie man wirklich ist und dem Männlichkeitsideal, das praktiziert und verbreitet wird. Irgendwo dazwischen gibt es eine spezifisch männliche Zerbrechlichkeit, die von Anfang an gegen das Ideal verliert. Du beginnst dein Leben als Mann quasi schon mit einem Konflikt. Männlichkeit ist etwas, das du ständig unter Beweis stellen musst, auf allen Spielfeldern des Lebens: dem erotischen, dem familiären. Dabei kannst du jederzeit verlieren, deshalb muss dieser Konflikt gekittet werden. Ein Weg dies zu tun, ist durch Gewalt.

SPIEGEL ONLINE: In Italien stirbt jeden zweiten Tag eine Frau durch die Hand ihres Partners, Mannes oder Ex-Freundes.

Albinati: Meistens haben diese Morde etwas mit Verlust zu tun. Dieses Gefühl, etwas zu verlieren, was einmal dir gehört hat, ist typisch männlich. Davon bin ich überzeugt. Das ist nämlich die Totalzerstörung. Durch den Verlust verlierst du als Mann alles, deine ganze Daseinsberechtigung.

SPIEGEL ONLINE: Und an diesem Konflikt arbeiten sich Männer auch noch heute ab?

Albinati: Auf den ersten Blick scheint alles besser zu sein, zum Beispiel für Homosexuelle - obwohl mir Freunde das Gegenteil sagen. Damals, zu meiner Schulzeit in der katholischen Schule, war die größte Angst von uns allen zu entdecken, selbst homosexuell zu sein. Es gab deshalb nur zwei Möglichkeiten: entweder die ganze Zeit beweisen, dass man es nicht ist oder in Schuld leben. Ich glaube, dass es jetzt anders ist und sich das Modell der Männlichkeit langsam verändert.

Serienmörder Angelo Izzo, 1975
Archivio/ A3/ contrasto/ laif

Serienmörder Angelo Izzo, 1975

SPIEGEL ONLINE: Wobei heute immer noch das Ideal der Virilität allgegenwärtig ist. Männer müssen stark sein, der Chef und so weiter.

Albinati: Dieses Ideal hat sich sehr auf den ökonomischen Erfolg verlagert. Es gibt aber zudem ein faschistisches Modell, das Teil einer spezifischen italienischen Kultur ist, und es taucht wieder auf.

SPIEGEL ONLINE: Spielen Sie da auf neue rechte Politiker an, wie den Innenminister Matteo Salvini?

Albinati: Ja, an dieses Aufplustern der Brust oder, wie Salvini selbst sagt, an das Die-Muskeln-Zeigen. Es geht nicht um Männlichkeit in seiner Gänze, sondern um die Form der Macht, sei es politisch oder eben wirtschaftlich. Das hat aber eben mehr mit der großen italienischen Erfindung des Faschismus zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Albinati: Es hängt mit der Idee zusammen, dass es nur einen entschlossenen Mann braucht, der mit dem ganzen Geschwätz aufhört und sich dann alles ändert. Das ist die Form von Antipolitik, wie Mussolini aber auch Berlusconi und Renzi sie betrieben haben. Antipolitik ist eine unserer Traditionen und sie funktioniert, indem man den anderen, den Gegner, einfach zerstört.

SPIEGEL ONLINE: Und in der italienischen Linken fehlt dieser entschlossene Typus Mann?

Albinati: Es sollte ja eigentlich Renzi sein. Jetzt müsste jemand nachrücken, der noch arroganter als Salvini ist. Salvini hat sich ja, ähnlich wie Mussolini, vom Sozialisten zum Faschisten gewandelt. In die Art der Zerstörung gehört auch das Negieren der eigenen Vergangenheit.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einem Beitrag geschrieben, dass sie hoffen, ein Kind würde auf der "Aquarius" sterben. Sie wollten damit die italienische Gesellschaft aufrütteln. War das wirklich der richtige Weg?

Albinati: Das war es natürlich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie geglaubt, dass sich dadurch was ändern würde?

Albinati: Nein! In einem Pamphlet, das in Italien schon veröffentlicht wurde, schreibe ich auch, dass ich mich dafür schäme. Nicht, dass ich es gesagt habe, sondern, weil die Idee so was zu sagen eben auch an einer Form des Muskeln-Zeigens orientiert war. Der Gedanke war naiv. Das was ich gesagt habe, ist ja später passiert - und es hat trotzdem niemanden interessiert.

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